Liliana Huber vor ihrem Computer, auf dessen Screen beschriebe Seiten sichtbar sind.

Wie schafft es ein fertiges Manuskript in einen Verlag? Die Situation für Autorinnen und Autoren, die ihr erstes Buch an einen Verlag bringen wollen, ist oft frustrierend. Es braucht Durchhaltevermögen, Glück und manchmal auch ungewöhnliche Umwege.

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Ute Mank hat acht Jahre lang an ihrem ersten Roman geschrieben. Es war das Herzensprojekt der gebürtigen Marburgerin, die im hessischen Ebsdorfergrund (Marburg-Biedenkopf) lebt. Jetzt schlummert das Manuskript in einer Schublade. "Dort wird es vermutlich auch für immer bleiben", sagt sie. Bislang hat kein Verlag Interesse daran bekundet.

Auch für die elfjährige Liliana Huber aus Freigericht (Main-Kinzig) ist ihr erster Roman ein Herzensprojekt, von dem sie möchte, dass andere es lesen. "Ich habe da meine ganze Seele reingesteckt", sagt sie. Um ihr Buch irgendwann gebunden in der Buchhandlung zu sehen, braucht sie noch einen Verlag.

Diese Suche nach einem Verlag kann frustrierend sein. Zwar gibt es mittlerweile einfacher die Möglichkeit, ein Buch ganz ohne Verlag zu veröffentlichen, doch das bleibt die Ausnahme. Es gibt kein Standard-Prozedere, nach dem Verlage und Autor:innen zusammenfinden. Und manchmal braucht es für Neulinge in der Branche, wie Liliana Huber oder Ute Mank, ein paar Umwege.

Das Buch ist geschrieben, und dann?

"Nach dem Schreiben kommt erst die richtige Arbeit", weiß Liliana Huber mittlerweile. Sie hat ihren Fantasy-Roman "Alpha vs. Omega", der den Auftakt einer fünfteiligen Reihe bilden soll, in wenigen Monaten hochmotiviert heruntergeschrieben.

Die Ideen schwirren schon vorher mal im Kopf, mal auf Zetteln der Sechstklässlerin herum, bis sie im vergangenen Jahr endlich einen eigenen Computer bekommt und lostippen kann. Im Mai 2021 ist das Manuskript fertig.

"Ich habe dann im Internet und bei meinen eigenen Büchern geschaut, welche Verlage es gibt, mir die Telefonnummern herausgesucht und da angerufen", erzählt sie. Sie habe gefragt, ob ihr Buch überhaupt in die Programme passen würde und an wen sie sich wenden müsse. "Und dann ist es auch wirklich ernst geworden." Liliana muss Bewerbungsmappen zusammenstellen: Exposé, Autorenvita, Leseprobe und Anschreiben.

Agenturen als Vermittler zum Verlag

Über diesen Weg - Einsendungen von Manuskripten oder Leseproben - kommen heute nur noch wenige neue Autor:innen zu den großen Verlagen wie dem S. Fischer Verlag mit Sitz in Frankfurt. Dort arbeitet Albert Henrichs als Lektor. "Manche Autor:innen werden über das Netzwerk der Lektor:innen, Programmleiter:innen oder der Verlegerin gefunden", sagt er.

Wichtig für den Verlag sei in erster Linie die Qualität des Textes. Marktsegmente, Zielgruppen und die Sichtbarkeit der Autor:innen spielten aber zusätzlich eine Rolle, so Henrichs. Daher gebe es auch den Weg, dass gezielt Autor:innen angesprochen werden und erst dann gemeinsam Buchprojekte entwickelt werden. Allerdings kommen die meisten neuen Autor:innen laut Henrichs über Agenturen in den Verlag.

Über eine solche Agentur hat es auch die 61-jährige Ute Mank mit ihrem Roman über die Deportation von Juden aus ihrem Nachbardorf versucht. Vorher hat die promovierte Erziehungswissenschaftlerin bereits lange zum Nationalsozialismus geforscht und wissenschaftlich geschrieben.

"Und dann passierte erstmal gar nichts"

Über die Forschungsarbeit kennt Mank eine Lektorin, die sie beim Schreiben unterstützt. Leseprobe, Exposé und Kurzvita schickt sie im Frühjahr 2019 an etwa 15 Agenturen. "Und dann passierte erstmal gar nichts", erinnert sie sich.

Ute Mank

Es sei frustrierend gewesen, sagt sie. "Wenn man malt, kann man sich seine Bilder wenigstens an die eigenen Wände hängen", sagt Mank. "Aber wenn man schreibt, was macht man dann damit?"

