Ein Mädchen, das zwischen zwei Bücherstapeln hervorschaut.
Kleine Leseratten kommen bei diesen Titeln voll auf ihre Kosten. Bild © Model Foto: Colourbox.de

Das Angebot an Kinderbüchern ist riesig - welche davon kommen gut an? Wir haben eine Auswahl getroffen und präsentieren: Geschichten von mutigen Mädchen, hüpfenden Häusern und äußerst gesprächigen Tieren.

Alexandra Maxeiner "Karlas ziemlich fabelhafter Glücksplan"

Cover Alexandra Maxeiner Karlas ziemlich fabelhafter Glücksplan
Bild © Gulliver

Karla ist ein Wirbelwind, dem so schnell nichts Angst einjagt. Dass sie so stark und mutig durch das Leben läuft, hat mit ihrer festen Überzeugung zu tun, im Notfall zaubern zu können. Schließlich hatte ihr Vater bei ihrer Geburt von einem "magischen Moment" gesprochen, in dem ein Zauber geboren wurde. An ihren Papa kann Karla sich nicht erinnern, er ist schon seit vielen Jahren tot. Die Verbindung zwischen den beiden ist dennoch stark, weil Karla an die Macht des Hasenzeichens glaubt.

Alexandra Maxeiner hat ein zauberhaftes Buch geschrieben, das - mit Wortwitz gespickt - viele ernste Themen kindgerecht verpackt. Sie zeigt behutsam auf, dass es verschiedene Wege gibt, mit Tod und Trauer umzugehen. Und was kann man gegen Mobbing tun? Freundschaft, Zusammenhalt und ein bisschen verrückte Kreativität können da durchaus helfen - oder im Zweifel auch eine Packung Zauberei.

Silke Lambeck "Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich"

Cover Silke Lambeck Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich
Bild © Gerstenberg

Die Berliner Jungs Matti und Otto haben mit ihrer Hausaufgabe in Musik ein echtes Problem. Sie sollen einen Rap schreiben und vortragen. Den Haken an der Sache bringt Otto auf den Punkt: "Wir sind viel zu brav." Zur Recherche für ihren Gangster-Rap, müssen sie erst einmal etwas Verbotenes tun. Sie wollen aber nur jemandem schaden, der es auch "verdient" hat. Ihr Ziel ist der Kioskbesitzer Hotte Zimmermann, der einen Ruf als Kinderfeind hat. Als die Jungs merken, dass Hotte in echten Schwierigkeiten steckt, ändern sie ihren Plan.

Gentrifizierung in der Großstadt, Kriminialität, Vorurteile und Persönlichkeitsrechte im Internet - Silke Lambeck packt viele Erwachsenen-Themen in diesen Kinderroman. Dabei gelingt es ihr, die Kindersicht auf die Dinge zu wahren und Probleme auf unkonventionelle Art anzupacken. Sich etwas zutrauen, auch mal Grenzen überschreiten, offen sein für neue Erfahrungen und Vorurteile erst einmal außen vor lassen - die Botschaften die Lambeck ihren Leserinnen und Lesern mitgibt, sind wichtig und sehr amüsant verpackt.

Frida Nilsson "Ich und Jagger gegen den Rest der Welt"

Cover Frida Nilsson Ich und Jagger gegen den Rest der Welt
Bild © Gerstenberg

Bengt ist kein glücklicher Junge. Die Kinder aus der Nachbarschaft triezen ihn, im Grunde will er sie aber auch nicht als Freunde haben, nur in Ruhe gelassen werden. Die dazugehörigen Eltern versuchen immer wieder, die Kinder zu ihrem Freundschafts-Glück zu zwingen, was nicht mal im Ansatz funktioniert. Im obdachlosen Hund Jagger findet Bengt einen Kumpel, der Bengts Probleme aber eher noch komplizierter macht.

