Michael Lemster steht vor Gebäuden und lächelt in die Kamera.

Der gebürtige Hanauer Michael Lemster hat über die Familie der Grimms geschrieben. Im Interview erklärt er, wer sein Lieblings-Grimm ist und was die berühmten Märchenerzähler mit heutiger Gewalt, Radikalisierungen und Falschnachrichten zu tun haben.

Die Brüder Grimm und ihre Märchen kennt fast jedes Kind - zumindest in Hessen, denn hier sind die Brüder geboren und haben die meiste Zeit ihres Lebens verbracht. Genau wie Jacob und Wilhelm Grimm ist der Autor Michael Lemster in Hanau geboren. Er schreibt Bücher über historische Familien - sein Debüt hieß "Die Mozarts", nun folgt am 19. Oktober "Die Grimms".

Im Interview erzählt Michael Lemster, was ihn an der Familiengeschichte so fasziniert und was unsere heutige Zeit mit der Grimm-Zeit gemeinsam hat.

hessenschau.de: Man könnte ja meinen, das Leben der Grimms ist lange her und hat nichts mehr mit unserer Welt heute zu tun. Warum sehen Sie das anders?

Michael Lemster: In den Zeiten der Grimms hat eine ähnlich breite Radikalisierung in den Bevölkerungsschichten stattgefunden wie heute. Damals, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, richtete sich die Fremdenfeindlichkeit gegen die Franzosen. Oder man verteufelte die Juden, die sich gerade emanzipierten und in gesellschaftliche Schlüsselstellen kamen.

Wenn man darauf achtet, merkt man: In Grimms Märchen kommt nie ein Franzose, ein Italiener oder Engländer vor. Aber ein Jude, und der wird absolut nicht freundlich geschildert.

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„Wir sind in einer ähnlich agitierten Zeit wie damals die Grimms.“ Michael Lemster Michael Lemster
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Heute haben wir im Grunde den gleichen Reflex: Die Menschen fühlen sich bedroht und projizieren diese Bedrohung nach außen. Und wenn es dann in die extremen Ausschläge geht, die ins Psychopathologische führen, kommt es zu so einem Anschlag wie im vergangenen Jahr in Hanau. Wir sind in einer ähnlich agitierten Zeit wie damals die Grimms. In der damaligen Zeit sind die klassischen Arbeitsteilungen der ständischen Gesellschaft plötzlich zerbröselt und die Gewissheiten pulverisiert. Gleichzeitig ist viel neue Technik gekommen.

hessenschau.de: Zum Beispiel?

Lemster: Es kamen Satzmaschinen, Druckmaschinen, Papiermaschinen. Es war auf einmal viel billiger, Druckwerke herzustellen und es gab ein kolossales Interesse der Menschen, selber zu lesen und sich an Debatten zu beteiligen.

Die Brüder Grimm haben einfach mal eine Zeitschrift gegründet – wie sehr viele Menschen damals. So wie man heute einfach mal einen Blog machen kann. Was heute das Internet ist, war damals eben der mechanisierte Publikationsprozess. Soziale Medien gab es zwar natürlich nicht, aber es wurde trotzdem schon ein Haufen Mist veröffentlicht – weil es einfach und ohne besondere Kontrollen möglich war.

hessenschau.de: Mal abgesehen von der Zeit, für die Sie sich interessieren, woher kommt ihr persönliches Interesse zur Familie der Grimms?

Lemster: Ich bin in Hanau geboren und aufgewachsen. Als Kind habe ich schon viel von den Grimms gehört, die waren schon in meiner Kindheit sehr präsent, die Schulausflüge führten in die Städte der Grimms. Und mich interessiert besonders die Zeit, in der die Grimms gelebt und gewirkt haben - also die Goethezeit zwischen 1770 und 1830. Mein Staunen darüber weiterzugeben, ist es, was mich als Autor umtreibt.

hessenschau.de: Was fasziniert Sie denn so sehr daran? Für manche klingt die Goethezeit vielleicht erst mal trocken.

Die Grimms Cover

Lemster: Natürlich ist deutsche Philologie nicht super spannend, aber darum geht es in meinem Werk auch nicht so sehr. Die Brüder Grimm waren natürlich Wissenschaftler, aber sie waren nicht die Sesselfurzer, als die manch einer sich damalige Gelehrte vorstellen mag. Sie sind rumgekommen, und sie haben brachial ihre Claims verteidigt. Das ist eine Sache, die mich erstaunt: wie rüpelhaft die Menschen damals miteinander umgegangen sind, auch in der Gelehrtenwelt.

hessenschau.de: Haben Sie da ein Beispiel?

