Celo und Abdi in den Räumen ihres Labels 385i in Frankfurt-Fechenheim.

Zu Besuch in der Zentrale des Deutschraps: Syn, Celo & Abdi vom Label 385i bringen aufstrebende Rapper groß heraus. Zugleich kümmern sie sich darum, dass sie nicht abheben - mit deutschen Tugenden.

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zum you-fm.de Video Der Freestyle von Celo, Abdi und Krime bei YOU FM featuring FLEX FM

Celo, Abdi, Krime bei YOU FM featuring FLEX FM
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Ein Gebäude auf einem Hinterhof in einem Gewerbegebiet im Frankfurter Ostend, grau, unscheinbar. Goldene Ferraris auf dem Parkplatz? Könnte man vermuten bei der Zentrale eines der wichtigsten Rap-Labels Frankfurts und Deutschlands. Es stehen aber keine da, noch nicht einmal schwere SUVs.

Dass hier eine Menge "Para", Slang für Geld, gemacht wird, danach sieht das Haus nicht aus. Ein kleiner Sticker über den vielen Klingelschildern, Rot auf Schwarz: "385i". So heißt das Label des Rap-Duos Celo & Abdi und ihres Freunds Syn.

Mehr als 150 Millionen Abrufe auf Youtube

Im Treppenhaus wummern dumpfe Beats. Es riecht nach Zigarettenrauch. Auf ein kurzes Klopfen hin öffnet sich die Tür im ersten Stock. "Hallo, komm rein", sagt Syn, groß, breitschultrig. Er streckt die Hand aus zur Begrüßung. Fester Händedruck. Eintritt in die interne Welt des Deutschraps.

Hinter der Tür von 385i (das i steht für idéal, oft liest man auch den Labelnamen 385idéal) findet ein Boxkampf statt. Mann gegen Mann - allerdings nur auf der Playstation. Muskulöse Jungs starren gebannt auf einen riesigen Bildschirm an der Wand. Einer von ihnen ist Olexesh, himmelblauer Trainingsanzug, Glatze, Goldkette. Er sieht genauso aus wie in seinen Musikvideos. Olexiy Kosarev, so Olexeshs bürgerlicher Name, wird manchmal "Eminem von Darmstadt" genannt. Mit seinem schmalen Gesicht erinnert er an den Erfolgsrapper aus Detroit.

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zum you-fm.de Video Celo & Abdi über Ghostwriting, Geheimrezepte im Rap, Olexesh, Nimo und Boss-sein (Teil 1)

FLEX FM Celo & Abdi
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Das Label 385i hat derzeit drei Rapper unter Vertrag. Die beiden erfolgreichsten sind Nimo und Olexesh. Sie sammelten mit ihren Stücken ("Zoey", "Augen Husky", "Makadam", "Rolexesh") mehr als 150 Millionen Klicks auf Youtube, haben zusammen monatlich 4,4 Millionen Hörer auf der Streamingplattform Spotify, 2,2 Millionen Follower bei Instagram.

Damit erreichen Nimo und Olexesh sogar mehr Fans als ihre Produzenten. Gerade bei den 13- bis 20-Jährigen ist die Reichweite in den Sozialen Netzwerken der Maßstab für Erfolg. Wer geklickt wird, kommt an, ist populär, ganz einfach.

Schmächtiger Junge, von unten gefilmt, chefmäßig

Im 385i-Büro sitzt Syn an einem Tisch, darauf viele Handys, Zigarettenpackungen. Celo bereitet in der kleinen Kochnische einen starken Mokka zu. Abdi ist noch nicht da, er komme etwas später, sagen die anderen. Während des Gesprächs wird viel geraucht, junge Männer kommen und gehen, alle geben sich locker.

Das neueste Mitglied bei 385i ist Kevin, 18 Jahre, Künstlername Krime, schmächtiger Junge, aschblonde Haare, bei der Begegnung im Tonstudio schüchtern, fast unscheinbar. In seinen Musikvideos ist davon nichts mehr zu erkennen. In "Gib Mir Mehr Davon" etwa lässt er sich in ausladenden Hip-Hop-Posen von unten filmen, chefmäßig, in dicken Autos, inmitten seiner Jungs. Auch Krime erreicht ein Millionenpublikum, bringt jede Woche einen neuen Track raus.

Nie war Deutschrap größer

Seit neun Jahren betreiben die Labelbosse Celo, eigentlich Erol Huseincehajic, Michael Lukaschyk (Syn) und Abderrahim el Ommali alias Abdi ihr Musik-Business 385i. "Wenn du zu uns kommst, musst du nur rappen können. Den Rest klären wir für dich", sagt Syn.

Der Rest, das sind Musikvideos, Termine, Vermarktung. "Wir begleiten die Menschen in ihrer Reifephase, helfen ihnen, wie es ist, wenn sie plötzlich 100.000 Euro auf dem Konto haben, Mädchen mit ihnen reden wollen, weil sie bekannt sind oder ständig fotografiert werden", erklärt Syn. Die Labelbosse sprechen von der Verantwortung, die sie für ihre Jungs haben, und so wie sie es sagen, klingt es sofort glaubwürdig.

