Mauerfall Jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989

30 Jahre Mauerfall und zum Jubiläum gibt es haufenweise Neuerscheinungen. Wir haben eine kleine Auswahl für Leseratten aller Altersklassen getroffen, darunter die Geschichte zweier Fluchten - nur eine mit gutem Ausgang.

Ein runder Jahrestag steht an: In diesem Jahr feiern wir 30 Jahre Mauerfall. So ist es kein Zufall, dass sich viele Neuerscheinungen im Jubiläumsjahr mit den Wendejahren beschäftigen. Hier eine Auswahl - für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Tim Boltz "Zonenrandkind"

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zum hr-fernsehen.de Video "Zonenrandkind" von Bestsellerautor Tim Boltz - Eine Provinzjugend in Osthessen

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Kalter Krieg, Eiserner Vorhang: Im Ernstfall hätten Angriffe im "Fulda Gap" begonnen - im Grenzgebiet zwischen Ost und West. Tim Boltz nimmt uns in "Zonenrandkind" mit in eine Jugend zwischen atomarer Bedrohung und Pubertätsproblemen. Witzig, skurril und nachdenklich.

Cover Tim Boltz Zonenrandkind - Eine Jugend zwischen Eisernem Vorhang und eisernen Jungfrauen

Der Held des Romans ist Franky Breuning. Der ist gerade mitten in der Pubertät und verloren in einem 672-Seelen-Dorf zwischen Fulda und der Grenze. Kein Fast-Food-Restaurant, kein Kabelnetz, dafür viel Achselbehaarung und verrauchte Dorfkneipen. Es ist die Geschichte über das Pubertieren eines Provinzjungen samt erster Schwärmerei - und die der Wiedervereinigung, des Mauerfalls.

Als die Mauer fällt, ist Tim Boltz 14 Jahre alt. Die Grenzübergange werden geöffnet, die Straßen sind voll mit Trabbies und winkenden Menschen. Diese Momente sind im Zonenrandgebiet besonders intensiv. Viele der Bewohner fühlten sich damals wie Hybrid-Bürger: noch nicht der Osten, aber auch nicht mehr wirklich der Westen. "Man will die Grenze nicht mehr zurückhaben", sagt Tim Boltz, "aber wir bleiben Zonenrandkinder." (Juliane Hipp, hauptsache kultur)

Susanne Gregor "Das letzte rote Jahr"

Hadwiga Fertsch-Röver (hr-iNFO): "Das letzte rote Jahr" spielt in der sozialistischen Tschechoslowakei 1989. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen drei Mädchen, die Ich-Erzählerin Miša und ihre Freundinnen Rita und Slavka. Sie alle wachsen zusammen in dem gleichen Mietshaus der Stadt Žilina auf.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Susanne Gregor "Das letzte rote Jahr"

Cover Susanne Gregor Das letzte rote Jahr
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"Das letzte rote Jahr" ist das letzte Jahr im Sozialismus, aber auch das der Kindheit der Freundinnen. Raffiniert verschränkt Susanne Gregor Politisches und Privates. Und so wie die Selbstverständlichkeiten und Gewissheiten im sozialistischen Staat zu bröckeln beginnen, so gerät auch die heile Welt der Mädchen aus den Fugen und es zeigen sich erste Risse in der Freundschaft.

Rita ist überzeugte Pionierin, doch ihre Eltern sprechen hinter vorgehaltener Hand über eine Flucht nach Österreich. Slavka interessiert sich wenig für Politik und schwärmt dafür umso mehr für den neuen Geschichtslehrer und fürs Turnen. Miša vergräbt sich in Bücher, was niemand so recht nachvollziehen kann.

Der Tonfall der Ich-Erzählerin ist der einer frühreifen Jugendlichen. Ein bisschen atemlos kommen die Sätze daher, ohne Punkt und Komma. Unsortiert und ohne jegliche moralische Wertung lässt sie die Geschehnisse von damals Revue passieren. Die heiklen Diskussionen der Eltern über die sozialistische Mängelwirtschaft, die Schwärmerei der Freundin, die Besuche des Parteisekretärs bei ihrem Vater - jedes Detail und jede Äußerlichkeit wird dabei mit in den Blick genommen und genau beschrieben. Der Entwicklungsroman schafft es, ganz ohne ostalgische Verklärung, das komplizierte Erwachsenwerden zu der Zeit zu erfassen.

Katrin Linke/Karsten Brensig " Eine Liebe ohne Grenzen"

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Buchcover
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Der Sommer 1989 war der Höhepunkt der deutsch-deutschen Flüchtlingswelle. Ein junges Paar floh damals filmreif aus der DDR und landete in Gießen. Knapp 30 Jahre später haben die beiden ein Buch darüber geschrieben und suchen ihre Fluchthelfer.

Susan Schädlich/Alexander von Knorre "Wie war das in der DDR?"

Susan Schädlich, Alexander von Knorre Wie war das in der DDR?

Charlotte Jacobsohn (hessenschau.de): Wie es in der DDR war, können sich Kinder der Generation Y schlecht vorstellen: ein geteiltes Deutschland, eine Mauer mitten durch Berlin und zwei Länder, die ganz unterschiedlich funktionieren. Dieses abstrakte und komplexe Thema wird in "Wie war das in der DDR?" verständlich gemacht. Mit vielen Grafiken und Erklärungen wird die Geschichte der DDR erzählt.

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"Stell dir vor, du könntest manche deiner Gedanken nicht mal deinen Freunden verraten, weil du weißt, dass du Ärger bekommst, wenn jemand sie weitererzählt."