Frida Nilsson hat ein Buch geschaffen, das einige Fragen aufwirft. Dass ein sprechender Hund wie selbstverständlich - auch von den Erwachsenen - akzeptiert wird? Geschenkt! Eltern, denen kein Schritt ihrer Kinder entgeht? Ja, das kann es im Zeitalter von Helikopter-Eltern schon einmal geben. Dass aber keinem von ihnen auffällt, dass da ein Kind von drei anderen gemobbt wird und ausnahmslos alle an den wirklichen Bedürfnissen der Kinder vorbei agieren, ist nur schwer auszuhalten.

Hinzu kommt, dass keine der handelnden Personen zur Identifikationsfigur taugt. Bengt und Jagger spinnen Rachephantasien und setzen sie in die Tat um, was ihnen nicht gerade Pluspunkte einbringt. Die drei Nachbarskinder bleiben merkwürdig gesichtslos, sind halt irgendwas zwischen zickig und nervig. Und die Eltern? Die sind ein Totalausfall. Ja, das Leben ist kein Ponyhof und Kinderleben auch nicht. In einem Kinderbuch aber so gar keinen Hoffnungsschimmer oder Lösungsansatz für eine Besserung anzubieten, ist schon richtig traurig.

Astrid Frank "Uli unsichtbar"

Cover Astrid Frank "Uli Unsichtbar"
Bild © Verlag Urachhaus

Als Uli mit seinen Eltern in eine neue Stadt zieht, drücken ihn viele Sorgen. Wie wohl seine Lehrerin sein wird? Und seine Klassenkameraden? Gleich am ersten Tag lernt er die Nachbarszwillinge Petra und Niki kennen - die sind nett und alles scheint gut zu werden. Doch als nach den Ferien die Schule beginnt, wird aus dem fröhlichen Uli, der Zahlen mag, ein unsicherer, schüchterner Junge, der bei seiner Vorstellung in der Klasse nur Gestammel hervorbringt. Am liebsten wäre Uli unsichtbar.

Astrid Frank hat ein schöne Geschichte über Freundschaft und Zusammenhalt geschrieben, die Erstleser gut nachvollziehen können. Irgendwo neu sein, sich unwohl fühlen, einen Freund vermissen. Man wünscht dem kleinen Protagonisten ein bisschen mehr Eigeninitiative, doch zum Glück taucht ein starkes Mädchen auf, das die Dinge wieder ins Lot bringt. Die Illustrationen von Regina Kehn sind witzig und sehr charmant, gespickt mit kleinen Details. Als Zugabe liegt dem Buch ein kleines Plakat mit Regeln für ein gutes Miteinander bei. Das können nicht nur Grundschulkinder gut brauchen.

Susanne Roll "Mila - Aus Angst wird Mut"

Cover Susanne Roll "Mila - Aus Angst wird Mut"
Bild © Neukirchener Verlag

Die 12-jährige Bogumila möchte lieber nur Mila genannt werden, ihren Bruder Bogdan nennen schließlich auch alle nur Danny. Außerdem hat Mila nicht die geringste Lust, ihre Mutter zur Uroma ins Pflegeheim zu begleiten. Die demente Frau erzählt doch immer nur die gleichen Geschichten. Als sie bei einem der Heimbesuche Jakob kennenlernt, wird Milas Interesse an der Vergangenheit und somit auch der Frage nach den eigenen Wurzeln geweckt. Mila erkennt, dass die Kriegsgeschichten der Urgroßmutter eng verknüpft sind mit ihrer eigenen Gegenwart.

Als sie in der Schule dann noch ein Referat über Käthe Kollwitz halten soll und im Konfirmanden-Unterricht von Dietrich Bonhoeffer die Rede ist, wird Geschichte plötzlich sehr lebendig und nah. Mit dem Flüchtlingsmädchen Anoush will Mila eigentlich nichts zu tun haben. Doch als sie Fremdenhass in ihrem direkten Umfeld erlebt, hilft ihr die Geschichte Dietrich Bonhoeffers, mutige Schritte zu tun.

Susanne Roll packt in diese Geschichte eine Menge Themen, die junge Leser in ihrer Komplexität und Verwobenheit erst einmal erfassen müssen. Heimat, Krieg, Herkunft, Fremdenhass und Widerstand gegen Unrecht. Roll knüpft dabei jedoch geschickt an die Lebenswelt der Kinder an, so dass der Spagat zwischen voller Bildungspackung und spannender Unterhaltung gut gelingt.

