Drei verschiedene Buchcover von Kinder- und Jugendbüchern aus Georgien
Bild © Edition Orient, Lauinger Verlag

Kinderbücher aus Georgien sind hierzulande völlig unbekannt. Kein Wunder, denn nur wenige wurden bislang übersetzt. Im Zuge des Ehrengast-Auftritts hat sich das geändert und Fans von Märchen kommen voll auf ihre Kosten.

Tatia Nadareischwili "Schlaf gut"

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Cover "Schlaf gut" Tatia Nadareischwili

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ein Buch, in dem es viel zu gucken gibt.

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Einschlafen, das ist gar nicht so einfach. Der kleine Junge in "Schlaf gut", hat seine liebe Not am Abend zur Ruhe zu kommen. Er macht sich auf den Weg zu einem Abendspaziergang, bei dem ihm viele Tiere begegnen. Und jedes von ihnen hat seine Schlafbesonderheiten und somit auch spezielle Einschlaftipps.

Den Kopf unter das Gefieder stecken wie ein Vogel, sich mit Händen und Füßen an einem Baum hängen wie das Faultier oder mit dem Rücken aufs Wasser legen wie der Fischotter. Der Bub beherzigt alle Tipps, doch mit dem Einschlafen will es einfach nicht klappen. Allerdings ist sein Ausflug durch die Schlafgewohnheiten der Tierwelt so anstrengend, dass er am Ende doch erschöpft wegdöst.

"Schlaf gut" von Tatia Nadareischwili ist nicht nur ein lehrreicher Ausflug ins Reich der Tiere, sondern auch eine Stippvisite in die Sprache und Schrift Georgiens. Das Buch ist zweisprachig gehalten. Der georgische Text mit seinem wie gemalten Alphabet zieht sich in Bögen und Schleifen durch die Zeichnungen. Die deutsche Übersetzung von Rachel Gratzfeld findet im unteren Buchbereich seinen Platz.

Die großformatigen Bilder werden von klaren Linien beherrscht - Karomuster sind auch in der Tierwelt als Schlafanzugstoff enorm beliebt. Ein Bilderbuch, das auf allen Ebenen richtig viel Spaß macht.

Diverse "Der König, der nicht lachen konnte - Märchen aus Georgien"

Cover: Märchenbuch "Der König, der nicht lachen konnte"
Bild © NordSüd-Verlag

Die georgische Literatur ist reich an Märchen und Mythen, die hierzulande jedoch gänzlich unbekannt sind. Noch - denn mit der Märchensammlung "Der König, der nicht lachen konnte", könnte sich das durchaus ändern. Für den Sammelband wurden 21 Märchen neu übersetzt und illustriert. Die Besonderheit: Nicht ein Illustrator hat den kompletten Band bebildert, sondern 14 Künstlerinnen und Künstler waren am Werk. Das führt dazu, dass die Bebilderung von Märchen zu Märchen wechselt und in Stil und Farbgebung für Überraschungen sorgt.

Entstanden sind ganz zauberhafte Zeichnungen von großer Vielfalt: von Scherenschnittoptik über Expressionismusanlehnung bis hin zur Comicanmutung. Schon das macht diesen Märchenband zum Erlebnis. Wenn man sich nach einem ersten optischen Eindruck dann auch noch an die Geschichten macht, wird es - wie so oft im Märchen - brutal, wild und schaurig schön. Fabeltiere, böse Stiefmütter, Gegenstände, die wundersame Dinge können oder verzauberte Schlangenmenschen, die junge Helden verführen. Geboten wird das volle Programm, das wir auch aus deutschen Märchen kennen. Ein Glossar hilft dabei, mit fremden Begrifflichkeiten besser klar zu kommen. Diese Kurzanmerkungen hätten dabei gerne umfangreicher sein können, da man besonders im Bereich der Zahlensymbolik an einigen Stellen recht hilflos dasteht.

Tea Topuria "Land unter im Zoo"

Cover Land unter im Zoo
Bild © Edition Orient

Im Juni 2015 ist es im Zoo von Tiflis zu einer Überschwemmung mit schrecklichen Folgen gekommen. Drei Menschen starben, rund 300 Tiere verloren ihr Leben. Eine solche Katastrophe in ein Bilderbuch zu packen, scheint im ersten Moment eine abstruse Idee. Doch Autorin Tea Topuria und Illustratorin Sonia Eliaschwili ist es gelungen, aus der Geschichte ein wundervolles Kinderbuch zu machen. Die dramatischen Folgen bleiben in dem Buch außen vor, doch dass die Tiere um ihr Leben kämpften und an merkwürdigen Stellen in der ganzen Stadt auftauchten, wird sehr eindrücklich geschildert.

Die künstlerische Freiheit erlaubt es selbstverständlich, auch heitere Geschichten zu erfinden, wie und wo es überall zu unvorhergesehenen Mensch-Tier-Begegnungen kommt. Die großflächigen Zeichnungen sind farbenfroh und schnörkellos. Noch eine Besonderheit: Das Buch "Land unter im Zoo" gibt es entweder in der deutschen Version, oder aber mit deutschen und georgischen Texten. Da die georgische Schrift alleine schon ein Hingucker ist, lohnt sich die bilinguale Variante durchaus auch für Menschen ohne Georgischkenntnisse.

Bondo Matsaberidze "Das Märchen von Bekna und Tekla"

Cover Bondo Matsaberidze Das Märchen von Bekna und Tekla
Bild © Drava

"Das Märchen von Bekna und Tekla" müsste streng genommen "Die Märchen von Bekna und Tekla" heißen, denn die beiden Protagonisten haben nichts miteinander zu tun, es sind zwei voneinander unabhängige Geschichten. Da ist zum einen der kleine Junge Bekna, der so gerne groß sein möchte. Als Held will er gegen Ungeheuer kämpfen und Drachen besiegen. Einziges Problem: Er findet leider keine Gegner, die seinen Vorstellungen entsprechen.

