Andreas Steinhöfel

Die heile Familie: Mama, Papa, ein bis zwei Kinder. Der Polizist und Feuerwehrmann: weiß, blond, männlich. Jahrzehntelang wurden in Kinderbüchern immer wieder die gleichen Bilder reproduziert. Doch es tut sich etwas.

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zum hr-fernsehen.de Video Schwarze Prinzessinnen und tiefbegabte Helden – Vielfalt im Kinderbuch

Zeichnung aus  "Ich bin anders als du"  von Constanze Kitzing
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Er ein ungewöhnlicher Held: Rico, die Hauptfigur des preisgekrönten Kinderbuchs "Rico, Oskar und die Tieferschatten" von Andreas Steinhöfel. "Ich heiße Rico Doretti und ich bin ein tiefbegabtes Kind", sagt Rico von sich selbst. "Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber anders. In meinem Kopf ist auch eine Bingo-Trommel. Und diese Kugeln sind wie meine Gedanken: Wenn ich ganz viel denken muss, fällt eine von Ihnen raus. Und dann dreht sich die Trommel in meinem Kopf wie wild."

Ein "tiefbegabter Held". Die Idee zu dem Buch kam Andreas Steinhöfel aus dem nordhessischen Battenberg (Waldeck-Frankenberg), als die deutsche Öffentlichkeit darüber diskutierte, ob Eltern aus so genannten bildungsfernen Schichten ihre Kinder schlecht erziehen.

"Hat mich auf die Palme getrieben"

"Das hat mich auf die Palme getrieben", erzählt Steinhöfel. "Ich kenne genug Menschen mit Prekariatshintergrund, die fantastische Eltern sind. So wurde Ricos Mutter ganz bewusst eine, die im Nachtclub arbeitet." Aus Ricos Freund Oscar wiederum wurde ein hochbegabtes Helikopterkind mit vielen Ängsten. Steinhöfels Figuren stehen wie Rico und Oscar immer etwas auf Außenseiterpositionen.

Damit hat Steinhöfel nicht nur große Erfolge bis hin zur Verfilmung der Rico-und-Oscar-Buchreihe feiern können. Sie wurden rund zwei Millionen Mal verkauft und in 35 Sprachen übersetzt. Nebenbei hat er eine Debatte über Diversität in Kinderbüchern angestoßen: Da denkt und fühlt einer wie wir, bekomme er oft zu hören, sagt Steinhöfel.

Ein Autor, der selbst "anders" ist

Dass seine Figuren so glaubhaft sind, liegt möglicherweise auch daran, dass Steinhöfel weiß wie es ist, anders zu sein. Er ist in einer Kleinstadt aufgewachsen und merkte als Teenager, dass er schwul ist - ein Problem auf dem Land.

"Ich dachte: also hier, das wird im Leben nix. Wo willst du denn hier jemanden kennenlernen?", fragte er sich. "Du kannst ja als Kind sowieso gar nix ändern an der Welt, in der Du steckst. Du siehst nur: So und so funktioniert die und deswegen finde ich es gut, eine Welt zu zeigen, die vielfältig funktioniert oder wo Rollenbilder aufgebrochen werden."

Diversität ist kein Dogma

Ein Dogma will er daraus nicht machen, sagt er, davon halte er nichts. Er wolle ohne erhobenen Zeigefinger über Helden mit Schwächen schreiben, Helden, die anders ticken und aussehen. Damit will er denen Mut machen, die genauso sind.

Weitere Informationen

Andreas Steinhöfel...

... wurde 1962 in Battenberg geboren. Er wuchs mit zwei Brüdern in Biedenkopf (Marburg-Biedenkopf) auf, studierte in Marburg und lebte dann 20 Jahre in Berlin. Zu seinen bekanntesten Büchern zählt "Paul Vier und die Schröders" von 1992. Die Verfilmung des Buches gewann 1995 den Deutschen Kinderfilmpreis. Für seinen Roman "Die Mitte der Welt" war er unter anderem für den Deutschen Jugendliteraturpreis 1999 nominiert, ebenso wie die Quasifortsetzung "Defender – Geschichten aus der Mitte der Welt". Im Jahr 2009 wurde er für "Rico, Oskar und die Tieferschatten" mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Kinderbuch ausgezeichnet. Die gleichnamige Verfilmung startete am 10. Juli 2014 in den deutschen Kinos. Auch die Fortsetzungen "Rico, Oskar und das Herzgebreche" und "Rico, Oskar und der Diebstahlstein" wurden verfilmt.

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Sendung: hr-fernsehen, hauptsache kultur, 15.10.2020, 22.30 Uhr