Bücherstapel

Sie wollen mehr über die 20 Titel wissen, die im Rennen um den Deutschen Buchpreis 2020 sind? Hier finden Sie ausgewählte Buchbesprechungen und Autoren-Interviews zu den nominierten Titeln - zum Reinhören und Reinlesen.

Bov Bjerg "Serpentinen"

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bov Bjerg "Serpentinen"

Cover Bov Bjerg "Serpentinen"
Ende des Audiobeitrags

"Serpentinen" ist eine "Road Novel": Die Geschichte einer Reise, die der Erzähler, ein Berliner Soziologieprofessor, zusammen mit seinem siebenjährigen Sohn zurück zu den Schauplätzen seiner Kindheit unternimmt. Es ist eine scheinbar nostalgische Reise zu den eigenen Ursprüngen, die allerdings ohne das Wissen der Mutter des Jungengeschieht und auf der die beiden von einer dunklen Macht verfolgt werden. Einer Macht, die schon den Vater, den Großvater und den Urgroßvater des Erzählers in den Selbstmord getrieben hat.

Wie kann dem eigenen Kind das Schicksal, Sohn eines Selbstmörders zu werden, erspart bleiben? Es ist diese Frage, die die ganze Reise der beiden begleitet und den Erzähler selbst vor einem ungeheuerlichen Gedanken nicht zurückschrecken lässt: Was wäre, wenn dieser Kreislauf, Selbstmord der Väter und Depression der Söhne, nur durch die Tötung des eigenen Kindes zu unterbrechen wäre? Doch so schwermütig, wie sich das alles auf den ersten Blick anhört, ist dieser Roman gar nicht.

Ein durch und durch düsteres Thema wird in "Serpentinen" immer wieder witzig gebrochen. Genauso wie in Bov Bjergs vorigem Roman "Auerhaus" schafft Bov Bjerg es auch in diesem Roman, gewichtigen Fragen die Schwere zu nehmen, ohne sie dadurch zu banalisieren. (Alf Mentzer, hr-iNFO)

Weitere Informationen

Die nominierten Top 20-Longlist-Titel

Ihr Interesse an den Top 20-Romanen im Rennen um den Deutschen Buchpreis ist geweckt? Hier geht es zu einer Übersicht der insgesamt 20 Bücher, die die Jury für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert hat. Und das ist die Shortlist.

Ende der weiteren Informationen

Dorothee Elmiger "Aus der Zuckerfabrik"

Cover Dorothee Elmiger, Aus der Zuckerfabrik

In ihrem dritten Buch "Aus der Zuckerfabrik" bleibt Dorothee Elmiger ihrer experimentellen Schreibform treu: der Roman besteht aus Fragmenten und Textmontagen wie in einem Notizheft. Leserinnen und Leser werden dabei Zeuge einer langen Reise und die Schriftstellerin macht Halt an ganz unterschiedlichen Stationen der Weltgeschichte. Karl Marx, Kolonialismus, Geld, weibliches Begehren, Sklaverei. Das Bindeglied leuchtet in allem hervor, es ist die Gier nach Zucker.

Rund sieben Jahre lang hat die Autorin sich die Freiheit genommen, ihrer Recherche zu folgen. Wie hängen die europäische Gier nach Zucker, patriarchales und feminines Begehren, Wahnsinn, Sehnsucht, Sklaverei und kolonialer Kapitalismus zusammen? Elmiger sucht in der Literatur, Kolonialgeschichte, Kulturtheorie und Psychologie nach Antworten und stößt auf immer neue Verbindungen. Einfache Lektüre ist das nicht, sagt die MDR-Kulturkritikerin Linda Schildbach, aber die "berauschende Reise durch einen Wald der Querverweise" fasziniert. Leider setzt die Autorin dabei Dreisprachigkeit voraus, eine Übersetzung der englischen und französischen Zitate gibt es nicht. (Linda Schildbach, MDR KULTUR)

Thomas Hettche "Herzfaden"

Cover Thomas Hettche "Herzfaden"

Der Geschichte der Augsburger Puppenkiste widmet Thomas Hettche seinen neuen Roman "Herzfaden". "Es ist eine grandios vergnügliche Wiedersehensfeier mit der eigenen Kindheit", findet Denis Scheck (WDR) und legt uns die Lektüre in seiner Sendung "druckfrisch" wärmstens ans Herz. Es ist eine Begegnung mit Urmel aus dem Eis oder dem kleinen König Kalle Wirsch und natürlich mit Jim Knopf, dem Lokomotivführer.

