Collage: links Autos vor einer Leinwand, auf der ein Film läuft; rechts zwei Menschen feiern im Auto

Im Frühling bescherte Corona einem fast vergessenen Zeitvertreib eine Renaissance: Mehr als ein Dutzend Autokinos öffneten in Hessen. Beim Filme schauen allein blieb es nicht, es wurde gefeiert, gebetet und getanzt. Doch so schnell der Hype kam, so schnell ist er nun auch wieder um.

Im März, zu Beginn der Corona-Pandemie, sah es noch nicht danach aus, als könnte 2020 zum Jahr des Autokino-Comebacks avancieren. Ganz im Gegenteil: Dem ältesten Autokino Deutschlands im Neu-Isenburger Stadtteil Gravenbruch (Offenbach) verdarb das Virus das lang geplante Jubiläum. Theaterleiter Heiko Desch musste die Feier zum 60-jährigen Bestehen absagen, die Leinwand blieb weiß, das Kino musste vorübergehend schließen.

Zu groß schien der Stadt Neu-Isenburg das Ansteckungsrisiko, die rechtliche Lage blieb umstritten. Etwa einen Monat später, als die strikten Regeln ein wenig gelockert wurden, fand die Zwangspause ein Ende: Desch konnte wieder öffnen, wenn auch unter strengen Auflagen. Statt bisher 1.000 durften nur rund 350 Autos vor der Leinwand parken, Tickets gab es nur online, und die Snackbar blieb vorerst geschlossen. Die Besucher kamen dennoch, gleich die erste Vorstellung war ausverkauft.

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Mehr als ein Dutzend temporäre Autokinos

Mit der Wiederöffnung in Gravenbruch fiel Ende April auch der Startschuss für das überraschende Comeback der Autokinos in ganz Hessen. Kassel, Marburg, Gießen, Bensheim - innerhalb weniger Tage kündigte mehr als ein Dutzend Städte an, Filme auf der Leinwand vor großen Parkplätzen zu präsentieren.

In Corona-Zeiten schien es ein vielversprechendes Konzept zu sein. Die sonstigen Freizeitmöglichkeiten waren rar gesät, da Kinos, Restaurants und Schwimmbäder geschlossen bleiben mussten. Im Autokino dagegen ließen sich Hygiene- und Abstandsregeln größtenteils mühelos einhalten. Für viele Eventagenturen und Kinobetreiber, die oft mit den Städten bei der Organisation kooperierten, war es zudem eine Möglichkeit, dem coronabedingten Stillstand zumindest ein Stück weit zu entfliehen.

Marburg: Feiern, Beten, Zeugnisse verleihen

Beim schnöden Filmeschauen ist es vielerorts nicht geblieben, denn die Bedingungen erwiesen sich in Corona-Zeiten auch für andere Veranstaltungen als ideal. So hielten die christlichen Kirchen in Marburg ihren Pfingstgottesdienst im Autokino ab, rund 600 Menschen kamen auf vier Rädern. Eine Woche zuvor waren an gleicher Stelle hunderte Muslime zusammengekommen, um mit dem Zuckerfest das Ende des Fastenmonats Ramadan zu feiern.

Die Abiturienten eines Marburger Gymnasiums nutzten das Autokino als Ausweichort für ihre Abifeier. Grußworte und Reden wurden vorab auf Video aufgezeichnet und während der Feier auf der Leinwand abgespielt. Die Zeugnisse wurden bei der Ausfahrt aus dem Kino durch das Fenster gereicht.

Drive-Out-Zeugnisübergabe im Autokino in Marburg

Mitte Mai verwandelten mehrere Marburger DJs das Autokino in Hessens ersten Drive-in-Club. Vier Stunden lang schallte elektronische Tanzmusik von der Bühne in die Autoradios, tanzen durften die Besucher nur auf ihren Sitzen. Ende Juni war Schluss mit dem bunt gemischten Programm: Mit insgesamt mehr als 30.000 Besuchern in 11.000 Fahrzeugen zeigten sich die Veranstalter zufrieden.

