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Jury gibt Buchpreis-Shortlist bekannt

Noch sechs Titel sind im Rennen um den Deutschen Buchpreis 2022. Darunter in diesem Jahr: Drei Frauen, zwei Männer und eine Person, die über die eigene Diversität schreibt. Was die Bücher eint: die Suche nach der Identität.

Die Jury hat sich durch einen riesigen Berg an Neuerscheinungen gearbeitet - 233 Titel - und sich für diese sechs Bücher entschieden. So sieht die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2022 aus.

Die nominierten Romane in alphabetischer Reihenfolge

  • Fatma Aydemir: Dschinns (Carl Hanser, Februar 2022)
  • Kristine Bilkau: Nebenan (Luchterhand, März 2022)
  • Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter (Kiepenheuer & Witsch, August 2022)
  • Jan Faktor: Trottel (Kiepenheuer & Witsch, September 2022)
  • Kim de l’Horizon: Blutbuch (DuMont, Juli 2022)
  • Eckhart Nickel: Spitzweg (Piper, April 2022)

"Alle sechs Titel der Shortlist 2022 konnten uns in ihrer ästhetischen Eigenheit überzeugen", sagte Jurysprecherin Miriam Zeh bei der Bekanntgabe am Dienstag. "Mit sprachlicher Brillanz und formaler Innovationskraft beschreiben sie soziale Realitäten und Phantasmen, vermessen Mitte und Ränder, umkreisen Trauer und Komik. Damit bilden die nominierten Autor*innen die thematische wie stilistische Vielfalt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ab."

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Buchbesprechungen und Interviews

Sie wollen mehr über die Titel der Shortlist erfahren? Wir haben Buchbesprechungen und Lesungen für Sie zusammengefasst, die Ihnen die Titel näherbringen.

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Jurykommentare zu den einzelnen Titeln

Buchcover von "Dschinns": Der Schriftzug "Dschinns" steht großgeschrieben auf violettem Hintergrund.

Fatma Aydemir "Dschinns": Hüseyin Yilmaz war Gastarbeiter der ersten Generation in Westdeutschland. Nach 30 Jahren pausenloser Schufterei stirbt er in dem Moment, als er mit Rentenbeginn seinen Traum einer eigenen Wohnung in Istanbul verwirklicht hatte. Sein Tod vereint die teilweise zerstrittene Familie in dieser Wohnung – mit ihren Ängsten, Hoffnungen, ihrer Verzweiflung. Aydemir lüftet ihre Geheimnisse präzise und einfühlsam.

"Dschinns" vereint Fragen nach Identität, Geschlecht und Herkunft ebenso wie die Themen Rassismus und Diskriminierung, während gleichzeitig ein Teil jüngerer deutscher Geschichte behandelt wird, der bisher kaum in der Literatur zu finden ist.

Kristine Bilkau "Nebenan": Die Keramikkünstlerin Julia führt eine liebevolle Partnerschaft, leidet aber unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch.
Astrid, Mutter von drei erwachsenen Söhnen, will sich langsam aus dem Berufsleben als Ärztin zurückziehen. Meisterhaft zeigt Kristine Bilkau anhand der Schicksale zweier Frauen in der norddeutschen Provinz, welche Abgründe in einem scheinbar alltäglichen Leben lauern.

Das Buchcover von "Nebenan": in blau, mit zwei Haftnotizen.

Die Stärke dieses subtil erzählten Romans liegt in den Details und den kleinen Kippmomenten - zwischen Fruchtbarkeitskliniken und verschwundenen Müttern, traumvergessenen Landschaften und illegalen Müllkippen. Nicht nur den Figuren, auch den Lesenden wird immer wieder der scheinbar sichere Grund unter den Füßen weggezogen. Doch dass Leben ohne Vertrauen nicht gelingen kann, auch davon erzählt "Nebenan'".

Daniela Dröscher "Lügen über meine Mutter": Hunsrück, Mitte der 1980er Jahre, ein deutsches Frauenleben in der Provinz. Eigentlich hatte die Tochter schlesischer Flüchtlinge mehr vom Leben gewollt, doch der karrierebewusste Ehemann kontrolliert mittlerweile alles: die Haushaltsfinanzen, den tagtäglichen Streit, ihr Übergewicht, für das sich selbst das eigene Kind schon schämt. Die Fassade der kleinbürgerlichen Aufsteigerfamilie zerbröckelt endgültig, als die Mutter in einem skurrilen Akt der Notwehr ihr Erbe verschleudert und den Herren des Hauses aussperrt.

Buchcover " Lügen über meine Mutter" in pink mit schwarzem Schriftzug

Daniela Dröscher erzählt ihre von essayistischen Einschüben unterbrochene literarische Mikrosoziologie aus der Kinderperspektive. Beendet ist die Geschichte vom nicht mehr wunschlosen Unglück der Mutter erst, wenn ein neues Spiel beginnt - das der eigenen Familie.

