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Buchpreis-Gewinner Saša Stanišić

Der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2019 ist Saša Stanišić für seinen Roman "Herkunft". Die Jury bescheinigt ihm viel Witz und eine große Fantasie bei einem schwierigen Thema. In seiner Dankesrede sparte Stanišić aber auch nicht mit Kritik.

Der Schriftsteller Saša Stanišić ist am Montagabend in Frankfurt mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Stanišić erhält den mit 25.000 Euro dotierten Preis für seinen Roman "Herkunft".

In dem Roman erkundet der 1978 in Visegrad (Bosnien) geborene und 1992 nach Deutschland geflüchtete Stanišić das Familienalbum, erinnert sich an die Kindheit in Bosnien, an seine Schulzeit, den Zerfall Jugoslawiens, an die Flucht und die schwierige Ankunft in Deutschland zu einer Zeit, als Asylbewerberheime brannten.

"Möglichkeiten der Geschichte"

Der 41-Jährige erzählt in "Herkunft" über seine Großmutter, die langsam das Gedächtnis verliert, über die Flucht der Familie während des Bosnien-Kriegs nach Deutschland und behandelt dabei die Frage, welche Rolle Herkunft überhaupt spielt. "Unter jedem Satz dieses Romans wartet die unverfügbare Herkunft, die gleichzeitig der Antrieb des Erzählens ist", lautet die Begründung der Jury. "Verfügbar wird sie nur als Fragment, als Fiktion und als Spiel mit den Möglichkeiten der Geschichte." Der Autor beweise große Fantasie und verweigere sich "der Chronologie, des Realismus und der formalen Eindeutigkeit".

Am Ende lädt Stanišic den Leser sogar zu einem Spiel ein: Er darf selbst entscheiden, wie die Geschichte weitergeht. "Mit viel Witz setzt er den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten entgegen", teilte die Jury mit.

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Cover Sasa Stanisic Herkunft
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Kritik an Peter Handke

Saša Stanišić, von seiner Oma immer nur liebevoll "Blesav" genannt, hat beim Gespräch der Shortlist-Nominierten im Frankfurter Schauspiel mehr darüber erzählt, wie "Herkunft" entstanden ist. Ein Wort seiner Großmutter hat Saša Stanišić sein ganzes Leben begleitet. "Blesav" - übersetzt entspricht es in etwa dem Begriff "Querulant". Es bedeute aber auch "leicht verrückt".

"Etwas, das man vielleicht einem Kind zuschreiben würde", erklärte Stanišić. "Aber egal, ob 6, 26 oder 36 - ich war immer 'blesav' - leicht verrückt." Und all diese Verrücktheiten, die seine Großmutter in ihm sah, hat Stanišić in seinem Roman "Herkunft" gepackt.

In seiner Dankesrede kritisierte Stanišić am Montagabend im Kaisersaal die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke. Dieser hatte sich im Zusammenhang mit dem Balkankonflikt wiederholt auf die Seite der Serben gestellt. Stanišić warf Handke vor, er habe sich die Wirklichkeit so zurechtgelegt, dass "dort nur noch Lüge entsteht".

Die sechs Titel der Shortlist

Drei Autorinnen und drei Autoren hatten es mit ihren Büchern auf die Shortlist geschafft. Raphaela Edelbauer ("Das flüssige Land"), Miku Sophie Kühmel ("Kintsugi"), Tonio Schachinger ("Nicht wie ihr"), Norbert Scheuer ("Winterbienen"), Jackie Thomae ("Brüder") und eben Stanišić ("Herkunft"). Alle Autoren der Shortlist können Sie hier besser kennenlernen.

Die Jury zum Deutschen Buchpreis 2019

Ursprünglich hatten 105 Verlage 173 deutschsprachige Romane ins Rennen geschickt, hinzu kamen noch 30 Titel, die die Juroren nachgeordert hatten. Die Jury erstellte daraus zunächst eine 20 Titel umfassende Longlist, aus dieser war dann die Shortlist entstanden.

Diese sieben Literaturexperten haben über den Deutschen Buchpreis 2019 entschieden: Petra Hartlieb (Hartliebs Bücher, Wien), Hauke Hückstädt (Literaturhaus Frankfurt), Björn Lauer (Hugendubel), Jörg Magenau (freier Literaturkritiker), Alf Mentzer (Hessischer Rundfunk), Daniela Strigl (Literaturwissenschaftlerin), Margarete von Schwarzkopf (Autorin und Literaturkritikerin). Sie wählten aus Büchern aus, die zwischen Oktober 2018 und September 2019 erschienen sind.

Jury des Deutschen Buchpreises: V.l.n.r.: Jörg Magenau, Daniela Strigl, Alf Mentzer, Margarete von Schwarzkopf, Björn Lauer, Petra Hartlieb, Hauke Hückstädt

Der Preis wird traditionell einen Tag vor Eröffnung der Frankfurter Buchmesse vergeben. Der Sieger erhält 25.000 Euro, die anderen fünf Finalisten bekommen jeweils 2.500 Euro.

Während die Jury hinter verschlossenen Türen tagte, haben fünf Lesekreise die nominierten Titel bewertet. Außerdem haben 20 Bloggerinnen und Blogger den Deutschen Buchpreis begleitet. Jeder von ihnen hat einen der 20 nominierten Titel besprochen. Was Blogger und Lesekreise von den Büchern halten, gibt es auf der Seite Deutscher Buchpreis Blog zu lesen. Unter #buchpreisbloggen findet man die Beiträge auch bei Twitter und Instagram.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 14.10.2019, 19.30 Uhr