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Audioseite Da waren es nur noch sechs: Die Buchpreis-Shortlist

Bücherstapel aus den nominierten Titel zum Deutschen Buchpreis 2021

Noch sechs Titel sind im Rennen um den Deutschen Buchpreis 2021. Die Jury lobt die immense Lust und hohe Könnerschaft der drei Finalistinnen und drei Finalisten, Geschichten zu erzählen.

Die Jury hat sich durch einen riesigen Berg an Neuerscheinungen gearbeitet - 230 Titel - und sich für diese sechs Titel der Shortlist entschieden:

Die nominierten Romane in alphabetischer Reihenfolge

  • Norbert Gstrein: Der zweite Jakob (Carl Hanser, Februar 2021)
  • Monika Helfer: Vati (Carl Hanser, Januar 2021)
  • Christian Kracht: Eurotrash (Kiepenheuer & Witsch, März 2021)
  • Thomas Kunst: Zandschower Klinken (Suhrkamp, Februar 2021)
  • Mithu Sanyal: Identitti (Carl Hanser, Februar 2021)
  • Antje Rávik Strubel: Blaue Frau (S. Fischer, August 2021)

"Diese sechs Finalist*innen zeigen den stilistischen, formalen und thematischen Reichtum der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und zeugen von der immensen Lust und hohen Könnerschaft, Geschichten zu erzählen. Darüber hinaus reflektieren alle nominierten Titel das eigene Schreiben, loten seine Möglichkeiten und seine Grenzen aus", erklärte Jurysprecher Knut Cordsen die Entscheidung bei der Bekanntgabe am Dienstag.

"Es sind künstlerisch herausragende Romane, die bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Topoi und Schreibweisen eines vereint: Sie sind alle auf je eigene Weise ausgezeichnet und haben jeder für sich die Jury überzeugt."

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Buchbesprechungen und Interviews

Zu den Shortlist-Titeln und weiteren Büchern der Longlist haben wir Besprechungen, die Ihnen die Titel näherbringen.

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Jurykommentare zu den einzelnen Titeln

Norbert Gstrein "Der zweite Jakob": Erzählen ist bei Norbert Gstrein immer auch Nachdenken über das Erzählen, seine notorischen Unzuverlässigkeiten, seine unvermeidlichen Leerstellen. In seinem neuen Roman ist ein Schauspieler anlässlich seines 60. Geburtstags gezwungen, sich selbst und seiner Tochter Rechenschaft abzulegen und das Stationendrama seiner Biografie in eine finale Fassung zu bringen.

Norbert Gstrein "Der zweite Jakob" Cover

Auf meisterhafte Weise demonstriert der Roman, wie sich die Komplexität eines Lebens, das geprägt ist von Scheitern, Scham und Schuld, einem simplen Plot verweigert. Mit "Der zweite Jakob" hat Norbert Gstrein seine virtuose Erzählkunst noch einmal auf eine höhere Stufe gehoben.

Monika Helfer "Vati": Kein Wort zuviel findet sich in Monika Helfers Roman "Vati", eine Annäherung an das Leben des Vaters der Autorin. Eine Recherche über die Möglichkeit, Leben zu erzählen und Herkunft zu begreifen – die auch die Initiation einer Autorin beschreibt. Als der Vater versehrt aus dem Krieg zurückkehrt, lernt er die Mutter kennen und wird Leiter eines Versehrtenheims in den Bergen.

Monika Helfer Cover

Dort sammelt er Bücher, lebt mit und für sie. Aber bereits hier zeigt sich, was sich nach dem Tod der geliebten Frau ausprägt: eine große Abwesenheit, ein umfassendes Schweigen, das auch das Leben der Kinder prägt. Ein Buch von zärtlicher Traurigkeit – in dem Gefühl und sprachliche Klarheit vollständig ausgewogen sind.

Christian Kracht "Eurotrash": Hielt man sich in "Faserland" die Welt mit ölimprägnierten Jacken vom Leib, wird hier der Wollpullover zum fadenscheinigen Dingsymbol. Denn von Verstrickungen bis zurück ins dunkelste Kapitel deutscher Geschichte handelt Christian Krachts herausragender Roman.

Cover Christian Kracht "Eurotrash"

"Eurotrash" ist ein raffiniertes, ein tragikomisches und mitunter überraschend zart erzähltes Stück autofiktionaler Erinnerung, das die psychologischen Feinheiten einer Mutter-Sohn-Beziehung ergründet und dabei familiäre Schattenwelten aufsucht, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart ragen. Dem Autor gelingt das seltene Kunststück, eine komplexe literarische Poetik in stilistischer Virtuosität zum Leuchten zu bringen.

Thomas Kunst "Zandschower Klinken": Bengt Claasen verschlägt es aus einer Lebenskrise in ein nordostdeutsches Provinznest. Dort trotzen Menschen mit aufsässigen Fantasien einer ihnen nicht wohlgesonnenen Realität. Sie haben ihr Dorf zu Sansibar, ihren Teich zum Ozean umfantasiert, strukturieren ihre Gegenwelt mit hinreißend absurden Ritualen. "Zandschower Klinken“, oft einprägsam wie Musik, verströmt Freiheit auch durch seine formale Radikalität.

