Collage Comics

Zwei Frauen, ein Auto und eine Katze auf einem Roadtrip, "Woyzeck" neu interpretiert und die Rückkehr von Harry und Platte - so bunt und vielfältig sind die Comic-Neuerscheinungen im Bücherherbst.

Andreas Eikenroth "Woyzeck"
Lars Fiske "Grosz"
Andreas Müller-Weiss "Der Pavillon"
Tilli Walden "West, West Texas"
Lionel Marty/Stéphane Lois "Liebe ist... nur in anderes Wort für Hass!"
Pierre Christin/Sébastien Verdier "George Orwell"
Stéphan Colman/Eric Maltaite "Schock 3: Die Geister von Knightgrave"

Andreas Eikenroth "Woyzeck"

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zum Video Woyzeck als Comic

Screenshot aus dem Film-Beitrag zu Woyzeck als Comic
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In der Schule ist Andreas Eikenroth Woyzeck nie begegnet. Wer weiß, ob der Bühnentechniker aus Gießen sonst jemals an eine Comic-Adaption des Stoffes von Georg Büchner gedacht hätte? Im Theater jedenfalls hat er ihn bestimmt schon hunderte Male gesehen - und in der Stadt selbst kommt man an dem berühmten Dramatiker ohnehin nicht vorbei.

Cover Woyzeck Andreas Eikenroth

Der Zeichner legt das Fragment ungewöhnlich an. Jede Seite seines Comics erzählt eine Szene aus dem Bühnenstück. Von oben links nach unten rechts gelesen, die Bilder gehen fließend ineinander über, sind nicht wie sonst üblich durch Bild-Rahmen voneinander getrennt. Die expressiven Zeichnungen unterstreichen das Drama - zeigen durchaus radikal die Gewalt, zu der sich der arme Soldat Woyzeck am Ende getrieben sieht. Schließlich bringt er die Mutter seines Kindes um. Woyzeck, das Opfer? Natürlich ist er auch ein Täter, das weiß Andreas Eikenroth. Aber er zeigt die Ambivalenz des Themas und nähert sich dem Stoff auf seine ganz eigene Weise.

Woyzeck als Comic? Auf den ersten Blick könnte man sich über diesen Ansatz wundern. Andreas Eikenroth aber schafft es, einen eigenen Zugang zu finden. Eine pädagogische Motivation hatte er nicht, als er mit der Arbeit am Comic begann. Doch wenn sein Comic dazu führen sollte, Schülern Georg Büchner auf eine etwas andere Art näher zu bringen, warum nicht?

Lars Fiske "Grosz"

Politik, Frauen und der Krieg, das sind die drei großen Themen im Leben des deutsch-amerikanischen Malers George Grosz. So sieht es jedenfalls der norwegische Zeichner Lars Fiske, der offenbar ein Faible hat für Künstlerbiografien. Zuletzt veröffentlichte er schon Comics über Olaf Gulbransson und Kurt Schwitters. Jetzt also ein Buch über den Mitbegründer des Dadaismus in Berlin und einen der bedeutendsten Künstler der 1920er Jahre.

Cover Grosz Lars Fiske

Doch ist das vorliegende Buch überhaupt ein Comic? Fiske kommt ohne Sprechblasen, ja fast ganz ohne Text aus. Und auch die im Comic üblichen Panelgrenzen lässt er weg. Sein Zeichenstil passt sich expressionistisch dem Objekt seines Buches an. Es wirkt fast so, als hätte Grosz selbst den Stift geführt und eine Art Stummfilm über sein Leben produziert.

Auf der Bildebene funktioniert die Stilanleihe. Man fühlt sich sofort in die Zeit der Weimarer Republik versetzt. Vieles könnte vielleicht auch im Simplicissimus abgedruckt werden - der satirischen Wochenzeitschrift, für die Grosz damals auch arbeitete. Doch stellt sich die Frage, wie viel Vorkenntnisse der Leser braucht, um zu verstehen, worum es geht? Formal spannend bietet das Buch inhaltlich großen Interpretationsspielraum. Vielleicht ist das ja sogar im Sinne des dargestellten Künstlers.

Andreas Müller-Weiss "Der Pavillon"

Comics zu Architektur und über Architekten sind gerade in. Noch dazu werden sie offenbar gerne von Architekten selbst gezeichnet. Das tut dem Comic in diesem Fall sehr gut. Zum einen zeigt "Der Pavillon", dass Leben und Werk von Le Corbusier akribisch recherchiert wurden und zum anderen sind die Zeichnungen von einer ganz eigenen, besonderen Qualität. 

