Comic Collage

Der tragische Knick einer Boxer-Karriere, ein berühmter Cowboy auf dem Fahrrad oder Geschichte in opulente Bilder verpackt - diese Comic-Neuerscheinungen können wir empfehlen.

Reinhard Kleist "Knock Out!"

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zum hr-fernsehen.de Video Boxerbiographie als Comic

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Schwarz, schwul und Boxer. Emile Griffith war in den 1950er und 60er Jahren weltberühmt. Der amerikanische Faustkämpfer kam nur zufällig in den Ring und erlangte leider traurige Berühmtheit. Am 24. März 1962 kämpfte er gegen Benny Paret, der ihn zuvor als Schwuchtel beschimpft hatte. Griffith schlug im Kampf so hart zu, dass Paret ins Koma fiel und später starb. Diese Tragödie verfolgte Griffith sein Leben lang.

Cover Knock Out! Reinhard Kleist

Der Berliner Zeichner Reinhard Kleist liebt solche gebrochenen Figuren. Zuletzt hatte er Biografien von Nick Cave oder Johnny Cash veröffentlicht. Knock Out! ist sein zweiter Comic zum Thema Boxen. In seinem aktuellen Werk zeigt er Griffith als facettenreiche Figur. Er zeichnet den Lebensweg des Mannes, der eigentlich Hutdesigner war, nach und stellt ihn einen inneren Dämon an die Seite, der den Boxer sein Leben lang nicht mehr loslässt.

"Wie seltsam das ist. Ich töte einen Mann und die meisten Leute verstehen das und verzeihen mir. Hingegen, ich liebe einen Mann, und so viele halten das für eine unverzeihliche Sünde, die mich zu einem schlechten Menschen macht", zitiert der Klappentext den Boxer. Ein Buch über Widersprüche und Vorurteile - kongenial umgesetzt als Comic in schwarz und weiß.

Steffen Kverneland "Ein Freitod"

Dass Comics immer komisch sind, ist ein weit verbreiteter und leider langanhaltender Irrglaube. "Ein Freitod" etwa ist ganz und gar nicht komisch. Es geht um den Selbstmord eines Vaters. Des Vaters des norwegischen Zeichners Steffen Kverneland. In einer beeindruckenden Kombination aus Fotos und Zeichnungen erinnert er sich am Zeichentisch sitzend an den Tod seines alkoholkranken und depressiven Vaters.

Steffen Kverneland Ein Freitod

Die Fotografien rücken Erinnerungen in den Vordergrund. Gleichzeitig hinterfragt der Zeichner, ob ihm sein Gedächtnis hier und da vielleicht einen Streich spielt. Etwa, wenn es um den an die Mutter gerichteten Abschiedsbrief geht. Hat er ihn nun gelesen oder doch nicht?

Das Buch beschreibt nicht nur den Vater, es zeigt auch den Umgang des Sohnes mit dieser traumatischen Erfahrung. Mit 55 bringt er zu Papier, was er als 18-Jähriger erlebt hat. Und er beschreibt, welche Schwierigkeiten er damit hat. Manche Details will er einfach nicht zeichnen und rettet sich in schwarze Seiten.

Psychologisch tiefgründig beschreibt der Zeichner dabei fast mehr seine eigene Trauer und den Umgang damit. "Trauer ist etwas Seltsames. Manchmal, in Phasen der Trauer, habe ich das widerliche Gefühl, meine Trauer eigentlich nur zu spielen und vorzutäuschen, sogar wenn ich allein bin." Das Gesicht seines Vaters auf dem Titelbild ist übermalt. Die Erinnerung an ihn aber längst nicht vergessen. Ein grandioses Buch - und ein überhaupt nicht komischer Comic.

Mawil "Lucky Luke sattelt um"

Der erste Lucky Luke-Comic aus deutscher Zeichenfeder. Was für eine Ehre für den Berliner Markus Witzel, in der Szene besser bekannt als Mawil. Er setzt den "lonesome cowboy" vom Pferd auf den Drahtesel. Schnell startet so ein rasantes Abenteuer in gewohnter Manier, aber mit ungewohntem Zeichenstil. In seiner liebevollen Hommage bleibt Mawil sich seinem Strich nämlich treu. Das mögen angestammte Lucky-Fans vielleicht nicht so sehr, sorgt aber für eine besondere Handschrift.

Cover Lucky Luke sattelt um - Hommage von Mawil

Wer in dem Abenteuer auf die Daltons wartet, wartet vergeblich. Die Bösewichte in diesem Band heißen Smith und Wesson. Haha! Die beiden sind ein ungleiches Paar und hinter einer geheimnisvollen Kiste her. Darin der Prototyp eines neuartigen Fahrrades, so wie wir es heutzutage kennen. Ein gewisser Albert Overman soll die Kiste ins ferne San Francisco bringen, um den bislang vorherrschenden Hochrädern Konkurrenz zu machen.

