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Zahlreiche Bücher warnen Kinder vor Missbrauch durch einen bösen fremden Mann. Das Bilderbuch "Was ist los, Joschi Bär?" warnt vor übergriffigen Freunden, Nachbarn und Verwandten. Ein Interview mit der Kasseler Autorin Brigitte Endres.

Joschi Bär lebt mit seinen Eltern und der kleinen Schwester in einer gemütlichen Bärenhöhle. Nebenan wohnt der nette Nachbar Herr Bruse. Joschis bester Freund ist Toni, mit dem er jeden Tag spielt. Aber Toni wird immer trauriger und zieht sich zurück. Da sieht Joschi seinen Freund aus der Höhle des Nachbarn kommen. Er stellt ihn zur Rede. Aber Toni sagt nur, er habe ein Geheimnis, das er nicht verraten darf. Joschi wird neugierig, was da vor sich geht. Er nimmt seinen Mut zusammen und besucht Herrn Bruse. Danach hat auch er ein Geheimnis.

So weit der Plot zum Bilderbuch "Was ist los, Joschi Bär?" der Kasseler Autorin Brigitte Endres. In dem Buch für Vier- bis Sechsjährige kommt die Gefahr nicht von einem Fremden, sondern aus dem privaten Umfeld, wo Kinder sich eigentlich geborgen fühlen sollten. Das Buch spiegelt also die Realität wider, denn der meiste Missbrauch passiert in der Familie und im Freundeskreis. Sie wolle kleine Kinder dafür sensibilisieren, sagt Endres im Interview.

hessenschau.de: Sie haben ein Buch für Kinder von vier bis sechs Jahren geschrieben, in dem es um Missbrauch geht. Wie kamen Sie auf die Idee, für diese Altersgruppe ein solches Buch zu machen?

Brigitte Endres: In der letzten Zeit gab es ja wieder fürchterliche Schlagzeilen, und da waren ja auch sehr kleine Kinder betroffen. Ältere Kinder kriegen eher schon mal gesagt: Geh' nicht mit einem Fremden mit. Aber ist es in aller Regel nicht der Fremde, sondern es ist fast immer, bis auf wenige Ausnahmen, jemand aus dem engeren Umfeld. Das sind wirklich über 90 Prozent der Fälle. Bei den Kleinen redet man fast gar nicht darüber, um sie nicht zu verschrecken. Es ist mir ein Anliegen, dass man schon die Kleinen sensibilisiert für das, was tolerabel ist und was eben nicht mehr.

hessenschau.de: Für diese Altersgruppe etwas zu schreiben, was sie auch verstehen, ist schwierig. Wie gehen Sie vor?

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Endres: Mit den zwei kleinen Bärenjungen - anstelle von Kindern - habe ich schon einmal eine gewisse Distanz geschaffen. Diese Bärenjungen leben in einer Welt, die die Kinder kennen, mit Fernseher und Computer, so dass da auch eine Identifikation möglich ist. Die Mutter warnt sie zwar: Geht nicht mit Fremden mit! Aber das ist eben keine ausreichende Warnung. Sie kommen in eine Situation, wo sie keine Handlungskompetenz mehr haben.

Deswegen müssen Kinder wissen: Es gibt Menschen, die können auch in meinem näheren Umfeld sein, die denken nur an ihren eigenen Lustgewinn. Ein Kind soll wissen, was Lust ist und warum das passiert und dass es eben keine Loyalität haben muss, auch wenn es ein Mensch ist, den es eigentlich mag. Das ist ja genau das Dilemma. Ich mag den und ich will nicht, dass der bestraft wird. Dafür brauchen Kinder ein Wissen darüber, was ein Tabu ist und was zu weit geht.

hessenschau.de: Sie unterscheiden zwischen dem guten und dem schlechten Geheimnis. Das ist eine sehr sinnfällige Definition.