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel auf hr2.de Thomas Hettche: Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste

Podcast Hörbuchzeit
Ende des Audiobeitrags

"Hettche hat kein Kinderbuch geschrieben, allerdings ein Buch über Kindheit und Erinnerung. Elegant und mit wunderbar leichter Hand erzählt er auch die Mentalitäts- und Mediengeschichte der jungen Bundesrepublik. Er beschreibt ein Abenteuer, wie es nur wirklich große Literatur glaubhaft schildern kann. Hettche ist ein großes erzählerisches Risiko eingegangen. Wie leicht hätte diese Geschichte an den Klippen des Kitsches zerschellen können. Sie ist aber ein literarischer Triumph." (Denis Scheck, WDR)

Deniz Ohde "Streulicht"

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Deniz Ohde "Streulicht"

Cover Deniz Ohde "Streulicht"
Ende des Audiobeitrags

Auf den ersten Blick ist "Streulicht" ein klassischer Entwicklungsroman über den Weg eines Arbeiterkindes zur Akademikerin. Die Ich-Erzählerin ist die Tochter einer Türkin und eines Arbeiters, die ihre Kindheit in den 90er und Nullerjahren in einem Ort am Rande eines Industrieparks verbringt. In den Rückblenden entsteht das Bild einer Gesellschaft, in der sich das Mädchen nie angekommen fühlte - obwohl es auf's Gymnasium geht. Die "gläserne Decke", an die sie immer wieder stößt, leuchtet Deniz Ohde genau aus. Der Roman beschreibt anschaulich wie stark der Anpassungsdruck auf dem Mädchen lastet.

Streulicht ist ein Roman, der mich von der ersten Seite in die Welt und die Atmosphäre seiner Erzählerin hineingezogen hat. Das gelingt Ohde mit der Intensität ihrer sprachlichen Bilder. Ein Roman mitten aus der Gesellschaft unserer Republik mit all ihren Verwerfungen und sozialen Dissonanzen. Ein starkes Debüt, dem ich wünschen würde in die engere Auswahl für den Deutschen Buchpreis zu kommen. (Hadwiga Fertsch-Röver, hr-iNFO)

Leif Randt "Allegro Pastell"

Videobeitrag

Video

zum Video Leif Randt liest aus "Allegro Pastell"

Lesung im Lockdown: Leif Randt liest aus seinem Buch
Ende des Videobeitrags

Tanja und Jerome befinden sich in Phase 1 ihrer Liebesgeschichte: Die beiden sind auf enervierende Art und Weise bemüht, alles richtig zu machen. Sie finden es romantisch, sich noch lange E-Mails zu schreiben, statt sich wie die anderen Sprechblasen der Messenger-Dienste zuzuwerfen. Selbst der Sex wird bewertet, eingeordnet und auf höhere Werte befragt."

Allegro Pastell" ist die Beschreibung einer Liebe in Zeiten von Instagram, Dating-Portalen und scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, aus seinem Leben das Beste zu machen. In einer Welt, in der alles öffentlich und transparent ist, jede Handlung sofort bewertet, jeder originelle Gedanke sofort verbreitet werden kann, suchen Jerome und Tanja nach Intimität und Individualität. Vor lauter Nachdenken und Abchecken, wie sie nach außen wirken, verlieren sie den Kontakt zu ihrem Selbst und die Empathie für andere. (Hadwiga Fertsch-Röver, hr-iNFO)

Robert Seethaler "Der letzte Satz"

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Robert Seethaler "Der letzte Satz"

Cover Robert Seethaler "Der letzte Satz"
Ende des Audiobeitrags

Gustav Mahler hatte ein Engagement in New York, er sitzt auf dem Schiff, das ihn über den Atlantik zurück nach Europa bringt. Der berühmte Komponist ist mehr als körperlich angeschlagen, auf den Tod krank. Doch der Roman "Der letzte Satz" thematisiert nicht nur die Schiffsreise Mahlers, es gibt auch Rückblenden aus seinem Leben: auf den Tod einer Tochter, die Eheprobleme mit seiner Frau Alma, ihre Untreue und auch Rückblicke auf beispielsweise seine oft aufzehrende Tätigkeit in Wien als Direktor. Nicht nur die Beschreibung des kranken und schwachen Künstlers, sondern auch die Beschreibung der konkreten Situation der Schiffsreise ist sehr stimmungsvoll. Seethaler ist biografisch kompetent und sehr genau - zum Beispiel, was die Begegung Mahlers mit Sigmund Freud betrifft, den er wegen seiner Eheprobleme konsultiert hatte.

