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Verena Reinhardt

Die Wiesbadener Biologin Verena Reinhardt schreibt Kinderbücher - und führt ihre Leser in eine fantastische Insektenwelt. Hauptfigur ihres neuen Buches ist ein griesgrämiger Mistkäfer, den man am Ende dennoch mögen muss.

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Verena Reinhardt
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Verena Reinhardt ist promovierte Biologin. Und sie schreibt Kinderbücher. Nach ihren Erfolgen mit "Der Hummelreiter Friedrich Löwenmaul" und "Die furchtlose Nelli, die tollkühne Trude und der geheimnisvolle Nachtflieger" ist im August das dritte Kinderbuch der Wiesbadenerin erschienen. Es erzählt von dem schlecht gelaunten Mistkäfer Herrn Schnettelbeck, der sich über alles aufregt und eigentlich am liebsten sterben will. Als er bemerkt, dass die Sterne verschwunden sind, ist er empört. Er macht sich gemeinsam mit dem frechen Menschenmädchen Tinea auf die Suche nach ihnen. Die abenteuerliche Reise der beiden führt durch eine auf dem Kopf hängende Stadt und fast bis ans Ende der Welt. Dabei lernen sie viele Tiere kennen: Fledermäuse mit einem Hang zur Dramatik, schillernd-tanzende Skarabäuskäfer oder hinterlistige Libellen.

Auch Rassismus und Politik spielen bei Herrn Schnettelbeck eine Rolle. Es gibt soziale Ungerechtigkeiten oder Vorurteile gegenüber Wirbeltieren. Der nölige und populistische Mistkäfer wird am Ende zum echten Freiheitskämpfer. Verena Reinhardt schafft es, dass einem auch ein wenig liebenswürdiger Mistkäfer schließlich ans Herz wächst.

Mit vielen Details, einer fabelhaften Sprache und Wortwitz wird nebenbei noch Biologie gelernt. Das Buch beruht auf der wissenschaftlichen Tatsache, dass Mistkäfer sich an den Sternen orientieren, um ihre Dungkugeln zu rollen. Verena Reinhardt erzählt im Interview, wie sie die Welt von Herrn Schnettelbeck geschaffen hat.

hessenschau.de: Die Charaktere in "Schnettelbeck" sind fantasievoll und vielfältig. Woher nehmen Sie die Ideen?

Verena Reinhardt: Die Ideen kommen größtenteils beim Schreiben. Teilweise sind die Namen biologische Anspielungen. Eine Fledermaus im Buch heißt Nepenthe, das ist eine Hängepflanze, in der Fledermäuse übernachten. Ich sammle immer kleine Dinge, Namen oder Anspielungen und stecke sie dann ins Buch.

hessenschau.de: "Herr Schnettelbeck" fängt etwas düster mit dem Thema Selbstmord an. Außerdem beschwert sich der Mistkäfer über fremde südländische Käfer. Sind Themen wie Tod, Rassismus und Populismus angebracht in einem Kinderbuch?

Reinhardt: Viele Kinder kriegen solche Themen auch in ihrem Umfeld mit. Auf Lesungen vom "Hummelreiter" habe ich zum Beispiel schon von Kindern gehört: "Ach, solche Leute kenne ich auch". Oder eine Zehnjährige, die gefragt hat: "Spielt das etwa auf die politischen Ereignisse der letzten Zeit an?" Manche Kinder verstehen es, manche nicht.

hessenschau.de: Die Tiere müssen sich an Gesetze halten. Wirbeltiere dürfen nicht in der Unterstadt leben. Wie viel Politik steckt in "Herr Schnettelbeck"?

Reinhardt: Natürlich ist da immer ein bisschen der Bezug auf aktuelle politische Ereignisse. Aber: Die Idee hatte ich bereits vor sechs Jahren. 2015 kam erst die Flüchtlingskrise und dann kam Pegida. Ich habe mir diese Leute im Fernsehen angeschaut und dachte: Herr Schnettelbeck ist so harmlos im Vergleich zu dem, was da in Wirklichkeit passiert. Außerdem ist das Thema Rassismus im Fantasy-Genre nichts Neues, im Herrn der Ringe sind zum Beispiel die Zwerge und Elfen verfeindet.

Cover Verena Reinhardt Herr Schnettelbeck und das Geheimnis der verschwundenen Sterne

hessenschau.de: Wie kam die Idee zu Unterstadt und Oberstadt?

Reinhardt: Früher war der schicke Teil der Stadt die Oberstadt und der etwas grottigere Teil die Unterstadt. Es gibt ein Lied von Franz Josef Degenhardt, das heißt "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern". Mein Vater hat das immer gesungen, als ich klein war. Ich habe das umgedreht: Unterstadt ist die feine, gehobene Gegend und in der Oberstadt ist die Baracken-Siedlung.

hessenschau.de: Herr Schnettelbeck ist schon eher ein gemeiner Charakter. Gibt es für ihn ein reales Vorbild?

Reinhardt: Nein, zum Glück kenne ich keinen, der so ist! Aber man muss nur einmal Bus fahren, dann findet man ganz viele Herr Schnettelbecks. Die Beziehung zwischen Tinea und Herrn Schnettelbeck hat zum Teil ein reales Vorbild. Ich hatte einen Nachbarn, von dem ich einiges gelernt habe. Und den Aspekt, dass junge Leute von älteren etwas lernen, den habe ich auch im Buch verarbeitet.

hessenschau.de: Ist Herr Schnettelbeck schon etwas zu gemein, um ein Sympathieträger zu sein?

Reinhardt: Das habe ich mich gefragt. Deswegen hat Herr Schnettelbeck schnell eine zweite Figur zur Seite bekommen, die ihn abbremst und widerspricht. Zum Ende hin ändert er sich notgedrungen. Ich bin froh, dass das so gelungen ist und auch so rüberkommt mit der Charakterentwicklung.

hessenschau.de: Haben Sie einen Lieblingscharakter?

Reinhardt: Ja, die Fledermaus Kuttelfleck, die eine sehr dramatische Ader hat. Kuttelfleck liebt Opern, in denen Leute dramatisch an Liebeskummer sterben. Nachher hilft er auch Herrn Schnettelbeck zu seinem Liebesglück. Der Charakter Kuttelfleck ist mir erst ganz zum Schluss eingefallen und ich bin sehr zufrieden damit, weil durch ihn sehr lustige Dialoge zustande kommen.

Verena Reinhardt

hessenschau.de: Im Buch kommen ab und zu Fachbegriffe und schwierige Wörter vor. Ist das Absicht, damit die jüngeren Leser nebenher noch etwas lernen?

Reinhardt: Ich denke, viele Kinder haben ein starkes naturwissenschaftliches Interesse. Manche Kinder kennen mit fünf Jahren jeden Dinosaurier. Und wenn man etwas nicht weiß oder nicht versteht, ist das eher eine Anregung, nachzuschauen oder nachzufragen. Ich hoffe, dass ich damit etwas das Interesse für Naturwissenschaften wecke.

hessenschau.de: Hatten Sie ein schönstes Erlebnis mit den Lesern ihrer Bücher?

Reinhardt: Ich freue mich immer über Kommentare auf meiner Website. Ein Nachbarjunge hat den "Hummelreiter" in nur einer Nacht durchgelesen - die ganzen 520 Seiten. Ich schreibe da drei Jahre dran - und er liest das in einer Nacht!

Weitere Informationen

Verena Reinhardt auf der Frankfurter Buchmesse

19.10. 14 bis 14.30 Uhr in der Halle 3.0 an Stand G23 und H27

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Das Interview führte Charlotte Jacobsohn