Cover Andreas Müller-Weiss Der Pavillon

Doch ist der vorliegende Band keinesfalls eine Biografie. Vielmehr wurden Person und Geschichte genutzt, um einen spannenden Krimi nachzuzeichnen. Es geht um einen Mord mit einem Messer, um Betrug, um den Kunstmarkt. Aber auch um die Sorge eines weltberühmten Architekten, dass sein bauhistorisches Erbe den falschen Leuten in die Hände fallen könnte. Ein spannender, bisher wenig beleuchteter Aspekt im Schaffen eines Künstlers. 

Erzählt wird aus der Perspektive einer fiktiven Figur, der Masterstudentin Nadja Gilg. Sie trifft im Comic den Autoren und Zeichner Andreas Müller-Weiss (Hitchcock lässt grüßen) und berichtet ihm von drei eigentlich zusammenhanglosen Ereignissen. Ihrer Ansicht nach aber ergeben sie gemeinsam betrachtet ein neues Bild und erklären einen Mord. 

Sicherlich schadet es nicht, wenn sich der Leser mit Le Corbusier auskennt. Bedingung aber ist das nicht. Im Anhang liefert der Autor ein umfangreiches Glossar und belegt seine Quellen. Doch selbst ohne diese Zusatzinformationen liest sich der Band spannend. Und macht auch ohne Architekturstudium Spaß.

Tilli Walden "West, West Texas"

Zwei Frauen, ein Auto und eine Katze. Eine der jüngsten Eisner-Award-Preisträgerinnen aller Zeiten nimmt uns mit auf einen Roadtrip hin zu einer Stadt ins Nirgendwo, der schließlich im Fantastischen endet. Nach dem autobiografisch geprägten Buch "Pirouetten" geht Zeichnerin Tillie Walden in ihrem neuen Werk in eine andere, noch experimentierfreudigere Richtung. Es wird deutlich surrealer.

Cover Tillie Walden West, West Texas

Straßen schlängeln sich in den Himmel und zerbröseln schließlich, dunkle Männer mit Hut jagen den beiden Frauen hinterher. Bäume beflügeln Erinnerungen und Verlorengeglaubte finden sich auf wundersame Weise zufällig wieder. Was steckt dahinter, wo soll es hingehen - und welche Rolle um alles in der Welt spielt die entlaufene Katze Diamond?

In "West, West Texas" ist wenig so, wie es scheint. Die unsichere, von zu Hause abgehauene Bea entpuppt sich als tapfer und kämpferisch. Die überlegen wirkende Lou offenbart ungeahnte Schwäche. Beide fahren nicht nur im Auto nebeneinandersitzend, sondern zeigen unbewusst der jeweils anderen, in welche Richtung es für sie am Ende vielleicht gehen könnte. Auch wenn sie sich anfangs nur flüchtig kennen, wächst während der kurzen Fahrt eine Verbindung zwischen den beiden. Die Fahrgemeinschaft führt zur Reise ins eigene Ich. Ein Buch über das Loslassen und sich finden, über Freundschaft und Ängste.

Lionel Marty/Stéphane Lois "Liebe ist... nur in anderes Wort für Hass!"

Louisiana zur Zeit der Rassentrennung. Kann es das geben, dass ein Weißer mit einem Farbigen befreundet ist? Eigentlich nicht und doch sind Abe und Will genau das. In der Jugend hilft der schlaue Abe seinem lernschwachen Freund in der Schule. Er selbst hat heimlich lesen gelernt, denn offiziell ist das eigentlich gar nicht erlaubt. Gemeinsam durchleben sie ihre Kindheit, später arbeitet Abe in der Fabrik, die Will von seinem Vater übernommen hat. Während der als hohes Mitglied des Ku-Klux-Klans immer wieder Angst und Schrecken verbreitet, halten die beiden jungen Männer ihre platonische Freundschaft immer noch geheim - aus Selbstschutz.

Cover Liebe ist... nur ein anderes Wort für Hass! Lionel Marty und Stéphane Louis

Erst als eine Frau in Wills Leben tritt, wird es für beide gefährlich. Aus Gier spioniert sie ihrem frisch Vermählten hinterher, entdeckt seine geheime Verbindung und versucht seinen Freund zu erpressen. Ob er sich wohl darauf einlässt?

