Eine Frau läuft vor einem Stand mit "Georgia"-Schriftzug vorbei.
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Kennen Sie georgische Schriftsteller? Das war bislang eher was für Feinschmecker. Mit dem Ehrengast-Auftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse soll sich das ändern. Hier erste Kostproben - von wilden Außenseitern, dem harten Leben im Gulag und mächtig viel Geschichte.

Luka Bakanidze "Das dritte Ufer"

Cover Luka Bakanidze "Das dritte Ufer"
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Sophia Averesch (hessenschau.de): Sie sind die Außenseiter der Gesellschaft: Nea, Markus, Alex, Gioland und die anderen von ihrem Ufer. Auf ihrem Ufer fragt man nicht, wie man wirklich heißt oder wer man mal drüben war. Nea, Markus, Alex und Gioland haben sich auf der Straße kennengelernt. Hier sind die vier als "Karussellleute" bekannt: Nachts schlafen sie meist auf einem verlassenen Fahrgeschäft im Stadtpark, tagsüber verdienen sie ihr Geld als Straßenmusiker. Doch nur so viel, bis es für die tägliche Ration an Wodka, Zitronen, Marihuana und Zigaretten reicht. Mehr brauchen und wollen sie nicht.

Einerseits lieben sie ihre Stadt und ihren Untergrund mit all den verlockenden Angeboten von Sex, Alkohol und Drogen – nichts scheint verboten oder unmöglich – andererseits sehen sie sich nach Natur und Liebe. Im Bewusstseinsstrom von Protagonist Gioland ziehen wir mit der Bande durch die Gegend und geraten von einer brenzligen Situation in die nächste, gejagt von der Polizei und ihren Feinden. Für Politik und Bildung interessieren sich die Karussellleute nicht – die politischen Umbrüche in den 1990er-Jahren in Georgien nehmen sie gar nicht wirklich wahr. Viel wichtiger sind Musik, die eigenen Leute und das, was an dem Tag alles noch passieren könnte.

In Rückblicken erinnert sich Gioland an gemeinsame Abenteuer und erklärt die Zusammenhänge der einzelnen Szenen. Doch seine Gedanken schweifen oft ab, manches bleibt offen. Zum Beispiel, was genau den Ex-Studenten Gioland und seine Freunde, den Gitarristen Alexander, die Tattoo-Künstlerin Nea und ihren aidskranken Partner Markus aus ihrem vorigen Leben hat aussteigen lassen. In Giolands Gedanken werden Möglichkeiten aufgemacht – doch nie bestätigt.

Gioland erklärt sich das so: "Überhaupt, wenn ich etwas sehr Wichtiges sagen möchte, bleibe ich immer so doof stecken. Was kann ich dafür. Scheinbar hat mein Gehirn noch nicht genügend Windungen. Dafür kann ich wie ein Weltmeister drauflosquasseln." Wem das nicht gefällt, der sollte "Das dritte Ufer" nicht lesen. Lässt man sich jedoch darauf ein, überrascht einen Bakanidze mit einer ehrlichen und vulgären Erzählweise, die nie aufgesetzt wirkt. Er schreibt so, wie Gioland auf der Straße auch zu seinen Leuten gesprochen hätte. Das macht "Das dritte Ufer" so authentisch.

Otar Tschiladse "Der Korb"

Cover Otar Tschiladse "Der Korb"
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Sonja Fouraté (hessenschau.de): Bevor Sie Otar Tschiladses "Der Korb" in die Hand nehmen, sollten Sie sich folgende Fragen stellen: Mögen Sie Metaphern? Und seitenlange, traumartige Assoziationen, Szenen, Bilder und Visionen? Und Sätze, die Thomas Mann hätten frohlocken lassen? Dann ist "Der Korb" genau das Richtige für Sie. Nicht falsch verstehen, das ist nicht despektierlich gemeint. Der 2002 erstmals erschienene Roman ist ein monumentales Epos über Tschiladses Heimat Georgien.

Anhand der machtversessenen, grausamen Familiendynastie der Kaschelis erzählt Tschiladse die Geschichte einer Nation, die immer wieder überrannt worden ist: von den Römern, Arabern, Mongolen, Türken und 1801 schließlich den Russen. Das Thema Fremdbeherrschung ist denn auch das Grundmotiv des Romans, die Bevormundung durch die Russen drückt Tschiladse über lästige Schwärme von Kriebelmücken aus.