Lemster: Die Brüder Grimm haben sich einige Jahre in den Berliner Professor von der Hagen schier verbissen. Zum Beispiel bei Literaturwettbewerben wetteiferten sie erbittert miteinander. Sie gingen so weit, dass sie ihren Konkurrenten öffentlich der Unterschlagung von Dokumenten beschuldigten. Der "Grimm", mit dem sie ihre Wettbewerber herabwürdigten, war sprichwörtlich. "Grimmige, daher fletschende Bestien" nannte ein Verleger sie.

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Mit diesem Temperament ist es ihnen gelungen, ihre Märchen in dieser Politisierung Deutschlands zu der Zeit als Standardwerk zu positionieren, obwohl sie weder die einzigen noch die ersten waren, die Märchen veröffentlichten.

hessenschau.de: Im Buch geht es dann ja nicht nur um die beiden Brüder Jacob und Wilhelm, sondern auch noch um ganz viele andere Familienmitglieder. Wen finden Sie am spannendsten?

Lemster: Ich bin Lui-Fan, absolut! Ludwig Emil Grimm war ein unheimlich freundlicher Mensch, ein richtiger Ankommer. Er ist sehr geradeheraus, hat sich mit jedem verstanden und war eigentlich gar kein Intellektueller, sondern ein Sinnesmensch. Er scheint eine sehr positive Ausstrahlung gehabt zu haben.

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„Jacob war getrieben von seiner Arbeit. Das resultierte aus traumatischen Erfahrungen in seiner Kindheit.“ Michael Lemster Michael Lemster
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Das kann man von Jacob zum Beispiel nicht so sagen. Jacob war getrieben von seiner Arbeit. Das resultierte aus traumatischen Erfahrungen in seiner Kindheit.

Am spannendsten ist aber eigentlich Ferdinand. Er hat die gleichen Ambitionen wie seine älteren Brüder, aber nicht die Mittel. Er kriegt nicht die Ausbildung, hat nicht das Sitzfleisch, vielleicht auch nicht die Rücksichtslosigkeit und er ist seltsam. All das und ein Verstoß gegen das Gebot der familiären Loyalität führt letztendlich dazu, dass er von der Familie verstoßen wird und im Elend stirbt.

hessenschau.de: Wie haben Sie diese Details erfahren?

Lemster: Ich habe eigentlich alle erdenklichen Quellen genutzt, mich mit Forschern unterhalten und wahnsinnig viel gelesen. Die beiden Brüder haben selbst über sich geschrieben. Sie hatten ein großes Netzwerk an Freunden, Bekannten, Kollegen, die ihre Sichtweise auf die Familie veröffentlichten. Sie haben mit 1.600 verschiedenen Menschen korrespondiert. Das sind bergeweise Schriftstücke.

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125 Jahre Grimm-Denkmal

Im Rahmen des Jubiläumswochenendes "125 Jahre Grimm-Denkmal" stellt Michael Lemster sein neues Buch am Freitag, 22. Oktober im Kulturforum am Freiheitsplatz in Hanau vor. Tickets gibt es für 10 Euro beim Buchladen am Freiheitsplatz. Zwischen dem 16. und 22. Oktober veranstaltet die Stadt Hanau außerdem viele weitere Aktionen zum Jubiläum des Nationaldenkmals der Brüder Grimm.

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Audioseite Hanau feiert 125 Jahre Grimm-Denkmal

Brüder Grimm-Denkmal in Hanau
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Für die Recherche bin ich auch soweit wie möglich an die Orte zurückgegangen, an denen die Grimms gelebt haben. Was aber nicht heißt, dass man da noch Lebensspuren begegnet. In Kassel beispielsweise ist jede grimmsche Stätte im Krieg plattgemacht worden.

hessenschau.de: In Hessen betiteln sich ja viele Städte gerne als Grimm-Stadt. Was sagen Sie als Experte: Welche ist die wahre Grimm-Stadt?

Lemster: Sind wir nicht alle ein bisschen grimmig? (lacht) Ich würde mir nicht anmaßen, ein Urteil zu fällen, welche Stadt besonders grimmig ist. Wir wissen, die Grimms haben sich in Steinau sehr wohl gefühlt - da waren sie aber noch Kinder. Über Marburg haben sie geklagt, auch über Kassel. Als sie aber von Kassel weg waren, haben sie sich wieder zurückgesehnt. Also, ich würde sagen: Haltet alle zusammen und die Grimms hoch!

Das Gespräch führte Pia Stenner.

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