Doch vielleicht hat der Wald ja was Spannendes zu bieten. Da gibt es geheimnisvolles Blätterrascheln und Hühner, die sich vor dem Fuchs fürchten. Dem geigt Bekna dann mal schön die Meinung, dabei fürchtet der Fuchs sich seinerseits doch vor dem Bären. Auf seinem Weg bekommt Bekna einige Aufgaben aufgetragen, um sich zu bewähren und merkt dabei gar nicht, dass er eine Heldentat nach der anderen vollbringt. Sprachlich sind die "Märchen von Bekna und Tekla" nicht ganz einfach, es gibt relativ viel Text und die Altersangabe ab drei Jahren ist sicher recht ambitioniert. Die Zeichnungen hingegen sind altersgerecht, sehr reduziert und lassen Raum für viel Phantasie.

Orbeliani/Mchedlischwili "Die Weisheit der Lüge. Legenden, Mythen und Fabeln"

Cover Weisheit der Lüge
Bild © Edition Orient

Wer die Märchen aus 1001 Nacht mag, sollte einmal zu diesem ganz besonderen Buch greifen. "Die Weisheit der Lüge" ist ein 300 Jahre altes Buch, das aber dennoch eine gewisse Aktualität mitbringt. Es ist eine Sammlung von Fabeln, Märchen und Geschichten, die Sulchan-Saba Orbeliani (1658 bis 1735) miteinander in einer Rahmenhandlung verknüpft hat. Insgesamt sind es 152 Stücke, einige nur wenige Zeilen lang, deren Ursprung teils bis in die Antike zurückreicht.

Verpackt sind die Geschichten rund um das Thema Erziehung in ein Gespräch zwischen König, Wesir, Prinz, Erzieher und Eunuch - typische Protagonisten dieser Zeit. Dennoch ist es amüsant zu lesen. Es erinnert ein wenig an ein Familientreffen, bei denen das Gespräch um ein Thema kreist und Onkel Horst einwirft "Ach, dazu fällt mir noch eine Geschichte ein" und Tante Trude erwidert "Na, aber wisst Ihr noch damals, da war das doch so und so." Ein Glossar hilft, unbekannte Begriffe zu verstehen. Bebildert ist das Buch im Graphic-Novel-Stil, der durchgehend in schwarz-pink gehalten ist. Von cool bis bisschen gruselig ist alles dabei - absolut sehenswert.

Giorgi Kekelidze "Tomas Märchen"

Cover Tomas Märchen
Bild © Lauinger Verlag

Toma möchte auf gar keinen Fall erwachsen werden, denn er will nicht so beschäftigt sein wie seine Mutter, oder so voller Sorgen wie die Großmutter. Die Eule Taubohr verspricht ihm, die Zeit aufzuhalten und zeigt ihm einen Weg, wie er für immer ein Kind bleiben kann. Es gibt da nämlich eine Schule mit Namen "Kind bleiben für immer und ewig". Nachdem Toma dort die Aufnahmeprüfung bestanden hat, wird er zum Zwerg. Wer nun glaubt, Zwerge tragen lustige Zipfelmützen und sind leicht als solche zu erkennen, wird in Tomas Märchen eines Besseren belehrt.

"Tomas Märchen" ist eine schöne Geschichte, in der man witzigen Figuren begegnet. So zum Beispiel der Königin Purzelbaum in der Kopfüberwelt oder dem grünbesockten Wörterschlucker. Die Phantasiereise ist für 4-Jährige möglicherweise noch ein wenig zu anspruchsvoll und Eltern sollten sich vorab schon einmal erkundigen was Chatschapuri sind und das Rezept für die georgischen Teigtaschen bereitlegen. Die kann Tomas Oma nämlich so lecker backen, dass man gerne kosten möchte. Die Illustrationen von Salome Khotivari sind farbenfroh, dabei gleichzeitig filigran. Blätterranken ziehen sich von Seite zu Seite, überall sind kleine Wichtel versteckt und führen durch die Geschichte. Ein außergewöhnliches Buch, das zu einer Phantasiereise einlädt.

Bondo Matsaberidze "Bussi und Thussi"

Cover Bussi und Thussi
Bild © Drava

Hinter "Bussi und Thussi" versteckt sich ein kleiner Sammelband mit vier wundervoll bebilderten Geschichten. Da sind zum einen die Nachbarsmädchen Bussi und Thussi, die eines Tages jedes ein weißes Kaninchen geschenkt bekommen. Schlecht nur, dass man die beiden Langohren nicht gut auseinanderhalten kann. Das muss ja zu Problemen führen.

Im Dorf Dreipilzhausen am Fuße einer alten Eiche hängt der Haussegen schief. Die drei Pilze schnattern und schwatzen so viel, dass die Eiche genervt mit Eicheln wirft. Das wiederum finden die drei Pilz-Schwestern gar nicht gut und beschließen, für immer auf die Eiche böse zu sein. Der Baum versucht noch, sich mit den drei zänkischen Weibern zu versöhnen, aber vergebens. Als Holzfäller den Baum im Winter fällen, scheint die Geschichte ein trauriges Ende zu nehmen.

Dreijährige haben sicher Freude an den farbenfrohen Bildern, die die Geschichten begleiten. Empört guckende Pilz-Mädchen mit lustigen Hüten, Bussi und Thussi in knalligen Kleidchen und wilde Blumenmischungen. Die tiefere Bedeutung der Märchen, dürfte selbst manchem Erwachsenen Probleme bereiten.