J. Friedrich/M. McMaster "Lukas und die Meckerschweinchen"

Cover J. Friedrich/M. McMaster "Lukas und die Meckerschweinchen"
Bild © orell füssli Verlag

Diese vier Helden sind schon ein lustiges Quartett. Lukas und sein strubbeliger Kater Millicent und Marie mit ihrer ängstlichen Riesendogge Horst geben ein spaßiges Bild ab, wenn sie gemeinsam auftauchen. Was sie allerdings zu einem unschlagbaren Team macht, ist Lukas' Spezialfähigkeit. Dass der Junge ein Hörgerät trägt, wird kurz in einem Nebensatz erwähnt, man kann es beinahe überlesen. Aber sein Handicap ist es, das ihm eine Supergabe verschafft. Stellt er sein Hörgerät aus, empfängt er Tierfunk. Lukas kann die Sprache der Tiere verstehen.

Als das Meerschweinchen-Mädchen Lilli aus dem Tierpark verschwindet, macht sich das Quartett auf die Suche. Alle Tiere werden als mögliche Zeugen befragt - wie gut, dass Lukas versteht, was sie sagen. Welche Rolle spielt wohl der Tierpfleger Willi, der nachts durch die Gehege streift? Joachim Friedrich und Minna Mc Master erzählen ein spannende Detektivgeschichte, die durch ihre vielen lustigen Episoden für großen Lesespaß sorgt. Die Dialoge im Streichelzoo sind so amüsant, dass jeder künftige Streichelzoo-Besuch für Schmunzler sorgen dürfte. Man ahnt, dass der eine oder andere Bock so gar keinen Bock auf Besucher hat.

M. Pfeiffer "Das springende Haus - Einmal Hollywood und zurück"

Cover Marikka Pfeiffer Das springende Haus
Bild © rowohlt

Lonni ist neu in der Nachbarschaft und als sie die Gegend erkundet, stößt sie auf das Geheimnis von Familie Wendelin. Die wohnt in einem Haus, das es in sich hat. Das Haus hüpft in unregelmäßigen Abständen wohin es ihm gefällt in der Weltgeschichte herum. Alle seine Insassen nimmt es natürlich mit. Nur der Keller bleibt da, denn in dem befindet sich der Akku. Denn nur wenn die Bude ordentlich aufgeladen ist, kann sie auch springen. Und da beginnt das Problem. Irgendwas ist mit der Technik nicht ganz in Ordnung.

Lonnis neuem Freund Nick bereitet das mächtige Sorgen, denn nicht nur das Haus hat eine Macke, auch seine Großeltern sind verschwunden. Ein geheimnisvoller Brief soll den Kindern dabei helfen, Oma und Opa wieder zu finden. Marikka Pfeiffer hat eine herrliche Spaß-Quatsch-Fantasy-Geschichte geschrieben. Den kleinen Entdecker-Freunden möchte man sich direkt anschließen und sie auf einer ihrer Überraschungs-Reisen begleiten. Die Geschichte ist allerdings der Startband einer neuen Reihe, so dass die drängende Frage um das Verschwinden der Großeltern vorerst nicht gelöst ist.

Sabine Zett/Falk Holzapfel "Collins geheimer Channel"

Cover Collins geheimer Channel
Bild © Loewe

Collin wäre gerne cool und beliebt, aber im Sport ist er der Letzte, der ins Team gewählt wird und gegen Mädchenschwarm und Klassenprimus Wilhelm hat er sowieso keine Chance - denkt er. Als er merkt, dass die Mädels in der Klasse für Youtube-Stars schwärmen, kommt Collin eine Idee. Mit seinem Kumpel Jo-Jo startet er einen Youtube-Kanal. Die Sache hat nur einen Haken. Weil er befürchtet, sich zu blamieren, will er unerkannt bleiben. Das passt natürlich nicht mit seiner Idee zusammen, über Nacht zum Star zu werden.