Endres: Die Idee stammt nicht von mir, die findet man schon vor 20 Jahren in der Literatur. Darauf baut auch die Geschichte auf, die ich für meine Schüler geschrieben habe, "Miras Geheimnis". Das ist so ein Schlüssel, der auch für die Kinder nachfühlbar ist: Fühle ich mich mit dem Geheimnis wohl oder fühle ich mich nicht wohl? Das kann auch ein kleines Kind schon entscheiden.

hessenschau.de: Haben Sie in Ihrem Umfeld Missbrauchsfälle mitbekommen, so dass das für Sie ein Motiv zu diesem Buch war?

Endres: Ja, die kleine Tochter einer Freundin wurde von ihrem Stiefgroßvater missbraucht. Und dann: Ich bin ja auch Lehrerin, und ich hatte in meiner Klasse damals einen Verdacht. Ich sprach mit Kollegen darüber, und wir beschlossen, das nicht weiter zu verfolgen, weil die Anhaltspunkte zu diffus waren. Ich weiß nicht, ob wir das damals richtig gemacht haben.

Aber man muss ja auch immer sehen: Ist der Verdacht nicht richtig, dann kommt der Mann in riesige Schwierigkeiten. Ich habe das erlebt im näheren Umkreis: Ein Mann wurde von seiner Tochter beschuldigt, die damals schon 18 oder 19 war, sie missbraucht zu haben als Kind. Der Mann kam in Untersuchungshaft. Dann hat sich die Tochter dauernd in Widersprüche verwickelt, so dass er freigesprochen wurde. Aber der Makel, der bleibt ihm. Das ist jetzt die Kehrseite von der ganzen Geschichte.

hessenschau.de: Haben Sie bereits mit Kindern über dieses Thema gesprochen?

Endres: Als Grundschullehrerin wollte ich dieses Thema mit meinen Drittklässlern besprechen, fand dazu aber keinen geeigneten Text. Deswegen habe ich selbst einen geschrieben. Damit habe ich viele Punkte herausarbeiten können, an denen Kinder erkennen können: Das ist jetzt ein Tabubruch, das darf der nicht. Meine Klasse hat ein Jahr später einen Fußballtrainer enttarnt aufgrund ihres Wissens, dass das nicht okay ist, was er da macht.

Zeichnung

hessenschau.de: Die Geschichte ist gruselig, aber die Zeichnungen sind sehr teddybärig, plüschig. Ist das Absicht, damit man die Kinder nicht gleich verschreckt?

Endres: Ja, denn so ein Buch kann auch im Kinderzimmer stehen, wo sich das Kind die Geschichte auch mal alleine anschaut, vielleicht auch ohne lesen zu können. Es ist auch so, dass die Identifikation mit so einem plüschigen Wesen vielleicht höher ist. Ich habe mir für dieses Bilderbuch jemanden gewünscht, der sehr kindgerecht zeichnet. Ich wollte keinen schrägen Illustrator haben. Kinder sehen den Witz in dem Schrägsein noch nicht. Das machen wir immer für die Eltern. Kinder fesseln die Bilderbücher, die realistisch sind, wo man auch viele Details erkennen kann, wo man im Kinderzimmer rumgucken kann. Und das hat die Illustratorin Anna Karina Birkenstock fantastisch gemacht.

hessenschau.de: Sie haben zum Buch auch eine Handreichung für die Erwachsenen verfasst. Warum?

Endres: Die Adressaten dieses Buches sind die Kinder, aber die Zielgruppe sind ganz klar die Eltern, die das Buch kaufen, die Erzieher, auch die Lehrer in den Grundschulen. Deswegen auch diese Handreichung, in der viele weiterführende didaktische Vorschläge sind, wie man Kindern diese Sensibilität nahebringen kann. In diesem Begleitheft wird das viel deutlicher, als ich es im Bilderbuch gemacht habe.

Die Autorin

Porträt

Brigitte Endres war nach ihrem Studium für das Lehramt als Grundschullehrerin in München und später in Kassel tätig. 2004 hat sie ihr erstes Kinderbuch veröffentlicht. Zahlreiche Bücher für Kinder aller Altersstufen und für Jugendliche folgten. Endres hat auch als Radiojournalistin für mehrere Kindersendungen der ARD gearbeitet. Sie lebt mit ihrer Familie in Kassel.

Das Interview führte Nicole Bothof.