Irgendwann habe sie den Traum, ihren eigenen Roman jemals veröffentlicht zu sehen, abgeschrieben. Doch dann, im Sommer 2019, meldet sich plötzlich eine Agentur, die das Manuskript lesen will. Alle Hoffnungen sind wieder da - um direkt wieder enttäuscht zu werden. Ihr Erzählstil und auch die Dorfthematik des Romans sei gut angekommen, doch das Nationalsozialismus-Thema gelte als "auserzählt". Ute Mank müsse den Roman komplett umschreiben, damit er erfolgreich werden könne. Das will sie nicht, sie hängt zu sehr an ihrer Geschichte.

Neues Thema, neues Buch

Sie überlegt zusammen mit ihrer Agentin, ein völlig neues Buch zu schreiben. Es soll stärker um Emanzipation von Frauen und einen Generationenkonflikt gehen, das Dorf als Schauplatz soll bleiben. Acht Monate später ist das Manuskript fertig. Und es trifft offenbar einen Nerv.

"Die Agentur hat den Verlagen eine Frist von sechs Wochen gegeben, aber nach weniger als 24 Stunden kam schon die erste Rückmeldung", sagt Mank. Letztendlich bekunden vier Verlage Interesse an ihrem Buch. Im Juli dieses Jahres ist "Wildtriebe" dann im Verlag dtv erschienen.

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Mank hatte bei der Verlagssuche Bedenken, dass ihr Alter eine Hürde sein könnte und Verlage jüngere Autorinnen bevorzugen. Liliana Huber, 50 Jahre jünger, macht sich ähnliche Sorgen. "Es ist manchmal wirklich schwierig für Kinder, weil man nicht so richtig ernst genommen wird. Die denken, man kennt sich noch nicht genug damit aus", meint sie.

Dabei kennt Liliana Huber sich mittlerweile ziemlich gut aus. Sie hat das Internet durchforstet, Musterexposés und Bücher über das Bücher-Veröffentlichen gelesen, Zeitpläne erstellt - das alles neben ihrem ganz normalen Schulalltag. Ohne Lektorat oder Agentur verlässt Liliana sich ganz auf sich selbst - und Tipps ihrer "Manager", wie sie ihre Eltern lachend nennt.

Auf Messen Kontakte knüpfen

Mittlerweile ist es Liliana gelungen, als junge Autorin zumindest etwas sichtbarer zu werden: Nach einem Schreibwettbewerb hat sie ein Stipendium der Eckenroth-Stiftung bekommen. Davon erhofft sie sich, mehr über das Schreiben zu lernen und Kontakte zu erfahreneren Autor:innen zu knüpfen.

Kontakte sind in der Buch-Welt viel wert, das bestätigt auch Lektor Albert Henrichs. Literaturwettbewerbe und Messen seien zusätzliche Möglichkeiten für Verlage, auf Autor:innen aufmerksam zu werden. "Dann suchen wir aktiv den Kontakt", sagt Henrichs. Auf Veranstaltungen wie der Frankfurter Buchmesse könne man sein Netzwerk erweitern. "Und manchmal entstehen durch diese neuen Kontakte auch neue Buchprojekte", so Henrichs.

Fortsetzung folgt - mit oder ohne Verlag

Auch Liliana Huber und Ute Mank wären gerne auf der Frankfurter Buchmesse vor Ort - mit dem Verlag oder mit der Stiftung. Wegen der Pandemie sind in diesem Jahr aber weniger Verlage und Menschen auf dem Messegelände, es gelten einige Einschränkungen, sodass Mank und Huber vermutlich nicht nach Frankfurt kommen.

"Jetzt ist so eine Phase, in der ich alles abgeschickt habe und jetzt hab ich einfach schonmal angefangen, mein nächstes Buch zu schreiben", erzählt Liliana Huber. "Man muss einfach dranbleiben", sagt sie. "Wenn man wirklich mit Herz und Verstand dabei ist, dann hat die Suche rückblickend sogar doch irgendwie Spaß gemacht." Sie sei sicher, dass sich ihre Mühe irgendwann auszahlt.

Auch Ute Mank schreibt schon an ihrem nächsten Buch. Wenn es fertig ist, muss sie sich wohl nicht noch einmal auf Verlagssuche begeben - ihr Manuskript werde bei ihrem Verlag schon erwartet. "Meine größte Freude speist sich jetzt daraus, dass ich weiß: Ich kann weiterschreiben", sagt sie.

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