Ein Kind sitzt im Zelt und liest verträumt ein Buch

Selbstverletzung und Suizidgedanken, ein manipulatives Computerspiel und eine Ost-West-Geschichte zum Mauerfall-Jubiäum - für Jugendliche hält der Bücherherbst einige harte Brocken parat. Happy End in manchen Fällen inklusive.

Ursula Poznanski "Erebos 2"

"Erebos" – dunkel, böse, mysteriös und mächtig. Ein zerstört geglaubtes Computerspiel, das nicht nur süchtig machte, sondern seine Spieler und Spielerinnen dazu zwang, brenzlige Aufgaben auszuführen. Nicht in der virtuellen Welt, sondern in ihrem realen Leben. Treue Spieler und Spielerinnen belohnte Erebos großzügig. Die Prüfungen wurden immer riskanter, lebensgefährlicher - bis schließlich ein Menschenleben gefordert wurde. Einer kleinen Gruppe von Spielern und Spielerinnen gelang es, Erebos und seine Drahtzieher zu überführen und den Wahnsinn zu beenden. Das glaubten sie zumindest.

Ursula Poznanski Erebos 2

Jahre später ist es plötzlich zurück, mächtiger und anders. Es installiert sich nicht nur auf Computern, sondern bestimmt das gesamte digitale Leben der Spieler und Spielerinnen. Es kehrt zu alten Bekannten zurück und findet neue Verbündete. Nick kennt das Spiel von früher und die Gefahr, Derek ist fasziniert und genießt Erebos Vorteile. Keiner von beiden kann sich dem Spiel entziehen. Aus diesen beiden unterschiedlichen Perspektiven erleben die Leserinnen und Leser die Auferstehung von Erebos, hautnah, mitreißend, allerdings nicht zu vergleichen mit dem ersten Band.

Für Fans des mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten ersten Bandes ist "Erebos 2" wie ein Treffen mit alten Freunden: Ein Schwelgen in alten Erinnerungen, man genießt die gemeinsame Zeit, doch es wird niemals so gut sein wie früher. Das Ende ist zwar nicht vorauszuahnen, jedoch unrealistisch und wirkt auf einer Gesamtlänge von stolzen 512 Seiten etwas überstürzt. Für Erebos-Fans ist der zweite Band dennoch eine Pflichtlektüre.

Tankred Lerch "Der Rüberbringer"

Was wäre, wenn jemand dir zeigt, wie schön dein Leben sein könnte, bevor du dich dagegen entscheidest? Sexualität, Freundschaft, Mut, die Liebe deines Lebens - du erlebst es, schaust nicht nur zu. Red hat bislang nur zugesehen. Für ihn ist das Leben zu unberechenbar, zu riskant, gemacht für eine Gruppe von Menschen, zu der er nicht gehört. Bis Joe auftaucht, er bringt Red "rüber“ und macht sein Leben lebenswert.

Tankred Lerch Der Rüberbringer oder Ein irrer Trip zwischen Leben und Tod

Selbstironisch, aus der Sicht eines pubertierenden Jungen, beschreibt Tankred Lerch eine Wirklichkeit, in der Menschen, die einen Suizidversuch begangen haben, ihre Entscheidung noch einmal ändern können. Beim Lesen wird einem dieser Zusammenhang jedoch zu spät bewusst. Zuvor entwirft Lerch für Red eine Zukunft, die nach seinem Aufenthalt in der Jugendpsychiatrie rosiger nicht sein könnte. Erst zum Ende des Buches entfaltet die Geschichte ihren ganzen Charme.

Ceylan Scott "Auf einer Skala von 1 bis 10"

Es ist ein Jahr her, die Schuldgefühle überwältigen Tamar. Sie schnappt sich die Rasierklingen, die sie in die Jugendpsychiatrie schmuggeln konnte, und beginnt, sich selbst zu verletzen: "Ich schlitze, hacke immer wilder und tiefer in meinen unwürdigen Körper, mein Selbsthass sprudelt aus mir heraus". Ceylan Scott verharmlost in ihren Schilderungen nichts. Es ist der eine Nachmittag, der das Monster in Tamar immer wieder weckt: Zusammen mit Iris sitzt sie am Flussufer. Bei jeder Welle nehmen sie einen großen Zug aus der Flasche. Sie sprechen übers Springen, in die Kälte, in die Strömung, in die Tiefe.

Ceylan Scott Auf einer Skala von 1 bis 10

 "Auf der Skala von 1 bis 10" ist ein berührendes Buch, das ähnlich umstritten diskutiert werden könnte wie die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht". Selbstmordversuche werden in diesem Buch nicht mithilfe von Symbolik und Euphemismen beschönigt, die Autorin schreibt die Sehnsucht nach dem Tod auf. Die Gedanken der Hauptfigur Tamar sind geprägt von Zeitsprüngen, ihren eigenen Einordnungen der Geschehnisse und von Gefühlen, die nur sie selbst verstehen kann.

Doch das macht auch den Roman aus: Die Chance, in Tamars nicht nachvollziehbarer Schuld zu versinken und zu verstehen, wie dieser eine Nachmittag ihre gesamte Realitätswahrnehmung seitdem beeinflusst. Zwischendurch verspürt man das Bedürfnis, einige Zeilen zu überfliegen oder Tamar zu konfrontieren. Doch zu ihr dringt vorerst keiner durch. Scott schafft es, indem sie ganz unverblümt und unvorsichtig das Schicksal von Tamar wiedergibt, deutlich zu machen, dass psychische Erkrankungen nicht rational zu verstehen sind.

