Deniz Yücel auf der ARD-Bühne auf der Frankfurter Buchmesse 2019

Deniz Yücel saß im türkischen Gefängnis – im Auftrag der Öffentlichkeit, wie er bei seiner Buchvorstellung auf der Buchmesse in Frankfurt sagt. Der Flörsheimer berichtet über angstvolle Momente, Erdogans Copyright und die besondere Kraft der Minze.

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Stahl, Beton, Stacheldraht – diese triste Umgebung schlug Deniz Yücel aufs Gemüt im Hochsicherheitsgefängnis Silivri westlich von Istanbul. Der inhaftierte Journalist und Autor aus Flörsheim (Main-Taunus) führte einen "Kampf um Selbstbehauptung", wie er am Samstag auf der Frankfurter Buchmesse bei der Vorstellung seines Buches "Agentterrorist" sagte.

Als Mittel gegen die Tristesse hinter Gittern begann Yücel, in einem Glas Minze zu züchten. "Die Minze kam mit gebeugtem Kopf", berichtete Yücel. Doch die Pflanze habe sich aufgerichtet – ein Mutmacher auch für ihn in Isolationshaft. Die Minze schlug Wurzeln, er musste aus Tee und Eierschalen eine Ersatzerde schaffen und alles verstecken. "Unter dem Bett haben sie als erstes geguckt", berichtete Yücel über die Razzien. Den Kühlschrank öffneten sie allerdings nicht.

"Ich lasse mich nicht mundtot machen"

"Ich wurde eingesperrt, weil ich meinen Job als Journalist gemacht habe", sagte Yücel im Gespräch mit Moderatorin Cécile Schortmann. Applaus im ARD Forum auf der Buchmesse, die Halle proppenvoll. Und Yücel setzte noch einen drauf: "Ich sollte mundtot gemacht werden." Aber das gehe nicht. "Ich lasse mich nicht mundtot machen." Wieder Applaus – und damit eine Form von Anteilnahme und Anerkennung für seine Zeit im türkischen Gefängnis. Yücel hat schon an den vergangenen Buchmesse-Tagen die Menschen bei seinen Auftritten angezogen.

Menschenmassen vor der ARD Bühne

Diese Solidarität habe er auch im Knast gespürt. Mahnwachen, die #freedeniz-Aktionen, Veranstaltungen und Autokorsos in seiner Heimatstadt Flörsheim am Main – das habe ihn getragen. "Ich war dort im Auftrag der Öffentlichkeit." Yücel saß zwischen Februar 2017 und Februar 2018 ohne Anklageschrift in türkischer Haft. Erst nach langem politischen Tauziehen kam der heute 46-Jährige frei und durfte ausreisen. Sein Prozess wegen Volksverhetzung und Terrorpropaganda geht weiter.

Buchtitel-Copyright liegt bei Präsident Erdogan

Den Buchtitel "Agentterrorist" habe der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan selbst beigesteuert. "Wenn er schon so freundlich ist, eigens für mich ein Wort zu kreieren", sagte Yücel mit einem Augenzwinkern, dann müsse das auch gewürdigt werden. "Wenn er kommen sollte, um sein Copyright geltend zu machen, wird er selbstverständlich von meinem Verlag entlohnt." Ein Humor, der an diesem Samstag beim Publikum gut ankommt.

Yücel berichtete auf der ARD Bühne auch über den Psychoterror im Gefängnis und angstvolle Momente wie die Razzien in der Zelle. "Die kommen rein und du bist ihnen völlig ausgeliefert." Keine Kameras, nichts.

Doch er habe sich nicht einschüchtern lassen und wollte weiter seine Stimme erheben. Und das mit einigen Zeilen, verfasst hinter Gittern. Aufgeschrieben und rausgeschmuggelt, veröffentlicht in der Zeitung "Die Welt". Verfasst mithilfe von Tomatensoße und einer Plastikgabel, später mit geklauten Kugelschreibern. Deniz Yücel ließ sich von diesem "Gangster-Regime" wirklich nicht mundtot machen. Und will irgendwann zurück in die Türkei.

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Deniz Yücel: "Agentterrorist – eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie" (Kiepenheuer & Witsch)

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