Régis Bossu vor seinem berühmten "Bruderkuss"-Foto.
Régis Bossu vor seinem berühmten "Bruderkuss"-Foto in der Leica-Galerie in Frankfurt. Bild © Tim Wegner www.timwegner.de

Jahrzehntelang hat der Griesheimer Fotograf Régis Bossu mit seinen Fotos überall auf der Welt Zeitgeschichte festgehalten. Sein berühmtestes Bild ist der Bruderkuss zwischen Breschnew und Honecker. Jetzt sind die Fotos von Bossu zum ersten Mal in einer Ausstellung in Frankfurt zu sehen.

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Wie zufällig liegen die Briefmarken auf dem weißgebeizten Sekretär im Wohnzimmer. Helmut Schmidt ist darauf zu sehen, mit festem Blick, das Kinn kantig, energisch. "Die hat Régis gemacht", sagt seine Frau Britta. Der lacht. "Und dabei habe ich nur zufällig mitbekommen, dass die Aufnahme von mir ist", sagt Régis Bossu.

Das Finanzministerium hatte ihm unerwartet Geld überwiesen. Da habe er bei seiner Fotoagentur nachgefragt, wofür das ist, sagt der Fotograf. Tatsächlich hatte die Post das Foto aus dem Jahr 1973 ausgewählt, um in einer 70-Cent-Sondermarke den 100. Geburtstag des Altkanzlers zu ehren.

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Régis Bossu, More than just a kiss

Leica Galerie Frankfurt - bis zum 22. Juni 2019

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Helmut Schmidt auf der 70-Cent-Sonderbriefmarke der Deutschen Post. 1973 hatte Bossu das Foto gemacht – die Deutsche Post wählte es unter hunderten weiterer Fotos aus, um es auf der Jubiläumsmarke zu Helmut Schmidts 100. Geburtstag zu veröffentlichen.
Helmut Schmidt auf der 70-Cent-Sonderbriefmarke der Post. Régis Bossu machte das Foto 1973. Bild © Régis Bossu

Dass die Frankfurter Leica-Galerie dem Fotojournalisten jetzt eine Ausstellung widmet - es ist die erste Ausstellung Bossus überhaupt - ist dem Fotografen eher unangenehm. Jahrelang haben Freunde und sie ihn dazu überreden müssen, erzählt seine Frau Britta. "Regis versteckt sich am liebsten hinter der Kamera", sagt sein Freund und jahrzehntelanger Wegbegleiter Tim Wegner, der selbst Fotograf ist.

Dabei habe er einen ganz besonderen Blick, vor allem als Franzose auf Deutschland, den mit etwas Abstand eben. Humorvolle Beobachtungen mit der Kamera seien seine Spezialität - für ihn kam immer der Mensch zuerst, sagt Wegner.

Selfies hat Régis Bossu nie von sich gemacht – bis auf dieses: 1966 fotografiert er sich in seinem ersten Auto, einer „Ente“, mit Selbstauslöser. Was aussieht, wie ein rasantes Fahrmanöver ist ein "Fake": Unter den rechten Vorderreifen hatte er einen Wagenheber geklemmt.
Selfies hat Régis Bossu nie von sich gemacht – bis auf dieses: 1966 fotografiert er sich in seinem ersten Auto, einer "Ente", mit Selbstauslöser. Was aussieht, wie ein rasantes Fahrmanöver ist ein "Fake": Unter den rechten Vorderreifen hatte er einen Wagenheber geklemmt. Bild © Régis Bossu

Bekannt geworden ist Bossu für seine feinsinnigen Beobachtungen von Alltagsszenen. Stille, fast schwebende Naturaufnahmen. 89 Fotos hat Bossu für die Ausstellung ausgewählt. Zu sehen ist vor allem seine Arbeit als Pressefotograf: Kohl und Mitterand, Hand in Hand. Eine Siegespose 1989 auf der bereits halb zerstörten Berliner Mauer. Tausende trauernde Männer fast in Trance beim Tod von Ayatollah Khomeini in Teheran.

Über 40 Jahre hat Bossu in Deutschland für die französische Bildagentur Sygma gearbeitet. Goldene Jahre für Fotografen waren das damals. Und überall, wo etwas passierte, war Bossu.

Rodin's thinker thinks and the horse wonders, Müllhalde in der Nähe von Stuttgart, 1972
Rodin's thinker thinks and the horse wonders, Müllhalde in der Nähe von Stuttgart, 1972 Bild © Régis Bossu

Im Wohnzimmer seines weißgetünchten Reihenhauses in Griesheim bei Darmstadt blättert er in den Hunderten von Titelbildern, die von ihm aufgenommen wurden. Paris Match, Stern, Spiegel, Bunte, Time, Newsweek. Wie war das noch mal mit seinem bekanntestem Foto, dem Bruderkuss von Breschnew und Honecker?

Eigentlich habe er damals, am 5. Oktober 1979, nur Glück gehabt, sagt Bossu. Zu spät gekommen sei er zu den Feierlichkeiten zum 30. Geburtstag der DDR in Ost-Berlin, und dann habe er auch nur einen der hinteren Plätze erwischt. Als Breschnew seine Rede beendet hatte, bedankte sich Honecker mit dem Kuss. Ein normales Ritual unter Kommunisten.

Die berühmteste „Kopie“ von Bossus Brunderkuss stammt von dem russischen Künstler Dmitri Wrubel, der es 1990 auf ein Teilstück der Berliner Mauer malte, heute die East Side Gallery.
Die wohl berühmteste "Kopie" von Bossus Brunderkuss-Foto stammt von dem russischen Künstler Dmitri Wrubel, der es 1990 auf ein Teilstück der Berliner Mauer malte, heute die East Side Gallery. Bild © hr

Wenn man sich die Szene in der alten Ausgabe der Aktuellen Kamera, der Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, anschaut, dann dauert der Moment gerade mal eine Zehntelsekunde. Doch Bossu fingt sie mit einem Teleobjektiv ein: Konzentriert auf das Wesentliche. Aus dem kurzen Augenblick wurde ein Bild für die Ewigkeit, das auch Künstler wie Dmitri Wrubel inspirierte. Seine Kopie des Bruderkusses an der Berliner East Side Gallery gehört noch heute zu meist fotografierten Motiven der Touristen.