Cover Thomas Kunst "Zandschower Klinken"

Politisch aufgeladen, bricht es zugleich mit jeder Diskursschwere, weil es sich im Spiel mit Wirklichkeit und Sprache keine Grenzen aufzwingen lässt. Eine bittere, märchenhaft verschlüsselte Familiengeschichte kontrapunktiert den Ausstieg in die Utopie, und dennoch: Dieses Buch lässt einen freier atmen.

Mithu Sanyal "Identitti": Identitti ist eine Quadratur des Kreises: ein enorm vergnüglicher, hochenergetischer Diskursroman, bei dessen Lektüre viel zu lernen ist und der dabei grandios unterhält. Mit leichter Hand erzählt Sanyal von Bloggerin Nivedita, Studentin an der Düsseldorfer Uni, die ein Skandal durchschüttelt: Starprofessorin Saraswatis indische Herkunft ist fake!

Cover Mithu Sanyal: Identitti

Ohne jeden Hang zum Denunzieren zeigt der Roman die verschiedenen, unversöhnlich scheinenden Positionen – in Dialogen, Blogeinträgen, fiktiven Tweets realer Zeitgenoss*innen – und so gelingt es ihr, gerade in den verfahrensten Debatten wieder unbändige Freude am Austausch und der Beweglichkeit im Kopf zu entfachen.

Antje Rávik Strubel "Blaue Frau": Antje Rávik Strubel erzählt aufwühlend in einem großen Spannungsbogen von den Gewalterfahrungen einer jungen Frau im heutigen Europa. Adina kommt aus einem Dorf in Tschechien, ihr Weg führt sie über Berlin in die Uckermark. Nach der Vergewaltigung durch einen einflussreichen Multiplikator der europäischen Kulturpolitik flieht sie nach Helsinki und ins innere Exil.

Antje Rávik Strubel "Blaue Frau" Cover

Ein Ost-West Roman, ein Europaroman, eine Geschichte über Machtmissbrauch, meisterhaft in der Verflechtung der Handlungsstränge und in der atmosphärischen Darstellung finnischer Landschaft. Eine Figur mit mythischen Zügen – die blaue Frau – verbindet das Erzählte mit der Ebene der Erzählerin und macht so den Roman auch zum Roman über das Schreiben selbst.

Die Jury zum Deutschen Buchpreis 2021

Ursprünglich hatten 125 Verlage 197 deutschsprachige Romane ins Rennen geschickt, hinzu kamen noch 33 Titel, die die Juroren nachgeordert hatten. Die Jury erstellte daraus zunächst eine 20 Titel umfassende Longlist, aus dieser ist nun die Shortlist entstanden.

Bis am 18. Oktober der Gewinner oder die Gewinnerin verkündet wird, trifft sich die Jury noch ein einziges Mal. Diese sieben Literaturexpertinnen und -experten entscheiden, wer den Deutschen Buchpreis 2021 erhält:

Buchpreis-Jury 2021: Sandra Kegel, Anja Johannsen, Beate Scherzer, Anne-Catherine Simon, Richard Kämmerlings, Bettina Fischer, Knut Cordsen (v.l.n.r.)

Knut Cordsen (Kulturredakteur, Bayerischer Rundfunk), Bettina Fischer (Leiterin Literaturhaus Köln), Anja Johannsen (Leiterin Literarisches Zentrum Göttingen), Richard Kämmerlings (Literarischer Korrespondent, Die Welt), Sandra Kegel (Ressortleiterin Feuilleton, FAZ), Beate Scherzer (Buchhändlerin, Proust Wörter + Töne) und Anne-Catherine Simon (Feuilleton-Redakteurin, Die Presse). Die sieben Jury-Mitglieder wählten aus Büchern aus, die von Oktober 2020 bis September 2021 erschienen sind.

Preisverleihung am 18. Oktober

Erst am Abend der Preisverleihung, am 18. Oktober, dem Abend vor Eröffnung der Frankfurter Buchmesse, erfahren die sechs Autorinnen und Autoren, wer von ihnen den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Der Gewinner erhält 25.000 Euro, die anderen fünf Finalisten bekommen jeweils 2.500 Euro.

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Autoren der Shortlist im Literaturhaus

Am 1. Oktober findet um 18 Uhr der Shortlist-Abend als Hybrid-Veranstaltung im Literaturhaus Frankfurt statt. In Lesungen und Gesprächen präsentieren sich fünf der sechs Finalisten. Für den Besuch vor Ort gilt die 3G-Regel (geimpft, getestet oder genesen. Ausschnitte der Lesungen sind ab dem 13. Oktober in hr2-kultur (9.05 und 14.30 Uhr) zu hören.

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Die Preisverleihung findet traditionell im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt. Auf der Website des Deutschen Buchpreises wird die Veranstaltung am 18. Oktober ab 18 Uhr live übertragen.

20 Bloggerinnen und Blogger begleiten den Deutschen Buchpreis. Unter #buchpreisbloggen findet man die Beiträge auch bei Twitter und Instagram.

Sendung: hr-iNFO, 21.09.2021, 12 Uhr