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zum you-fm.de Video Celo & Abdi über den Schlüssel zum Erfolg, Labelarbeit und ihr neues Signing Krime (Teil 2)

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Nie war Deutschrap größer, gesellschaftlich etablierter. Deutschrap dominiert die Streamingdienste, Charts, Schulhöfe. Es ist die Musik der jungen Generation, ganz gleich welcher Herkunft.

Straßenrap ist wie Frankfurt

Frankfurt und Umgebung gelten als Hochburg der Szene, besonders im harten Straßenrap. Musiker von hier trugen seit den 1990ern entscheidend zur Verbreitung des Genres bei. Die aggressiven Raps von Moses Pelham und seinem Rödelheim Hartreim Projekt, von Azad, von Haftbefehl über Armut, Kriminalität, Drogenkonsum waren in Deutschland neu, stilprägend. Frankfurts Gegensätze dienen den Rappern als Inspirationsquelle.

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"Alle Adjektive, die für Straßenrap stehen, hart, real, tough, kann man ohne Probleme auch Frankfurt nachsagen", erklärt Simon Vogt, Moderator bei youfm, Host einer Deutschrap-Radiosendung: "Beim Rap lässt sich Frankfurt nicht ans Bein pissen, weil hier so viel Gutes herkommt. In dem Bereich zählt die Stadt zu den Untouchables."

Der Slang ist jetzt radiotauglich

Für ihren Erfolg haben die Macher von 385i hart gearbeitet. Celos und Abdis Eltern kamen als Gastarbeiter nach Frankfurt. Syn ist in Kattowitz, Polen, geboren, lebt, seit er fünf Jahre alt ist, in Deutschland. "Früher", sagt Celo, "haben die Leute unsere Sprache, unseren Slang nicht verstanden. Die haben sich gefragt: Was sagen die da? Und genau das wird jetzt im Radio gespielt."

Celo & Abdi in einem Kiosk, Promofoto

In ihren Texten arbeiten Celo & Abdi mit einem Sprachenmix aus Deutsch, Bosnisch, Kurdisch, Türkisch, Arabisch, schaffen Neologismen. Vieles dreht sich um die Brutalität der Straße, das Leben im Gefängnis, die Enttäuschung der Eltern. In "Besuchstag" rappt Abdi:

Butzbach, Erwachsenenvollzug,
Mutter ist im Knast heute zu Besuch
Ihr Kopftuch erkenn ich schon vom Fenster
Sem’hemme yimma (zu Deutsch: Es tut mir leid, Mutter)
dein Sohn ist ein Gangster.

Drogenhändler statt Banker geworden
Wollte und konnte den Eltern nicht gehorchen.
Erforschen, wo meine Grenzen sind
Jetzt kratze ich täglich Striche an die Wände hin.

In ihren Tracks wird Gewalt zwar thematisiert, Gewaltverherrlichungen gibt es aber keine. Sexismus schon. Hier ein paar Zeilen aus Celo & Abdis "Frauen":

Thema Frau'n, hör mir bloß auf
Es ist keine Wissenschaft, sie zu durchschau'n
So sieht's aus, machen wir uns nix vor
Ich will dich zusammen mit meinem Cousin bohr'n.

Darauf angesprochen, sagt Syn, dass "kein Mickie Krause (ein Schlagersänger, d. Red.) sich für seine sexistischen '10 nackten Frisösen' mit den feuchten Haaren rechtfertigen muss". Da hat er Recht.

Fleiß, Disziplin, Zuverlässigkeit

Abdi stößt zum Gespräch, breites Grinsen, Gucci-Kleidung von Kopf bis Fuß, einige Freunde im Schlepptau. Nach einer kurzen Begrüßung spricht Celo weiter: Neben ihrem Talent sei ihr Erfolg vor allem auf drei Dringe zurückzuführen, "Fleiß, Disziplin, Zuverlässigkeit, was die Deutschen so mögen".

Wer in Deutschland fleißig, diszipliniert, zuverlässig sei, könne es in jeder Brache zu etwas bringen. Von den Künstlern ihres Labels wünsche er sich das ebenfalls, sagt Celo. "Aber es sind halt auch junge Kerle", ergänzt Syn.

069 aus Überzeugung

Trotz deutscher Tugenden bezeichnet sich Celo nicht als Deutscher. Als Frankfurter sehr wohl. Sogar als "Frankfurt-Patriot". Frankfurt sei die vielfältigste Stadt Deutschlands, findet er. Ihr Label 385i haben sie nach der Postleitzahl von Bornheim (60385) benannt, eine Hommage an Celos und Syns Heimat-Kiez.

Abdi denkt in dem Punkt ähnlich wie sein Kompagnon. "Auf die Frage, ob ich Deutscher bin, kann ich nur sagen, dass ich gern in Deutschland bin", rappt er in "Diaspora". Im Videoclip dazu legt der eingefleischte Fußballfan die Hand auf das Eintracht-Wappen seiner roten Trainingsjacke, verbeugt sich leicht. 069 aus Überzeugung.