Die Lebensgeschichte von Henry Jaeger klingt wie eine Räuberpistole. Jaeger ist in den 1950er Jahren Frankfurts größter Gangster, ein geplanter Millionencoup geht aber schief und er landet im Gefängnis. Im Knast fängt er an zu schreiben - auf Toilettenpapier. Sein erster Roman wird zum Riesenerfolg.

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Gejagt von der Polizei, verurteilt zu zwölf Jahren Zuchthaus und plötzlich gefeiert als Schriftstellerstar: Henry Jaeger. Jaeger und seine Bande kennt in den 1950er Jahren ganz Deutschland. Mit 27 ist der Frankfurter Chef der berüchtigten Jaegerbande. Schmuck, Pelze, Tresore - rund 70 Raubzüge gehen auf das Konto der Diebestruppe.

Cover Jakob Stein: Der Gröschaz

Was dann passiert, ist besser als ein Roman. Jakob Stein hat drei Jahre lang jedes Detail aus Jaegers fast vergessenem Leben zusammengetragen. Das Ergebnis: "Der Gröschaz" - ein Buch über das Leben von Henry Jaeger, den "Größten Schriftsteller aller Zeiten", wie seine Freunde ihn nennen.

In einer Frankfurter Turnhalle will die Jaegerbande ihr letztes großes Ding drehen. 1954 ist dort die Zahlstelle der Frankfurter Rentenkasse. Der Plan: Eine Million DM will die Bande erbeuten. Ihre Masche: Dreist und raffiniert. "Es gab eine scharfe Pistole. Damit wurde einmal geschossen, um alle zu erschrecken. Diese Pistole trug Henry Jaeger. Alle anderen Waffen waren aus Holz. Sie waren aber so gut gefertigt, dass kaum jemand glaubte, dass es sich um Attrappen handelt", weiß Biograph Stein zu berichten.

Romandebüt wird zum Kassenschlager

Doch der geplante Millionenraub in Frankfurt misslingt. Die Beute ist kläglich, Henry Jaeger und seine Bande werden kurz darauf geschnappt und landen hinter Gittern. Das Urteil: Zwölf Jahre Zuchthaus. Dann beginnt das Unglaubliche. Jaeger beginnt im Gefängnis zu schreiben. Sein erster Roman entsteht, geschrieben mit einem eingeschmuggelten Bleistiftstummel, auf Toilettenpapier.

"Einzelhaft, Lese-Schreibverbot, kaum Kontakt zu Mitgefangenen. Um diesem Wahnsinn zu entgehen, fängt er an, auf Toilettenpapier erste Szenen zu entwerfen", schildert Stein Jaegers Arbeit. Der Roman "Die Festung" wird ein Millionenerfolg. Es ist die Geschichte einer osteuropäischen Flüchtlingsfamilie im Nachkriegsdeutschland. Das Buch wird später mit Hildegard Knef verfilmt.

Jaeger verlässt Gefängnis als Berühmtheit

Aus dem Zuchthausinsassen wird ein gefeierter Buchautor. Auch für ihn passiert das alles völlig überraschend. In einem Interview sagt Jaeger später: "Es war ein überwältigender Augenblick. Ich habe das Buch genommen und auf den Tisch gestellt und lief in der Zelle auf und ab, stundenlang an dem Buch vorbei und schaute drauf."

Nach acht Jahren wird Jaeger vorzeitig entlassen. Er ist berühmt, er heiratet, wird Vater und zieht mit der Familie ins mondäne Ascona am Lago Maggiore. Dort schreibt er einen Erfolgsroman nach dem anderen.

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Jakob Stein
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Bei seiner Spurensuche hat Jakob Stein auch Jaegers Sohn Marcus kennengelernt. Er lebt und arbeitet in Frankfurt. Das Vorleben seines Vaters war für ihn als Kind eine wilde Räubergeschichte. Er habe Respekt vor dieser Leistung. Sein Vater befand sich in einer Situation, die der Endpunkt einer Existenz sein könne. "Sich hinzusetzen und ein Buch zu schreiben, ist beachtlich. Das hat ihn auch gerettet, das hat er mir oft erzählt", erinnert sich Marcus Jaeger.

Ende der 80er-Jahre verblasst Jaegers Schriftstellerruhm. Seine Ehe geht zu Bruch, er erleidet einen Schlaganfall und stirbt im Jahr 2000 in Ascona. In Frankfurt sind er und seine Bücher fast völlig vergessen. Mit "Der Gröschaz" könnte sich das nun ändern.

Sendung: hr-fernsehen, hauptsache kultur, 12.09.2019, 22:45 Uhr