Bilder DDR-Flucht Katrin Linke

Der Sommer 1989 war der Höhepunkt der deutsch-deutschen Flüchtlingswelle. Ein junges Paar floh damals filmreif aus der DDR und landete in Gießen. Knapp 30 Jahre später haben die beiden ein Buch darüber geschrieben und suchen ihre Fluchthelfer.

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Nach einem Happy End in Gießen sieht es lange Zeit nicht aus. Über Tage hat Katrin Linke nichts von ihrem Karsten gehört. Abends liegt sie im Bett und weint. Sie isst kaum. Ihr Bruder rät ihr, "den Typen doch zu vergessen", mit dem sie im Sommer 1989 mehrmals versucht hat, aus der DDR zu fliehen.

Den Typen, mit dem sie eine 12.000 Kilometer lange Odyssee durch den Ostblock hinter sich gebracht hat. Und von dem sie sich am Ende in Ungarn trennen musste, damit die Flucht doch noch gelingen kann. Den Typen, ohne den "die ganze Flucht aber nur noch die Hälfte wert war", wie sie sich erinnert.

Eines Tages geht Katrin Linke die Schlange der Neuankömmlinge in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen ab: "Da stand er dann", erzählt sie. "Erst habe ich die Jeans wahrgenommen, dann das blaue Poloshirt und die Schuhe gecheckt - und dann habe ich mich von hinten an ihn angeschlichen und ihn einfach nur noch umarmt."

Legale Ausreise ausgeschlossen

Es ist das glückliche Ende einer filmreifen Flucht, deren Vorbereitungen 1988 beginnen: Katrin Linke und Karsten Brensing beschließen, dass sie weg wollen aus der DDR. Sie haben in Erfurt ihr Abi gemacht. Jetzt sind beide 22, Linke träumt davon, Ärztin zu werden. Doch ein solches Studium ist für sie ausgeschlossen, da Teile ihrer Familie in den Westen ausgewandert sind.

Bilder DDR-Flucht Katrin Linke

Karsten Brensing will Meeresbiologe werden. Dafür bräuchte er aber "eine stasi-geprüfte und -konforme Vergangenheit", erzählt er. Aber auch er hat Verwandtschaft in Westdeutschland. Das schließt auch eine legale Ausreise aus. Wenn das Paar also weg will, muss es fliehen.

Brieffreund taucht nicht auf

Also trainieren Linke und Brensing, schwimmen, joggen, versuchen, so lange wie möglich ohne Nahrung auszukommen. Am 5. Juli 1989 ist es soweit: Sie fliegen ins sowjetische Taschkent, um sich dort mit einem japanischen Brieffreund zu treffen. Der hat ihnen versprochen, gefälschte Visa in ihre Pässe zu kopieren. Damit wollen sie nach Japan ausreisen.

Die beiden glauben ihm. Doch er taucht nie auf. "Wir waren völlig naiv", erinnert sich Linke. Doch das Paar gibt nicht auf, spielt Plan B, C und D durch: eine Flucht über die indische Grenze, über Norwegen, über die Ostsee. Linke und Brensing müssen alles verwerfen.

Polizei schaut nicht mehr genau hin

Schließlich landen sie in Ungarn, wo sie zunächst geschnappt werden, schnell aber wieder auf freien Fuß kommen. So ganz genau schaut die ungarische Polizei nicht mehr hin in diesem Sommer 1989. In der deutschen Botschaft wird ihnen geraten, die Lage abzuwarten. Doch der Leidensdruck ist zu groß, die finanziellen Mittel begrenzt.

Bilder DDR-Flucht Katrin Linke

Am Plattensee lernen sie zwei junge Frauen aus Stuttgart kennen. "Zu der Zeit wussten wir, dass wir gemeinsam nicht wegkommen", sagt Linke. "Es war nur der Plan geblieben, durch die Donau zu schwimmen. Doch davor hatte ich zu große Panik." Als die Stuttgarterinnen ihre Hilfe anbieten, beschließt das Paar, sich zu trennen.

"Der Abschied war heftig"

Brensing will allein durch die Donau schwimmen, Linke und die beiden jungen Frauen bauen die Rückbank ihres VW Polo um: "Der Abschied war heftig", erinnert sich Linke. "Karsten und ich wussten ja nicht, ob wir uns jemals wiedersehen oder ob wir am Ende in DDR-Gefängnissen landen."

Doch Linkes Flucht gelingt in der Rückbank. Sie reist zunächst zu ihrem Bruder nach Göttingen, entschließt sich aber dann, sich in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen einbürgern zu lassen. Auch Brensings gefährliche Flucht durch die Donau gelingt. Am Ende treffen sich beide in Gießen wieder.

Jetzt haben sie ein Buch über ihre sechswöchige Odyssee geschrieben. "Eine Liebe ohne Grenzen" heißt es und soll auch dazu dienen, ihre damaligen Fluchthelfer zu finden. "Ich bin 50 geworden und habe Bilanz gezogen", sagt Linke. "Ich dachte mir: Wenn ich die Leute wiedersehen will, dann muss ich es jetzt machen. Wenn ich noch 10 Jahre warte oder 20, dann sind viele nicht mehr da."

Katrin Linke und Karsten Brensing
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Katrin Linke und Karsten Brensing

Katrin Linke ist Biologin und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin, seit 2002 auch in Frankfurt für den Hessischen Rundfunk. Karsten Brensing ist promovierter Verhaltensforscher und Autor. Mit dem Buch und ihrer Webseite wollen sie nicht nur ihre Helfer finden, sondern weitere deutsche Flüchtlinge, Helfer und auch ehemalige DDR-Häftlinge zu einer großen Feier anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls im Herbst zusammen zu bringen.

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Sendung: hr-fernsehen, hauptsache kultur, 02.05.2019, 22.45 Uhr