Gießen: Konzerte direkt ausverkauft

Das Autokino in Gießen hat neben den Filmvorführungen vor allem mit Konzerten gepunktet. Die Karten für den ersten Auftritt der Band Revolverheld waren in weniger als einer halben Stunde ausverkauft, beim Zusatzkonzert dauerte es nicht mal eine Minute. Auch Michael Schulte und Laith Al-Deen traten hier auf, insgesamt zählten die Veranstalter etwa 10.000 Besucher.

Laith Al-Deen Autokino

Ganz so feierlich wie in Marburg war die Stimmung hier allerdings nicht: Um Ärger mit den Anwohnern zu vermeiden, war Hupen als Applaus-Ersatz streng verboten. Auch die Schlagzeuge der Bands seien hinter Plexiglas gepackt worden, um kein Risiko einzugehen, berichtet ein Sprecher des Konzertbüros.

Frankfurt: Kultur und Party statt Kino

In Frankfurt wollten die Veranstalter den Platz vor der Jahrhunderthalle bewusst nicht in ein typisches Autokino verwandeln. Bei "Stage Drive" standen stattdessen Kultur und Comedy im Vordergrund, auch einzelne Konzerte und eine 90er-Jahre-Party gab es.

Zwischen den Auftritten von Comedians wie Bülent Ceylan und Michael Mittermeier konnten auch hier Abiturienten die Bühne für ihre Zeugnisverleihung nutzen. Vergangene Woche war nach knapp 30 Veranstaltungen Schluss, pünklich zum Ferienbeginn. Insgesamt kamen nach Angaben des Veranstalters etwa 17.500 Besucher.

Andrang lässt nach

Der letzte Schultag vor den Sommerferien sei ein guter Zeitpunkt gewesen, um aufzuhören, erklärt Mortiz Jaeschke, Sprecher der Jahrhunderthalle. "Mit den Lockerungen hat man schon gemerkt, dass der Verkauf ein bisschen zurückgeht." Die Kinos dürfen wieder Filme zeigen, Restaurants haben geöffnet – die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung werden wieder vielfältiger.

Auch das bessere Wetter habe wohl dazu beigetragen, dass der Andrang nachgelassen hat, schätzt Jaeschke. Und so sind viele der temporären Autokinos und -bühnen schon wieder geschlossen - neben Frankfurt auch Marburg, Gießen, Kassel, Herborn, Eschwege, Büdingen.

"Finanziell ist es nicht aufgegangen"

Finanziell gelohnt hat es sich wohl für die meisten Anbieter sowieso nicht. "Die Technik kostet viel Geld, die Besucherzahlen waren stark beschränkt", erklärt Jaeschke. Trotzdem habe es dem Team viel Spaß bereitet. In Gießen hat das Konzertbüro Bahl, das sonst den Kultursommer präsentiert, das Autokino mitorganisiert. Es sei eher eine Art Beschäftigungstherapie gewesen, für die Techniker, andere Dienstleister und sie selbst, so ein Sprecher.

Auch in Herborn (Lahn-Dill) lautet das Fazit: "Finanziell ist es nicht aufgegangen." Trotzdem könnte es im kommenden Jahr eine Neuauflage geben, denn die Rückmeldungen seien - mit einer einzigen Ausnahme - alle positiv gewesen, resümiert ein Sprecher der Stadt. "Viele haben gesagt, das könnten wir doch eigentlich regemäßig machen."

Einzelne Autokinos noch offen

Wer unbedingt in diesem Jahr noch einmal ins Autokino will, hat seine Chance noch nicht ganz vertan - einige wenige haben noch geöffnet. In Bad Homburg werden noch bis zum Sonntag (12. Juli) Filme gezeigt, in Homberg/Efze (Schwalm-Eder) bis Anfang August. Auch Taunusstein bietet noch Filmvorführungen an. Das Autokino Gudensberg (Schwalm-Eder) will den Betrieb erst Ende September einstellen.

Doch selbst wenn alle temporären Autokinos bald wieder geschlossen haben, bleibt immernoch die Fahrt zu Deutschlands ältestem Autokino in Gravenbruch.