Die Geschichte passt in unsere Zeit, in der man in Windeseile ohne besondere Fähigkeiten zum Internetstar werden kann - oder sich im Netz auch bis auf die Knochen blamiert. Das Buch ist im Comic-Stil gehalten, versehen mit vielen kleinteiligen, sehr gelungenen Zeichnungen. Lesefaule sollen so angehalten werden, auch mal ein Buch in die Hand zu nehmen. Jedoch dürften gerade ungeübte Leserinnen und Leser mit den häufig wechselnden Schriftarten und -größen sowie der sprunghaften Erzählweise ihre Schwierigkeiten haben. An der Geschichte dran zu bleiben, erfordert durch die vielen Mini-Illustrationen, die sich wild über alle Seiten ziehen, ein gewisses Maß an Konzentration. Tatsächlich gibt es während der Lektüre allerhand zu gucken und wahrscheinlich werden in manchem Kinderzimmer die Buntstifte gezückt, um den Schwarz-Weiß-Zeichnungen noch mehr Leben zu verpassen.

Max von Thun "Der Sternenmann"

Cover Max von Thun "Der Sternenmann"
Bild © ars Edition

Jede Nacht macht sich der Sternenmann in seinem von Schäfchen gezogenen Sternenmann-Mobil auf den Weg, die Sterne am Himmel zu verteilen. Eines Tages fällt ihm auf, dass der kleinste aller Sterne fehlt. Wo kann er nur sein? Die Suche beginnt. Alle, die sich am Himmel auskennen, werden befragt. Doch auch der Sandmann, der Mondmann, die Sonne und eine Astronautin können nicht weiterhelfen. Dabei vermissen sie alle den kleinen Stern so sehr.

Schauspieler und Moderator Max von Thun hat seinem Sohn Leo mit dem Bilderbuch "Der Sternenmann" ein ganz besonderes Geschenk gemacht. Es ist ein zartes, ganz leises Buch mit einer schönen Botschaft. Nur weil man klein ist, ist man noch lange nicht unwichtig. Die Illustrationen von Marta Balmaseda sind herrlich unaufgeregt. Die kartoffelnasigen Figuren agieren in detailreichen Szenenbildern, ganz zauberhaft sind die grinsenden Schäfchen mit ihren Pilotenbrillen, die das Sternenmann-Mobil ziehen. Abgerundet wird das Einschlaferlebnis mit einem Gutenachlied, das man auf der Verlagsseite anhören kann. Ein liebevolles Gesamtpaket von einem Papa an seinen Sohn.

Sabbag/Kelly/Tourlonias "Die kleine Hummel Bommel und die Zeit"

Cover Hummel Bommel
Bild © ars Edition

Das Erfolgstrio Britta Sabbag (Text), Maite Kelly (Musik) und Joëlle Tourlonias (Illustration) stellt die kleine Hummel Bommel vor eine knifflige Aufgabe. Warum zieht sich die Zeit so schrecklich lange, wenn man auf etwas wartet? Und warum vergeht sie bei schönen Dingen wie im Flug? Und was ist "Zeit" eigentlich genau?

Wenn Eltern sagen, dass etwas "bald" passiert, dann ist das für Kinder oft nur schwer zu verstehen. Hummel Bommels Oma soll "bald" mit dem Zug ankommen, aber das Warten zieht sich ganz schön. Wenn man einen leckeren Honigkeks knabbert, sieht das schon ein bisschen besser aus und wie die Zeit im Flug vergeht, weiß Eintagsfliege Emil Einstein - der wie fast alle Tiere mit Alliterations-Namen unterwegs sind. Kalle Kakerlake, Marie Marienkäfer und Walpura Wespe - sind in großformatigen Zeichnungen sehr symphathisch festgehalten.

An der Stelle, an der es musikalisch wird, sollten Eltern - sofern sie nicht richtig gute Sänger sind - dann doch den Kelly-Song einspielen, denn den Liedtext mit seinen immer wiederkehrenden Zeilen "Zeit ist jetzt, Zeit ist Leben, Deine Zeit ist jetzt" nur vorzulesen, bremst den Vorlesefluss der Geschichte doch arg aus.