Helen Endemann "Todesstreifen"

Marc lebt in Ost-Berlin, Ben in West-Berlin. Beide sind begabte Leichtathleten in derselben Altersklasse, beide haben rotblonde Haare und Sommersprossen im Gesicht. Ben darf nach Ost-Berlin einreisen, Marc hingegen wird niemals nach West-Berlin reisen. Er lebt in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), dem "Arbeiter- und Bauernstaat", dem er so gerne entkommen möchte. Ben ist ein "Goldjunge" aus dem kapitalistischen Westen. Auf einem Sportwettkampf in Ost-Berlin begegnen sich die ähnlich aussehenden Jungen. Aus Ossi Marc wird Wessi Ben.

Helen Endemann Todesstreifen

Helen Endemann hat mit "Todesstreifen" ein Buch geschrieben, das sich ausgezeichnet für den Deutschunterricht in der Mittelstufe eignet: Genauso wie Ben wird der Lesende in das fremde politische System der DDR katapultiert und mit staatlicher Kontrolle, Überwachung, mit Gefühlen der Unsicherheit im eigenen Zuhause und in der Familie konfrontiert. Mit ständiger Angst vor dem Staat. Wer jedoch nach einer zähneklappernden Abendunterhaltung sucht, der wird von "Todesstreifen" enttäuscht. Der Plot ist auch für Jugendliche ab 13 Jahren schon nach wenigen Seiten durchschaubar, die Figuren sehr einfach gestrickt

Antonia Michaelis "Hexenlied"

Die Grenze zwischen Realität und Spiel verschwimmt im "Hexenlied": Ein Theaterstück wird zur Realität, die Wirklichkeit zum Spiel. Das macht das Lesen von "Hexenlied“ nicht ganz einfach. Personen aus dem Buch haben zwei Identitäten, Namen verschwimmen, Figuren aus dem Theaterstück verschmelzen mit der Persönlichkeit der realen Personen. Das Buch ist in verschiedenen Akten geschrieben, mit Prolog und Epilog.

Antonia Michaelis Hexenlied

Wie im Theater führt der Roman auch inhaltlich auf einen bestimmten Höhepunkt zu, von dem die gesamte Wendung der Geschichte abhängt. In "Hexenlied" ist es das Theatercamp in den Bergen: Eine Woche lang proben die Schüler und Schülerinnen der Theaterklasse das diesjährige Stück mit dem Titel "Hexenlied". Es zieht alle in den Bann, manche der Teilnehmer und Teilnehmerinnen finden sich in ihren Figuren wieder, andere werden von ihnen übernommen oder zeigen dadurch erst ihr wahres Ich.

Vorurteile, Gruppenzwang und der Wunsch der Gruppenzugehörigkeit setzen die Jugendlichen unter Druck und stellen ihr Vertrauen zueinander auf die Probe. "Hexenlied" ist verwirrend, düster und zuerst zutiefst unbefriedigend - doch das macht es mitreißend und berauschend.

Kathrine Nedrejord "Lass mich"

Charlotte Jacobsohn (hessenschau.de): Anna und Amanda sind unzertrennlich - ohne ihre beste Freundin kann sich Anna ihr Leben kaum vorstellen. Sie ist stolz darauf, dass sie von der hübschen und beliebten Amanda "auserwählt" wurde. Denn Amanda wird von allen bewundert und steht immer im Mittelpunkt. Anna hingegen ist zurückhaltend und liest am liebsten spannende Bücher.

 Kathrine Nedrejord Lass mich!

Das Abhängigkeitsverhältnis ist Anna nur halb bewusst. Und auch die Sticheleien und Gemeinheiten von Amanda nimmt sie einfach hin. Immer wieder sucht sie Entschuldigungen und Ausreden für das Verhalten ihrer eigentlich besten Freundin, die sie täglich manipuliert. Doch dann verliebt sie sich im Samuel und Annas Welt wird auf den Kopf gestellt. Amanda versucht sie immer mehr zu kontrollieren und unter Druck zu setzen und sucht sich eine neue beste Freundin.

Währenddessen versucht Anna herauszufinden, wer sie wirklich ist. Ihr Vater ist aus der Türkei und in dem kleinen norwegischen Dorf fällt Anna mit ihren braunen Wuschellocken und den dunklen Augen auf. Außerdem gehört Anna zu den Samen, den Ureinwohnern in Norwegen, die eher am Rande der Gesellschaft stehen. Als sich Amanda an ihr rächt und Lügen auf Social Media verbreitet, steht Anna ganz alleine da. Sie muss herausfinden, wer sie ist und wer sie wirklich sein will - und sich gegen Amanda behaupten.

Das Jugendbuch punktet mit authentischer Sprache und Anglizismen, die nah am Zeitgeist sind. Kathrine Nedrejord beschreibt die Handlung mithilfe vieler Dialoge und Gedankengänge, das macht Annas Lage sehr verständlich und nahbar. Es ist eine spannende Geschichte über die erste Liebe, Freundschaft und über Selbstfindung.