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Komponist gegen Bonhoeffer-Lied bei Querdenker-Demos

Judenstern und Anne Frank - Impfgegner schwingen oft die ganz große Keule, wenn es um ihre Lage geht. Immer öfter singen sie ein Lied mit Zeilen von Dietrich Bonhoeffer. Dessen Komponist aus Mittelhessen will das verbieten lassen.

Eigentlich freut sich Komponist Siegfried Fietz aus Greifenstein-Allendorf (Lahn-Dill), wenn Menschen seine Lieder anstimmen. Vor allem sein "Von guten Mächten wunderbar geborgen" erfreut sich reger Beliebtheit. Aber dass es nun ausgerechnet immer öfter auf Querdenker-Demos gegen die Corona-Maßnahmen angestimmt wird, freut Fietz überhaupt nicht.

Der 75-Jährige hat darin ein Gedicht des Theologen Dietrich Bonhoeffer vertont, der im Widerstand gegen das NS-Regime kämpfte. "Es war der letzte Text, den Bonhoeffer 1944 im Gefängnis schrieb, ehe er von den Nationalsozialisten ermordet wurde", erzählt Fietz. Obwohl er das Lied schon vor rund 50 Jahren komponiert hatte, wurde es gerade zum Kirchenlied des Jahres 2021 gewählt. Ein Video, das ihn am Klavier zeigt, während er das Stück spielt, verzeichnet auf Youtube mehr als neun Millionen Aufrufe. Aber so recht kann der Musiker aus Mittelhessen den Erfolg nicht genießen.  

"Eine Verdrehung der Tatsachen"

Den Komponisten empört, dass zunehmend Impfgegner das Lied für sich entdecken. "Das ist eine Verdrehung der Tatsachen! Es kann nicht angehen, dass Menschen bei solchen Veranstaltungen sagen: Ich fühle mich wie die Menschen damals auf dem Weg ins KZ", betont Fietz. Die Situation damals sei mit der heutigen nicht zu vergleichen.  

Komponist Siegfried Fietz Greifenstein sitzt an seinem Klavier in seinem Atelier

Fietz will sich mit der Vereinnahmung seines Werks durch die seiner Ansicht nach falsche Seite nicht abfinden. Er will sich dagegen wehren. Gemeinsam mit seinem Sohn mahnt er Videos im Internet ab, in denen sein Lied im Querdenker-Kontext zu hören ist - beispielsweise in Videos von Demos. "Das ist meine Möglichkeit, etwas zu tun", sagt Fietz. Mit Erfolg, wie er sagt: Viele der Videos seien verschwunden.

Gegen das Singen vorzugehen, ist schwerer

Als Komponist hat er die Möglichkeit dazu, denn er hält die Rechte an dem Lied. Das erlaubt ihm zumindest eine Handhabe gegen die Querdenker-Videos. Das Singen der Lieder durch gewisse Personengruppen zu verbieten, ist wesentlich schwerer.   

Nur in Einzelfällen sei das erfolgreich gewesen, erklärt Urheberrechtsexpertin und Anwältin Marion Goller von der Media Kanzlei in Frankfurt: "Beispielsweise bei den Bands Die Höhner oder Wir sind Helden, deren Lieder von der rechtsextremen Partei NPD bei Wahlkampfauftritten genutzt wurden." Eine wichtige Rolle für das Verbot habe in dem Fall die Verfassungsfeindlichkeit der Partei gespielt. Und dass die Songs sehr prominent eingesetzt worden seien.  

Bonhoeffers Nachfahren haben keine Handhabe

Auch die Querdenker-Bewegung wird inzwischen vom Verfassungsschutz beobachtet. Doch anders als bei der NPD sei es bei deren Veranstaltungen schwerer, hier die Organisatoren auszumachen, sagt Goller: "Da ergibt sich dann zusätzlich das Problem, gegenüber wem man dieses Verbot durchsetzt." 

Die Nachfahren des Theologen Dietrich Bonhoeffer haben zumindest über das Urheberrecht keine Möglichkeit mehr, sich gegen eine Verwendung der Zeilen zu wehren, wie die Juristin erläutert. Denn Bonhoeffers Texte seien inzwischen, mehr als 70 Jahre nach seinem Tod, allgemeinfrei.  

Demo-Organisatoren: Keine Gleichsetzung mit NS-Opfern

Der Leiter des Demokratiezentrums Hessen, Rainer Becker, sieht auch die Veranstalter der Impfgegner-Demos in der Pflicht. Diese müssten verhindern, dass so ein Lied gespielt werde. "Die Demonstrierenden drohen zunehmend die Maßstäbe zu verlieren, wenn nicht eingeschritten wird", betont Becker.

Und wie reagieren die Veranstalter der Corona-Demos auf die Kritik? Jan Schad, ein Sprecher der Gruppe "Herborn steht auf", bei deren Demo das Lied bereits mehrfach angestimmt wurde, sagt auf hr-Anfrage, dass die Demo-Teilnehmenden sich unter keinen Umständen mit Opfern des Nationalsozialismus' gleichsetzen. Derartige Vergleiche lehne man strikt ab.

Von einem Verbot, den Song anzustimmen, hält Schad dagegen nichts: "Das Lied ist schon immer in verschiedenen Kontexten gespielt worden, sicher auch schon auf anderen Demos."  

Fietz: "Auch mal sagen, was Sache ist" 

Komponist Siegfried Fietz bekommt wegen seinem Vorgehen gegen die Querdenker-Videos Hasskommentare in den Sozialen Medien. Auch seine Facebook-Seite könne er nicht mehr benutzen, weil sie zu oft als anstößig gemeldet worden sei, berichtet er. Fietz vermutet, dass dahinter Corona-Leugner stehen. Dennoch glaubt er, dass er das Richtige tut. "Wir, die wir uns immer zurückhalten, müssen auch mal sagen, was Sache ist."

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