Zeichnungen
"Das letzte Schaf" ist eine wunderschöne, herzerwärmende Weihnachtsgeschichte der anderen Art. Bild © Jörg Mühle

Der Buchmesse-Freitag wird spannend für den Frankfurter Illustrator und Autor Jörg Mühle. Mit dem Kinderbuch "Viele Grüße, Deine Giraffe" ist er für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Ein Interview.

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zum Video Jörg Mühle zeichnet ein Schaf, das sich retten will...

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hessenschau.de: Wie sind Sie zum Zeichnen gekommen?

Jörg Mühle: Seit ich ein Kind war, zeichne ich. Ich habe praktisch den ganzen Tag gezeichnet, in der Schule, zuhause. Ich habe dann in Offenbach Typografie und Design studiert, aber dort gibt es keinen ausgesprochenen Illustrationsschwerpunkt. Kurz vor meinem Diplom habe ich die Krise gekriegt und bin mit dem Erasmus-Programm nach Paris. In Frankreich hat Illustration einen sehr hohen Stellenwert. Dann hatte ich gerade mein Diplom gemacht, da wurde ein Platz im "labor" (ein Zusammenschluss von freiberuflichen Illustratoren, Anm. d. Red.) frei. Ich nahm mir vor, das ein Jahr lang zu probieren. Und dann hat das funktioniert.

hessenschau.de:  Und wie sind Sie als Berufsanfänger ins Geschäft gekommen?

Mann vor Bücherwand
Jörg Mühle in seinem Frankfurter Atelier Bild © hr / Nicole Bothof

Jörg Mühle: Man geht auf die Buchmesse und zeigt seine Mappe. Mein erster Besuch auf der Buchmesse hier in Frankfurt war relativ frustrierend. Die Verlage haben nur gefragt, ob ich schon ein Buch veröffentlicht hatte. Nein, will ich aber gerne. 'Ja, dann kommen Sie nächstes Jahr nochmal vorbei.' Das war total kafkaesk.

hessenschau.de:  Wann haben Sie Ihren ersten großen Auftrag erhalten?

Jörg Mühle: Wir sind als "labor" nach Bologna zur Kinderbuchmesse gefahren. Bei den deutschen Verlagen habe ich das Gleiche wie in Frankfurt erlebt. Aus Frust habe ich mich dann bei französischen Verlagen vorgestellt. Auch sie fragten, ob ich schon ein Buch gemacht habe. Nein, will ich aber gerne.  Super, war die Antwort, dann machen wir jetzt eins mit Ihnen. Das war total verrückt, weil ich mit zwei Manuskripten in der Tasche wieder nach Hause fuhr.  Drei Jahre habe ich nur für Frankreich gearbeitet, bis dann die deutschen Verlage auf mich aufmerksam wurden.

hessenschau.de: Gerade ist Ihr aktuelles Buch "Das letzte Schaf" erschienen, mit Ulrich Hub als Autor.

Buchcover
Bild © Carlsen Verlag

Jörg Mühle: Das entscheidende Buch mit Ulrich Hub war "Die Arche um Acht". Die "Arche" ist Schullektüre und immer noch sehr präsent. Ich habe 100 Bücher gemacht und 90 kennt kein Mensch. Aber diese "Arche" kennen alle. Und Ulrich Hub ist der einzige Autor, dem ich begegnet bin. Normalerweise kenne ich die Autoren gar nicht. In der Regel läuft alles über den Verlag. Für unser neues Buch habe ihm Zeichnungen geschickt mit Schafen mit Frisuren, das fand ich lustig, oder mit Piercing oder mit dem Schal. Er hat dann wieder etwas für den Text übernommen. Das Buch spiegelt das Hin und Her zwischen uns beiden.

hessenschau.de: Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein Manuskript kriegen?

Jörg Mühle: Was so richtig doof bei der Arbeit ist: Dass man das Cover immer ein halbes Jahr vorher fertig haben muss, weil diese Ankündigungszyklen so lang sind. In diesem Fall hatte ich noch nicht mal den Text, da gab es nur ein Exposé. Aber zu Beginn habe ich erst mal Schafe, Schafe, Schafe gezeichnet. Ich habe nach verschiedenen Rassen gesucht und ausprobiert und bin am Ende wieder auf das gemeine Hausschaf gekommen. Und genauso geht man vor.

hessenschau.de: Das Buch ist eine amüsante Version des Weihnachtsliedes "Stille Nacht". Entsprechend dunkel sind die Zeichnungen. Werden Kinder das mögen?

Jörg Mühle: Ja, das ist ganz undankbar bei diesem Buch, es spielt in der Nacht und das ist schwierig. Wie sollte ich das hinkriegen, ohne dass das ganze Buch schwarz wird? Ich habe das gelöst mit den dunklen Tönen. Doch Kinder sind nicht das Problem, die kaufen keine Bücher. Es sind immer die erwachsenen Käufer. Kinder sind so offen. Meine sieben Jahre alte Tochter würde niemals auf die Idee kommen, ein Buch aus der Hand zu legen, weil es nicht bunt ist. Ich bin sehr gespannt, wie es ankommen wird.

hessenschau.de: Ihr Buch "Ein Känguru wie Du", wieder mit Autor Ulrich Hub, ist nur in Maßen bunt. Ist das Ihr Stil?

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Jörg Mühle: Ich glaube, ich arbeite reduziert. Mein Fokus liegt auf den Emotionen der Figuren, das ist das einzige, was mich interessiert. Dieses Buch etwa ist in meinem Sinne sehr gelungen, weil da sind drei Gegenstände und es ist klar, es spielt im Zirkus. Das finde ich toll, das ist die maximale Reduktion. Und hier habe ich auch etwas für mich neu entdeckt: Ich habe den ganzen Hintergrund nicht mehr durchcoloriert, was ich super fand für mich, weil ich das Gefühl habe, ich habe das Neues erfunden, das hat sich noch keiner getraut – Fokussierung und Akzentuierung. Die Frage war, wie wirkt das nachher, wie ein Fehler oder wie gewollt? Ich bin sehr zufrieden.

hessenschau.de: Können Sie vom Zeichnen leben?

Jörg Mühle: Ja, seit 18 Jahren. Am Anfang hatte ich noch eine Mischkalkulation, da war das Buch und parallel dazu habe ich für Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet. Beim Buch ist es so, man kriegt einen Vorschuss, ein Garantiehonorar, und dann Erfolgsbeteiligung. Die kriegt man aber nur, wenn das Buch wirklich sehr, sehr erfolgreich ist, und selbst die hält sich oft in Grenzen. Lange war es so, dass ich 3/4 meiner Zeit mit Büchern verbracht, aber 3/4 meines Geldes mit den anderen Jobs verdient habe, ein bisschen Zeitung, ein klitzekleines bisschen Werbung. Nach zehn Jahren war das halbe halbe und jetzt ist es genau umgekehrt. Jetzt verdiene ich mein Geld mit Büchern.

Das Gespräch führte Nicole Bothof.