Irgendwann will sich der letzte Abkömmling der Dynastie, der feingeistige Anton Kascheli, von seinem Vater befreien, indem er ihn ermordet. Allein: Er weiß überhaupt nichts mit seiner Freiheit anzufangen - so wie seine Landsleute nach 1991 kaum etwas mit ihrer Unabhängigkeit anfangen konnten. Tschiladse (1933 bis 2009) zeichnet ein trauriges Bild seiner Heimat.

Fazit: Wer verstehen will, wie mühevoll es für Georgien war, sich als Nationalstaat zu finden und welche Ängste die Bewohner des Landes bis heute umtreiben, der wird in diesem Roman fündig. Ohne Vorkenntnisse zur georgischen Geschichte funktioniert das allerdings nicht.

Naira Gelaschwili "Ich fahre nach Madrid"

Cover Naira Gelaschwili "Ich fahre nach Madrid"
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Sonja Süß (hessenschau.de): Sandro Litscheli fährt nach Madrid – zumindest offiziell. In Wirklichkeit flattern seine Nerven so sehr, dass er sich in ein sicheres Versteck flüchtet. In die Obhut eines alten Freundes, der Arzt in einer Nervenheilanstalt ist. Dort, im kargen Krankenzimmer, träumt sich Litscheli weg, an Sehnsuchtsorte, nach Madrid, das er nie gesehen hat und auf Pazifikinseln, die er nie besuchen wird. Am Abend plauscht er mit seinem alten Freund im warmen Alkoholrausch. Er liebt Madrid aus der Ferne und ob er in seinem Leben, er ist schon 49, überhaupt jemals in die Stadt reisen wird, macht kaum einen Unterschied, so lebhaft ist seine Vorstellungskraft. Die Flucht vor dem Alltag gelingt aber nur fast.

Gelaschwilis Novelle ist versponnen, in einer Sprache, die angestaubt ist und wie ein Echo aus dem letzten Jahrhundert klingt. Und das ist sie auch, 1982 wurde die Erzählung in Georgien veröffentlicht, eineinhalb Jahre hatte der Chefredakteur einer Literaturzeitschrift damit gezögert. Zurecht, er verlor wegen der Geschichte fast seinen Job, die kommunistische Partei Sowjetgeorgiens wollte eine "antisowjetische Erzählung" erkannt haben. Mit keinem Wort wird in der Novelle das Regime beim Namen genannt, aber die wortreichen Beschreibungen, der Pathos des Erzählers - sie bohren sanft Löcher in den bleiernen Vorhang, den die Politik in Georgien auch über die Kultur gelegt hatte. Dem entzieht sich Litscheli mit Phantasie - bis die Realität ihn mit Gewalt einholt.

Davit Gabunia "Farben der Nacht"

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Buchcover Davit Gabunia "Farben der Nacht"

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Lisa Landau (hessenschau.de): Jede Nacht schleicht Surab an sein Fenster, um heimlich seinen neuen Nachbarn zu fotografieren. Warum? Das weiß er selbst nicht so genau. Irgendetwas an dem jungen Mann zieht ihn in seinen Bann. Praktisch, dass Surab als arbeitsloser Familienvater sowieso eher wenig zu tun hat. Umso mehr Zeit bleibt ihm für sein seltsames Hobby - bis er ein Verbrechen beobachtet.

"Farben der Nacht" von Davit Gabunia erinnert an Hitchcocks "Das Fenster zum Hof" - nur eben in georgischer Variante. Der Roman spielt in Tiflis im Sommer 2012, während sich das Land in einem harten Wahlkampf befindet.

Autor Gabunia, der in Georgien schon bedeutende Theaterpreise erhielt, gibt dem Leser in seinem Debüt-Roman einen besonderen Einblick in die Gefühlswelten seiner Figuren. Ihre Gedankenströme ziehen sich ohne Punkte oder Unterbrechungen über mehrere Zeilen. Bemerkenswert ist, wie Gabunia jeder Figur einen eigenen Sprach- und Gedankenstil verleiht. Ein kurzweiliger, spannender Roman, der einen kleinen Einblick in das Leben in Georgien gibt.

Archil Kikodze "Der Südelefant"

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Cover Archil Kikodze "Der Südelefant"

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Stephan Loichinger (hessenschau.de): Die Idee hinter dieser Geschichte wird schnell klar: Der Erzähler tastet sich einen Tag lang von einem Außenbezirk langsam hinab ins Zentrum der georgischen Hauptstadt Tbilissi, um sich gleichsam dem Kern, der Seele, dem Wesentlichen der georgischen Gegenwart zu nähern.