Es ist in der dritten Person geschrieben, doch sehr nah an ihm dran. Der Stil ist assoziativ, er schreibt in Ellipsen wie im inneren Monolog, der in spontanen Assoziationen abrollt. Manchmal etwas laut temperiert, mehr melancholische Seelenarbeit wäre vielleicht angemessen gewesen. Doch das ändert nichts: In "Der letzte Satz" steckt viel Gustav Mahler drin, die Liebhaber des Komponisten werden auf ihre Kosten kommen und vieles entdecken. (Mario Scalla, hr2-kultur)

Anne Weber "Annette, ein Heldinnenepos"

Audiobeitrag

Audio

zum hr2.de Audio Anne Weber, die neue Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim

Anne Weber
Ende des Audiobeitrags

In Offenbach geboren, in Büdingen Abitur gemacht - seit über 30 Jahren lebt Anne Weber in Paris. Anne Weber ist die neue Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim und im Gespräch mit Daniella Baumeister verrät sie, wie sie diese Aufgabe angehen will. Mit fast jedem neuen Buch wagt Weber ein neues Experiment und ihre Geschichten entstehen oft erst beim Schreiben. "Auf jeden Fall noch nicht vorher."

Für die Longlist nominiert ist Anne Weber für "Annette, ein Heldinnenepos". Wer ist Anne Beaumanoir, genannt Annette? Anne Weber widmet der heute 96-jährigen, mutigen Bretonin ein Buch, mehr noch, ein Epos. Mehr dazu im SR2-Podcast Literatur im Gespräch.

Frank Witzel "Inniger Schiffbruch"

Audiobeitrag

Audio

zum hr2.de Audio Gespräch mit Frank Witzel über "Inniger Schiffbruch"

Autor Frank Witzel
Ende des Audiobeitrags

In "Inniger Schiffbruch" geht es um den Gefühlszustand des Erzählers, der sich im Haus seiner verstorbenen Eltern durch den Nachlass seines Vaters kämpft. Notizbücher, Familienfotos und Videos rufen das Leben der Eltern und damit auch das seiner Kindheit in Erinnerung.

Eine Kindheit voller Disziplinierungsmaßnahmen wie Hausarrest, Tonband- und Fernsehverbot – und zugleich eine Mentalitätsgeschichte der jungen Bundesrepublik der 60er Jahre, einer Gesellschaft zwischen Kittelschürzen und Bärenmarke-Reklame, Internationalem Frühschoppen und Mainzer Fassenacht. Wie schon in seinem mit dem Deutschen Buchpreis 2015 ausgezeichneten Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" schöpft der in Wiesbaden geborene Autor aus seinem eigenen Erleben. (Daniella Baumeister, hr2-kultur)

Videobeitrag

Video

zum Video Frank Witzel liest aus "Inniger Schiffbruch"

Lesen im Lockdown: Frank Witzel
Ende des Videobeitrags

Christine Wunnicke "Die Dame mit der bemalten Hand"

Cover Christine Wunnicke  "Die Dame mit der bemalten Hand"

Christine Wunnicke ist mittlerweile der berühmteste Geheimtipp in der deutschen Literaturszene. Die Autorin steht bereits zum dritten Mal auf der Longlist für den deutschen Buchpreis. Ihr neuer Roman heißt "Die Dame mit der bemalten Hand" und führt zugleich in exotische Gebiete und in die Historie. Dabei kämpft Wunnicke mit feinstem literarischem Florett, so MDR-Literaturkritikerin Katrin Schumacher.

Die Titelfigur gab es wirklich: Carsten Niebuhr, geboren 1733. Der Mathematiker und Kartenkundige wird mit 28 Jahren vom dänischen König auf Forschungsreise nach Arabien geschickt. Weil seine mitreisenden Forscher einer nach dem anderen sterben, wird Niebuhr zum Universalgelehrten wider Willen. Niebuhr trifft auf Meister Musa, einen persischen Konstrukteur astronomischer Instrumente und das sich daraus entspinnende Gespräch auf den west-östlichen Diwan ist das Herzstück dieses herrlich verpeilten Romans, in dem sich Missverständnis an Missverständnis reiht. (Katrin Schumacher, MDR Kultur)