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Klappt man den Einband auf, ist dort zunächst ein Bild von Deutschland, das die Aufteilung in Ost und West zeigt. Dazu werden Abkürzungen wie DDR und BRD erklärt. Danach berichten die Kinder Susan und Michael über ihr Leben in der DDR, über die Verbote und die Mentalität, während sie aufwachsen. Denn das Leben in der DDR unterschied sich in vielen Dingen von dem Leben in der Bundesrepublik. Ein Zeitstrahl erklärt die Geschichte der DDR vom Kriegsende 1945, über den Bau der Berliner Mauer bis hin zur Wiedervereinigung. Begriffe und Politiker werden chronologisch und kindgerecht erklärt. Auch die SED, die Stasi und die wichtigsten Politiker werden erläutert.

Ein Tipp: Mit einem jüngeren Kind sollte "Wie war das in der DDR?" gemeinsam gelesen werden, um aufkommende Fragen direkt klären zu können. Aber auch ältere Kinder freuen sich sicher auf Erzählungen von Zeitzeugen und persönliche Anekdoten. Das Sachbuch ermutigt die Kinder, selbst auf Spurensuche zu gehen und DDR-Forscher zu werden.

Dirk Kummer "Alles nur aus Zuckersand"

Caroline Wornath (hessenschau.de): Fred und Jonas sind beste Freunde. Sie leben in Ost-Berlin und spielen am liebsten in einem alten Fabrikgelände in der Nähe der Grenze zu West-Berlin. Als Jonas' alleinerziehende Mutter einen Ausreiseantrag stellt, gerät das zuvor unbeschwerte Leben der Jungs aus den Fugen. Heimlich beginnen sie, einen Tunnel zu graben, der sie nach Australien führen soll. Als Jonas die DDR verlässt, scheint die Freundschaft für immer verloren.

Dirk Kummer Alles nur aus Zuckersand

Autor, Regisseur und Schauspieler Dirk Kummer ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen. Vor zwei Jahren wurde sein Film "Zuckersand" mit Preisen überhäuft. Entstehen Filme meist aus Büchern, so ist es hier andersherum. Erst der Film und nun das Buch, das allerdings eine ganz andere Wendung nimmt als auf der Leinwand. Ein berührendes Buch, das Kindern eine Idee davon vermitteln kann, was die Teilung Deutschlands
für Menschen und ihre Beziehungen zueinander bedeutete.

Helen Endemann "Todesstreifen"

Helen Endemann Todesstreifen

Sophia Averesch (hessenschau.de): Marc lebt in Ost-Berlin, Ben in West-Berlin. Beide sind begabte Leichtathleten in derselben Altersklasse, beide haben rotblonde Haare und Sommersprossen im Gesicht. Ben darf nach Ost-Berlin einreisen, Marc hingegen wird niemals nach West-Berlin reisen. Er lebt in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), dem "Arbeiter- und Bauernstaat", dem er so gerne entkommen möchte. Ben ist ein "Goldjunge" aus dem kapitalistischen Westen. Auf einem Sportwettkampf in Ost-Berlin begegnen sich die ähnlich aussehenden Jungen. Aus Ossi Marc wird Wessi Ben.

Helen Endemann hat mit "Todesstreifen" ein Buch geschrieben, das sich ausgezeichnet für den Deutschunterricht in der Mittelstufe eignet: Genauso wie Ben wird der Lesende in das fremde politische System der DDR katapultiert und mit staatlicher Kontrolle, Überwachung, mit Gefühlen der Unsicherheit im eigenen Zuhause und in der Familie konfrontiert. Mit ständiger Angst vor dem Staat. Wer jedoch nach einer zähneklappernden Abendunterhaltung sucht, der wird von "Todesstreifen" enttäuscht. Der Plot ist auch für Jugendliche ab 13 Jahren schon nach wenigen Seiten durchschaubar, die Figuren sehr einfach gestrickt

Caroline Labusch "Ich hatte gehofft, wir können fliegen"

Charlotte Jacobsohn (hessenschau.de): Caroline Labusch erzählt die wahre DDR-Fluchtgeschichte von Winfried Freudenberg und seiner Frau Sabine. Mit einem selbstgebastelten Heißluftballon versucht der Ingenieur über die Grenze durch den Luftraum in den Westen zu fliehen. Beim Befüllen des Ballons wird das Paar überrascht - Winfried steigt alleine und unvorbereitet in den Ballon. Durch den überhasteten Aufbruch steigt der Ballon unkontrolliert und viel zu hoch. Den Westberliner-Boden erreicht Winfried Freudenberg nicht lebend. Er ist der letzte Mauertote der Geschichte.

Cover Caroline Labusch Ich hatte gehofft, wir können fliegen

Für die Details der rätselhaften Geschichte hat Caroline Labusch mehrere Jahre lang recherchiert und intensive Gespräche mit Witwe Sabine Freudenberg oder der Polizei geführt. Dabei ist die Sprache des Romans so persönlich wie eine Autobiographie, so faktisch wie ein Sachbuch, so emotional wie eine Liebesgeschichte und so spannend wie eine Kriminalgeschichte. Labusch schafft es, die tragische Geschichte eines Todesopfers der deutschen Teilung zu rekonstruieren und ein Stück DDR-Geschichte in Erinnerung zu bringen.

Caroline Labusch ist zu Gast auf der ARD Bühne am Mittwoch, 16. Oktober, 15.30 Uhr. Zu sehen im Livestream oder im Anschluss an das Gespräch als Video.

Sendung: hr-fernsehen, hauptsache kultur, 12.09.2019, 22:45 Uhr