Der Erzähler wird zu der scheinbar ziellosen Wanderung gezwungen, weil er seine Wohnung einem Freund überließ, der dort eine Affäre trifft. Und was macht Archil Kikodze daraus? Überhaupt nichts. "Der Südelefant" - so heißt eine Mammutart - ist eine Aufzählung von Straßennamen und Namen von Bekannten des Erzählers, deren Figuren Kikodze nicht einmal ansatzweise mit Leben füllt. Es ist eine Aneinanderreihung von kurzen Straßenszenen und Erinnerungen, die nichts miteinander zu tun haben und kein bisschen spannend sind.

Es gibt einen Erzähler, aber der erzählt weniger als ein Telefonbuch. Einmal schildert er über fünf, sechs Seiten hinweg, wie er sich durch eine Bildergalerie auf der Facebook-Seite seiner Tochter klickt. Sie urlaubt gerade in Israel und Jordanien. Wozu? Wen soll das zum Weiterlesen bewegen? Warum präsentiert sich das Buchmessengastland Georgien mit so einem Langeweiler in Frankfurt?

Es ist völlig unverständlich, was der erfahrene Übersetzer Martin Büttner und die Erfolgsautorin Nino Haratischwili in diesem Gegenwartsroman sehen, den sie ins Deutsche übertrugen. Haratischwilis für den Deutschen Buchpreis nominierter 750-Seiten-Wälzer "Die Katze und der General"“ ist vom ersten Wort an Literatur, die den Leser packt. Das 250-Seiten-Bändchen "Der Südelefant" ist leider eine einzige Leerstelle.

Lewan Berdsenischwili "Heiliges Dunkel"

Cover Lewan Berdsenischwili "Heiliges Dunkel"
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Sophia Averesch (hessenschau.de): Es müssen wohl die schwierigsten Jahre seines Lebens sein – und doch wirken Lewan Berdsenischwilis Erinnerungen an seine Zeit als politischer Häftling in einem Gefangenenlager der Sowjetunion nicht so dunkel, wie man erwartet. Es sind seine Mithäftlinge aus der politischen Zone des Lagers, die ihn die traumatische Zeit überstehen lassen - trotz unzähliger Tage und Nächte im "Schiso", einer Isolationszelle, dem quälenden Hunger und der ständigen Bedrohung durch den Lauf einer Kalaschnikow.

Verpackt in einer fiktiven Rahmengeschichte widmet Lewan Berdsenischwili in "Heiliges Dunkel - Die letzten Tage des Gulag" jedem seiner fünfzehn Leidensgenossen aus der politischen Zone - oder wie Berdsenischwili schreibt - "unserem geliebten SH-CH 385/3-5" - ein eigenes Kapitel.

Absurde Alltagsgeschichten aus dem Gulag treffen auf bewundernswerte Bemühungen der Insassen, dem sowjetischen Regime selbst aus dem Lager noch zu trotzen. Schnell begreift man, wer dort im Lager zusammengefunden hat: Eine geistige und wissenschaftliche Elite, die der Sowjetunion kurz vor Anbruch der Perestroika unbequem wurde und mit dem Zusammenbruch des Systems noch wichtige Ämter in ihren Heimatnationen einnehmen wird.

Sie alle teilten das gleiche Schicksal: "Verhaftung wegen 'Antisowjetischer Agitation und Propaganda'". Aus Überzeugung zur Demokratie wurde auch Berdsenischwili von 1984 bis 1987 inhaftiert. Erst im letzten Kapitel kommt der Erzähler, Lewan Berdsenischwilis selbst, auf sich zu sprechen. War er zur Zeit seiner Verhaftung noch Direktor der georgischen Nationalbibliothek und Dozent für antike Literatur, so ist er seit 1996 einer der Führer der Republikanischen Partei Georgiens und Mitglied des georgischen Parlaments.

"Heiliges Dunkel" ist ein Stück Zeitgeschichte, anders erzählt und so detailgetreu, dass ein gewisses Vorwissen zur Sowjetunion und der Ära Gorbatschows vorausgesetzt wird. Der Autor schreibt sarkastisch, seine Erinnerungen an die Zeit sind immer noch gestochen scharf.

Sie interessieren sich für weitere Bücher aus dem Ehrengastland Georgien? Dann gibt es hier weitere Lesetipps. Tipps zu und Kinder- und Jugendbüchern aus Georgien finden Sie hier.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, Mo bis Fr, 6.05 bis 9.30 Uhr