Der vor allem für seine Superhelden bekannte Panini-Verlag zeigt mit dieser Graphic Novel mal wieder, dass es noch mehr gibt im Programm. Es geht um Freundschaft in schwierigen Zeiten. Um Ehrlichkeit und Hoffnung, um Zwänge und Ängste. Wer vergessen haben sollte, dass es erst ein paar Jahrzehnte her ist, seitdem es in den USA gesetzlich geregelt eigentlich keine Rassentrennung mehr gibt, der sollte zugreifen. Zugegeben, das Buch ist schon vor rund einem Jahr erschienen. Aber der Inhalt ist aktueller und wichtiger denn je.

Pierre Christin/Sébastien Verdier "George Orwell"

Nein, es geht nicht um "1984", den vielleicht berühmtesten Roman von George Orwell. Im Mittelpunkt dieses Comics steht vielmehr der Autor dieser Utopie selbst - der ursprünglich eigentlich Eric Blair hieß und sich nur deshalb ein Pseudonym zulegte, weil so manches Manuskript von ihm einst abgelehnt worden war.

Cover George Orwell Pierre Christin, Sébastien Verdier

Die Geschichte dieses George Orwell also ist es, die es Szenarist Pierre Christin angetan hat. Der Autor, der vor allem mit seiner Science-Fiction-Serie Valerian und Veronique berühmt wurde, hat für diesen Comic so manchen Star-Zeichner gewinnen können. Die Hauptgeschichte hat Sébastien Verdier in unglaublich detailreichen, realistischen Zeichnungen angelegt, daneben haben sich aber noch Meister wie André Juillard, Juanjo Guarnido oder Enki Bilal im Buch verewigt - sie illustrieren die einzelnen Bücher Orwells.

Welche Wandlungen dieser Zeit seines Lebens durchmachte, beschreibt der Band anschaulich. Vom konservativen Anti-Konformisten bis hin zum kritischen Sozialisten, der als Enthüllungsjournalist Erfolge feiert, bevor er zum erfolgreichen politischen Schriftsteller wird. Notwendigerweise springt der Comic von einem Lebensabschnitt zum nächsten. Er macht aber deutlich, was Orwell zeitlebens Antrieb war. Sollte man "1984" oder "Die Farm der Tiere" vielleicht doch mal wieder in die Hand nehmen, liest man diese Werke nun bestimmt mit ganz anderen Augen.

Stéphan Colman/Eric Maltaite "Schock 3: Die Geister von Knightgrave"

Schön, dass so manche Klassiker weitergeführt werden. Schock ist eigentlich eine Figur aus der lange abgeschlossenen Serie "Harry und Platte". 1955 erschien sie zum ersten Mal im franco-belgischen Magazin "Spirou", als Gegenspieler der beiden genannten Privatdetektive. Seit einigen Jahren nun wird die Geschichte des Herrn Schock in einer eigenen Reihe erzählt, und setzt an, bevor er auf Harry und Platte traf.

Cover Schock 3: Die Geister von Knightgrave - Dritter Teil Stéphan Colman  Eric Maltaite

Schock ist ein Bösewicht. Was auch sonst bei dem Namen? Zum Frack trägt er eine Maske, die wie ein Ritterhelm aussieht, dazu raucht er Zigaretten mit Spitze. Ein edler Dieb also? Auf keinen Fall! Immerhin ist er der Chef der "weißen Hand", einer weltweit operierenden kriminellen Vereinigung.

Im aktuellen Band liegt Schock zu Beginn tot auf dem Meeresgrund in einem Autowrack. Die Geschichte springt zwischen den 50er Jahren in der Türkei und den 30ern in Deutschland hin und her. Alles dreht sich um die Frage: Wer steckt hinter der Maske und wie ist es wohl dazu gekommen?

Immerhin: diese Frage wird in dem Band geklärt und man kann vermuten, dass der Tote zu Beginn der Geschichte möglicherweise der Falsche war. Plot und Dialoge führen den Leser geschickt durch das Album und zeigen, dass auch Comic-Klassiker in modernem Gewand eine gute Figur machen.

Es gibt in diesem Jahr so viele tolle Neuerscheinungen im Comic-Bereich, dass sie gar nicht alle in eine Vorstellungsrunde gepasst haben. Hier stellen wir weitere Comics vor.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 4.07.2019, 19.30 Uhr