Sonja Marschall  mit ihren drei Kinderbüchern in der Hand

Was sollen erkrankte Kinder über ihre Situation wissen? Die Frankfurter Medizinstudentin Sonja Marschall schreibt Kinderbücher über Krebs und Herzfehler. Die Idee dazu kam ihr beim Babysitten eines krebskranken Mädchens.

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Autorin Sonja Marschall: „Man kann mit Kindern auch über Krebs reden“

Sonja Marschall
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Fröhliche bunte Farben, ein grinsendes Mädchen mit Kuscheltier in der Hand: Schaut man das Cover von Sonja Marschalls erstem Kinderbuch an, verrät auf den ersten Blick nur der Titel, dass es um ein ernstes Thema geht. "Lotte und die Chemo-Männchen" handelt von einem krebskranken Kind.

Das 40-Seiten-Buch hat Sonja Marschall aus Kelkheim im Jahr 2019 veröffentlicht, als sie gerade ihr Abitur machte. Mittlerweile studiert die 19-Jährige in Frankfurt Medizin und hat zwei weitere medizinische Kinderbücher veröffentlicht. In "Lino, Maja und die Löwenherzen" erklärt sie verständlich und kindgerecht, was es bedeutet, wenn Babys mit Herzfehler auf die Welt kommen. Ihr 2021 erschienenes Buch "Mateo und die Körperpolizei" beschäftigt sich mit Allergien.

Kind aus der Nachbarschaft erkrankt an Krebs

Schon als Kind hat Sonja Marschall sich für Medizin interessiert. Vor etwa vier Jahren jobbte sie als Babysitterin bei einer Familien in der Nachbarschaft. Dann erkrankt eines der Kinder an Krebs. "In solchen problematischen Situationen ist mein Ansatz immer, lieber etwas zu tun, als zu resignieren", sagt Marschall. Deshalb sucht sie für ihr Babysitter-Kind nach Materialien, die die Krankheit verständlich und kindgerecht erklären. Doch sie wird nicht wirklich fündig.

Sonja Marschall entscheidet, selbst eine Geschichte zu schreiben. Und dann wird daraus ein richtiges Kinderbuch. Damals geht sie noch zur Schule und absolviert gerade ein Praktikum auf der Frühchen-Station in der Berliner Charité. Dort findet sie schnell Unterstützung für ihr Projekt: Eine Ärztin, die ihr Manuskript auf medizinische Details gegencheckt, dann eine Psychologin, die ihr hilft, emotional den richtigen Ton für Kinder zu treffen.

"Man kann Kindern schon sehr viel zumuten"

In ihren Bilderbüchern klammert Sonja Marschall auch schwierige Themen wie den Tod nicht aus. Wie sie entscheidet, was sie Kindern in welcher Härte zumuten kann? "Man kann Kindern schon sehr viel zumuten - wobei zumuten eigentlich ein schwieriges Wort ist", sagt Marschall. Schließlich sei die Krankheit in all ihrer Härte da und dann müsse man auch ehrlich darüber reden. Erwachsene würden oft versuchen, Kinder vor den Themen zu schützen. Vermutlich sei das auch ein Grund, warum es kaum Kinderbücher über Krankheiten gebe.

Sonja Marschall findet aber: "Wenn jemand mal den Mund aufmacht und sagt, was Sache ist, kann man viel besser damit umgehen." Sie vergleicht das mit einem Boxkampf. Wenn man den Gegner nicht kenne, könne man den Kampf auch kaum gewinnen. "Ein Kind weiß nicht was Krebs ist. Es spürt nur, dass die Eltern traurig sind und das löst maximale Angst aus."

Sonja Marschall "Mateo und die Körperpolizei" Cover

Wenn ein Kind sich selbst damit beschäftigen kann, wie eigentlich eine Infusion aussieht oder warum bei einer Chemotherapie die Haare ausfallen, dann könne das einen erheblichen Teil der Angst nehmen, sagt Marschall. Nach dem ersten Buch kommen schnell die Ideen für die nächsten beiden: Herzfehler und Allergien sind recht häufig, doch auch hier gebe es kaum verständliche Kinderbücher.

Detaillierte Bilder helfen beim Verstehen

Um die medizinischen Fakten richtig und gleichzeitig kindgerecht zu vermitteln, sind die Illustrationen in Marschalls Büchern besonders wichtig. Ihr erstes Buch hat Sonja Kurzbach bebildert, die folgenden zwei Bücher übernimmt auf Empfehlung von Kurzbach die befreundete Illustratorin Eva Marina Burckhardt. "Beide haben einen ähnlichen Stil, der zulässt, den Fokus auf bestimmte Details zu legen."

Im Buch über Herzfehler beispielsweise sind ein Herz-Modell und die Maschinen mit vielen Kabeln und Schläuchen ganz detailliert zu erkennen. Dafür habe Burckhardt sich die Geräte auf einer Herz-Station vorher genau angeschaut.

"Mir war es wichtig, mit den Büchern ein möglichst allumfassendes Bild zu vermitteln, was den Bogen zwischen kindgerecht und realistisch schlägt, ohne eins von beidem zu vernachlässigen", sagt Marschall. Die medizinischen Fakten hat sie für jedes ihrer Bücher mit spezialisierten Ärztinnen und Ärzten besprochen.

Medizinstudium und nebenbei Arbeit als Rettungssanitäterin

Das eigentliche Schreiben der Kinderbücher sei gar nicht so zeitaufwendig. Aber dann kommen die Absprachen mit den Experten und Expertinnen, der Illustratorin, dem Verlag, der Stiftung, die die Illustrationen finanziert. Das alles macht Marschall irgendwie zwischendurch, auf Auto- oder Zugfahrten. Denn eigentlich ist sie mitten in ihrem Medizinstudium, arbeitet nebenbei als Rettungssanitäterin und ist ehrenamtlich unter anderem bei der Hilfe für krebskranke Kinder in Frankfurt aktiv.

In Zukunft will Sonja Marschall sich weiter mit Kindermedizin beschäftigen. Vielleicht als Ärztin in einem Kinderhospiz, vielleicht in einer Kinderarztpraxis - auf jeden Fall aber weiterhin als Buchautorin. Das nächste Kinderbuch über Herzinfarkte ist schon in Arbeit.

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