Jan Faktor "Trottel": Jan Faktors Roman "Trottel" verbindet Zeitgeschichte und Lebensgeschichte auf sehr besondere Weise: Er beschreibt den Weg
eines Außenseiters von Prag nach Berlin, vom Arbeitnehmer im realexistierenden Sozialismus zu einem Schriftsteller, der literarische Trauerarbeit leistet. Im Kern des Romans steht der Verlust eines Sohnes. Faktor gelingt das große Kunststück, mit einer Geschichte über Trauer Witz zu erzeugen.

Buchcover "Trottel"

Dabei entsteht ein provokanter, bisweilen verstörender Schelmenroman über die Frage, "ob ein Trottel im Leben glücklich werden kann". Es ist ein Buch, das auch gnadenlose, aber sehr hilfreiche Kritik an unserer Gesellschaft übt.

Kim de l’Horizon "Blutbuch": Die Blutbuche im Garten ist Ursprung und Fluchtpunkt im Leben von Kim, der non-binären Hauptfigur dieses Romans. Gepflanzt wurde sie zur Geburt der Großmutter - der Großmeer, wie sie im Berndeutschen genannt wird. Im Meer dieser Überfigur droht das Kind Kim zu versinken, gleichzeitig ist sie aber von einer magischen Faszination. Als die Großmeer ihr Wissen und ihre Dominanz an die Demenz verliert, beginnt Kim eine eigene Sprache zu bilden: für Identität und Körperlichkeit, für Herkunft und Prägung.

Buchcover von "Blutbuch"

Da es in diesem Gemenge keinen geraden Weg gibt, kann die Form des Romans nicht linear sein. Sie ist experimentell und gewagt, in einem Moment jäh derb und obszön, im nächsten wieder zart und intensiv. Sie nutzt überraschende Ebenen und Sichtweisen. Ein Roman, der berührt und bewegt.

Eckhart Nickel "Spitzweg": Eckhart Nickel gelingt mit seinem Roman "Spitzweg" Großes: was als Schülergeschichte beginnt, wandelt sich zu einer meisterhaften Reflexion über die Beziehung von Kunst und Leben.

Buchcover "Spitzweg": Ein schick gekleideter Mann vor einer Naturlandschaft. Titel in pinkem Schriftzug.

Sprachlich souverän und voller Ironie spielt "Spitzweg" mit einer übertriebenen Gelehrsamkeit, mit verschachtelten Satzkonstruktionen und einem
antiquiert anmutenden Vokabular. Dabei ist der Roman aller philosophischen Tiefe zum Trotz äußerst temporeich, in manchen Passagen gar komödiantisch.

Die Jury zum Deutschen Buchpreis 2022

Ursprünglich hatten 124 Verlage 202 deutschsprachige Romane ins Rennen geschickt, hinzu kamen noch 31 Titel, die die Juroren nachgeordert hatten. Die Jury erstellte daraus zunächst eine 20 Titel umfassende Longlist, aus dieser ist nun die Shortlist entstanden.

Bis am 17. Oktober der Gewinner oder die Gewinnerin verkündet wird, trifft sich die Jury noch ein einziges Mal. Diese sieben Literaturexpertinnen und -experten entscheiden, wer den Deutschen Buchpreis 2022 erhält:

Buchpreis-Jury: V.l.n.r.: Selma Wels, Uli Ormanns, Erich Klein, Miriam Zeh, Frank Menden, Isabelle Vonlanthen, Jan Wiele

Erich Klein (freier Kritiker, Wien), Frank Menden (stories! Die Buchhandlung, Hamburg), Uli Ormanns (Agnes Buchhandlung, Köln), Isabelle Vonlanthen (Literaturhaus Zürich), Selma Wels (Kuratorin und Moderatorin, Frankfurt), Jan Wiele (FAZ), Miriam Zeh (Deutschlandfunk Kultur). Die sieben Jury-Mitglieder wählten aus Büchern aus, die von Oktober 2021 bis September 2022 erschienen sind.

Preisverleihung am 17. Oktober

Erst am Abend der Preisverleihung, am 17. Oktober, dem Abend vor Eröffnung der Frankfurter Buchmesse, erfahren die sechs Autorinnen und Autoren, wer von ihnen den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Der Gewinner erhält 25.000 Euro, die anderen fünf Finalisten bekommen jeweils 2.500 Euro.

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Autoren der Shortlist im Literaturhaus

Am 9. Oktober findet um 11 Uhr im Schauspiel Frankfurt eine Shortlist-Lesung statt. Dort präsentieren sich die sechs Finalistinnen und Finalisten - vor Ort und im Livesteam. Die Lesungen sind ab dem 10. Oktober in hr2-kultur (9.05 und 14.30 Uhr) und der ARD Audiothek zu hören.

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Die Preisverleihung findet traditionell im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt. Auf der Website des Deutschen Buchpreises wird die Veranstaltung am 17. Oktober ab 18 Uhr live übertragen.

20 Bloggerinnen und Blogger begleiten den Deutschen Buchpreis. Unter #buchpreisbloggen findet man die Beiträge auch bei Twitter und Instagram.

Sendung: hr-iNFO, 20.09.2022, 12 Uhr