Jan und Aleida Assmann bei ihrer Friedenspreisrede
Jan und Aleida Assmann hielten ihre Friedenspreisrede im Wechsel. Bild © picture-alliance/dpa

Die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann haben am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen. Hier kommen Auszüge aus ihrer Dankesrede.

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Teile der Dankesrede der Friedenspreisträger Assmann laut dem offiziellen Manuskript:

"In der Demokratie kann man das Denken nicht delegieren und den Experten, Performern oder Demagogen überlassen (...). Es stimmt, dass Demokratien durch Streit und Debatten gestärkt werden, aber auch in ihnen steht nicht alles zur Disposition.

Es muss unstrittige Überzeugungen und einen Grundkonsens geben wie die Verfassung, die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit des Rechts und die Menschenrechte. Nicht jede Gegenstimme verdient Respekt. Sie verliert diesen Respekt, wenn sie darauf zielt, die Grundlagen für Meinungsvielfalt zu untergraben. Demokratie lebt nicht vom Streit, sondern vom Argument. Pöbeleien oder gar eine Eskalation polarisierender Symbole wie in Chemnitz führen in einen Zustand allgemeiner Verwirrung, legen die Demokratie lahm und machen sie betriebsunfähig für wichtige Aufgaben (...)

"Die Nation ist kein heiliger Gral"

Die Gesellschaft braucht ein Gedächtnis, wie der Einzelne eins braucht: um zu wissen, wer wir sind und was wir erwarten können, um uns zu orientieren und zu entwickeln (...).

Sich wiedererkennbar zu halten ist die Aufgabe eines kulturellen wie eines nationalen Gedächtnisses. Auf diesem Gebiet hat sich in den letzten Jahren aber einiges verändert. Wir können nicht mehr nahtlos an alte Fantasien von Stolz und Größe der Nation anknüpfen. Das nationale Gedächtnis, das lange Zeit ein Sockel für Ehre, Stolz und Heldentum war, ist inzwischen komplexer, inklusiver und selbstkritischer geworden. Es ist eben nicht nur ein Sockel, der die Nation größer und mächtiger macht, sondern auch ein Spiegel der Selbsterkenntnis, der Reue und Veränderung.

Die Nation ist kein heiliger Gral, der vor Befleckung und Entweihung – Stichwort "Vogelschiss" – zu retten ist, sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden.

Hier ist ein wichtiger Unterschied zu beachten: beschämend ist allein diese Geschichte, nicht aber die befreiende Erinnerung an sie, die wir mit den Opfern teilen. Deshalb entsteht Identität nicht durch Leugnen, Ignorieren oder Vergessen, sondern braucht ein Erinnern, das Zurechnungsfähigkeit und Verantwortung ermöglicht und einen Wandel der Werte und des nationalen Selbstbildes stützt (...).

"Geld und Gier spalten die Welt"

Man solidarisiert sich gerne mit Menschen, die dieselben Haltungen haben oder dieselben Ziele verfolgen. Wir kennen alle die Solidarität in Form eines "Kollektivegoismus" der Nation, Modell "America First!": Inzwischen haben wir auch Bekanntschaft mit dem transnationalen Kollektivegoismus populistischer Parteien gemacht, Modell "Festung Europa". Diese Formen der Solidarität sind exklusiv und zielen auf Ausgrenzung. Integration dagegen erfordert eine inklusive Solidarität auch mit Menschen, die anders sind als wir selbst, mit denen wir aber eine gemeinsame Zukunft aufbauen wollen.

Geld und Gier neutralisieren kulturelle Fremdheit, aber auch sie spalten die Welt – in Arme und Reiche. Die nationalistische Politik versteht es gut, in vielen Bereichen Entsolidarisierung zu befördern, indem sie Hass auf Schwächere oder Fremde schürt.

Das führt zu einer 'Milieuvergiftung', ein Begriff von Gunnar Myrdal, den er in Parallele zur ‚Umweltvergiftung’ gebildet hat. Auf dem Weg in eine Wohlfahrtswelt, wie er sie sich erträumte, muss Solidarität deshalb auf allen Ebenen trainiert werden: als soziale Solidarität auf der Ebene der Gesellschaft, als transnationale Solidarität auf der Ebene der EU, und vor allem: als globale Solidarität im Umgang mit ökonomischen und natürlichen Ressourcen, damit es eine Zukunft nachfolgender Generationen überhaupt noch geben kann.

Hinzu kommt nun die Solidarisierung mit Geflüchteten, deren Zukunft durch Kriege, Not, Gewalt und Raub zerstört wurde. Es kann nicht angehen, dass es eine neoliberale Freiheit für die Bewegung von Kapital, Gütern und Rohstoffen gibt, während Migranten an Grenzen festhängen und wir die Menschen, ihr Leid und ihre Zukunft vergessen."