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Mawil ist am Samstag, 19. Oktober, 14.30 Uhr, zu Gast auf der ARD Bühne. Zu sehen auch im Livestream oder im Anschluss als Video.

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Das Fahrrad wird beim Zug-Transport durch eine Explosion arg in Mitleidenschaft gezogen. Lucky Luke muss es mit einem Inbus-Schlüssel zusammenschrauben. Auf seiner Reise in den entfernten Westen gerät er zwischendurch an den Marterpfahl, kämpft mit Intrigen, platten Reifen und einer Stampede. Bevor er kurz vor Schluss noch Eddy Merckx alle Ehre macht und das Radrennen in San Francisco gewinnt. So machen Comic-Hommagen Spaß.

Frank Schmolke "Nachts im Paradies"

Mit dem Taxi durch München. Und dann auch noch zum Oktoberfest. Wer das jemals erlebt hat, der weiß ungefähr, was Frank Schmolke beschreibt. Der Zeichner spricht aus Erfahrung, ist er selbst doch jahrzehntelang Taxi gefahren. Er hat Kunden mitgenommen - und auch stehen gelassen. Er wurde bedroht, beschimpft, betrogen. Er hat die übelsten Orte von innen gesehen.

Cover Nachts im Paradies von Frank Schmolke

Wenn Schmolkes Alter Ego, Taxifahrer Vincent, auf seinem Bock sitzt, gehört ihm die Nacht. Als hätte er als "Kutscher" nicht schon alles erlebt, gerät er unversehens ins Rotlichtmilieu. Noch dazu verschwindet seine 16-jährige Tochter Anna. Ein Drogencocktail setzt sie außer Gefecht. Und während sie sich der inneren und äußeren Wölfe erwehren muss, macht ihr Vater seine Erfahrungen mit einer Welt, die man lieber nicht kennenlernen möchte.

Schmolke nimmt den Leser mit auf eine rasante Reise. Er zeigt das hässliche Gesicht der Wiesn. Er vermittelt ein Gefühl für den Job des Taxifahrers, der wenig Trinkgeld ertragen muss und unfreundliche Gäste, die sich nicht beherrschen können. Die 360 Seiten fliegen so an einem vorbei. Das liegt nicht nur am rauen Zeichenstil, sondern auch an der rasanten Geschichte. Die neben Milieustudien auch ein München zeigt, das man so womöglich noch nicht gesehen hat.

Nicolas Petrimaux "Shooting Ramirez 01"

Durchgeknallt und verrückt. Ein Comic, der in bester Pulp-Fiction-Manier unterhalten will, ist der Überraschungshit des bislang relativ unbekannten Franzosen Nicolas Petrimaux. Sonst entwickelt er Videospiele, jetzt lässt er Quentin Tarantino auf Miami Vice prallen. Shooting Ramirez also. Ein stummer, unscheinbarer Staubsauger-Reparateur als übelster Killer Mexicos? Kann das sein? Oder ist doch alles ganz anders und Ramirez Opfer einer Verwechslung?

Cover Nicolas Petrimaux Shooting Ramirez

Der Comic fängt an wie ein Film. Eine Verhörszene bei der Polizei. Die Kaffeemaschine im Hintergrund, dann ein qualmender Tatort. Es braucht nicht lange, um in der Geschichte zu sein. Szenenwechsel: Die Zentrale der Staubsaugerfirma Robotop. Hier ist Jack Ramirez das Mädchen für alles. Er repariert, was andere nicht mehr reparieren können - und wird doch regelmäßig von seinem Vorgesetzten runtergeputzt.

Doch hat der stumme Jack mit dem traurigen Blick vielleicht noch ein dunkles Geheimnis? Welche Rolle spielen die beiden Frauen, die offenbar auf der Flucht vor der Polizei sind und was ist mit dem anderen Mann, der ab und zu auf der Bildfläche erscheint? Als wäre das Ganze noch nicht verwirrend und rasant genug. Wie zufällig streut Petrimaux noch auf alt gemachte Werbeanzeigen ein. Die machen einfach nur Spaß und wirken authentisch. Wenn man das von einer ausgedachten Geschichte überhaupt sagen kann.

Alain Ayroles/Juanjo Guarnido "Der große Indienschwindel"

Schelmisch guckt sie den Leser an, die Hauptfigur auf dem Titelbild. Pablos, ein Gauner, ein Abenteurer, ein Hochstapler, ein Glücksritter? El Dorado - das Land der goldenen Träume. Hat er es wirklich entdeckt? Oder versucht er mit der Erzählung dieser Geschichte nur seine eigene Haut zu retten? Immerhin liegt der Erzähler auf der Streckbank und soll preisgeben, woher er sein goldenes Amulett hat. 

Cover Der große Indienschwindel Alain Ayroles Juanjo Guarnido

Es ist eine verschachtelte Geschichte. Ein Abenteuerroman, eine Reise durch ein unbekanntes Land. Mit großartigen Bildern, witzigen Figuren, einem Plot der aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Etliche Jahre lang haben der spanische Star-Zeichner Juanjo Guarnido (Blacksad) und Alan Ayroles an dem Band gearbeitet. Und das hat sich wirklich gelohnt. Erzählt wird von Missgeschicken eines Helden im Südamerika des 17. Jahrhunderts.

Pablos schlägt sich so durch. Als Bettler, als Begleitung eines Missionars - am Ende wird er gar König. Natürlich spielt die Geschichte nicht in Indien, sondern in Amerika. Pablos durchwandert alle gesellschaftlichen Schichten. Nie ist sich der Leser sicher, was er von der Erzählung des kleinen Gauners glauben soll und was nicht. Eine gelungene Münchhausen-Geschichte, wie sie im Comic auf diesem Niveau nur ganz selten erzählt wird. 

Jacques Martin/André Juillard "Arno"

Der Trend zur Gesamtausgabe, er reißt noch immer nicht ab. Alte Comic-Klassiker in neuem Gewand, mit Zusatzinformationen versehen und hübsch verpackt. Man sollte meinen, dass mittlerweile der Markt ziemlich abgegrast ist, doch immer noch finden sich Perlen der Comic-Kultur, die es wieder zu entdecken gilt. Arno ist so eine Perle, vor allem weil Zeichner André Juillard dahinter steckt. Geschichte als Abenteuer und dann noch in opulente Bilder gesetzt. Zudem geschrieben von Jacques Martin, der ähnlich wie sein Zeichner, im Bereich des Historiencomics Meilensteine hinterlassen hat.

Cover Arno Jacques Martin André Juillard

Ursprünglich sind die drei Arno-Einzelbände, die hier zusammengefasst sind, zwischen 1983 und 1985 entstanden. Der Musiker Arno Firenze erlebt zunächst im Venedig des Jahres 1797 den Einzug Napoleons in die Stadt. Er verhindert einen Anschlag auf den großen Feldherrn und begleitet ihn später auf seinem Ägyptenfeldzug.

Wie immer, wenn André Juillard Geschichte in Szene setzt, glänzen seine Bilder durch genaue Recherche und detailgetreue Darstellung. Kostüme, Gebäude, Schiffe - sie helfen dem Leser dabei, tief einzutauchen in die Geschichte - und zwar im doppelten Wortsinne. Der redaktionelle Zusatzteil liefert alles, was man erwarten kann: historische Fotos, Skizzen und historisches Hintergrundwissen. Eine Gesamtausgabe, wie Comicfans sie sich wünschen.

Alexander Braun "Krazy Kat"

Groß, schwer, grandios. Ein Buch über einen Comiczeichner der frühen Jahre. George Herriman hat mit Krazy Kat Pionierarbeit geleistet. Es geht um die Katze Krazy, die in die Maus Ignatz verliebt ist und von der ständig einen Ziegelstein an den Kopf geworfen bekommt. Was von der einen als Abneigung gedacht ist, wird von der anderen als Zuneigung gedeutet. Comic-Experte und Kunsthistoriker Alexander Braun zeigt in diesem opulenten Buch alle Sonntagsseiten des Strips. Großformatig, wie die Originale.

Cover Alexander Braun Krazy Kat

Dass sich Braun mit den frühen Comicstrips bestens auskennt, hat er schon mehrfach bewiesen. Vor drei Jahren zeigte die Frankfurter Ausstellungshalle Schirn eine von ihm kuratierte Schau. Vorgestellt wurden Comics von Winsor McCay, Lyonel Feininger, Charles Forbell, Cliff Sterrett, George Herriman und Frank King. Der Titel damals: "Pioniere des Comic. Eine andere Avantgarde."

Für die bei Taschen erschienene Gesamtausgabe zu Winsor McCays "Little Nemo" wurde er 2015 mit dem wichtigsten Comicpreis der Welt ausgezeichnet: dem Eisner-Award. Jetzt also der nächste in der Reihe der Pioniere: George Herriman. Das Buch ist sechs Kilogramm schwer, findet kaum Platz im Bücherregal und ist noch dazu nicht billig. Es glänzt aber neben den Sonntagsseiten durch die vielen zusätzlichen Fotos, Postkarten und Hintergrundinformationen, die es für jeden Comicfan zu einem herausragenden Schmuckstück werden lassen.

Es gibt in diesem Jahr so viele tolle Neuerscheinungen im Comic-Bereich, dass sie gar nicht alle in eine Vorstellungsrunde gepasst haben. Hier stellen wir weitere Comics vor.

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 16.09.2019, 18 Uhr