Weder West noch Ost, weder Orient noch Okzident: Georgien war schon immer "irgendwie dazwischen" und trotzdem mittendrin. Aktuell orientiert sich der Buchmesse-Ehrengast an Europa. Doch auch die Einflüsse Chinas, Russlands und aus Nahost sind im Alltag deutlich spürbar. Ein Reisebericht.

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Es geht einfach nicht voran. Die Kreuzung ohne Fahrbahnmarkierungen ist dicht: Silberne Mercedes-Limousinen, asiatische Kleinbusse in knalligem gelb und sowjetische Kleinwagen mit rostigen Beulen stehen schon Stoßstange an Stoßstange. Da drängelt sich auch noch ein Lastwagen mit georgischem Kennzeichen und deutscher Schrift auf der Plane in die stehende Masse - mit einem Fahrmanöver, wie man das sonst nur aus südlichen Ländern kennt.

Stillstand zur Rush-Hour in Tiflis: Deutsche Autos, gelbe Kleinbusse und nichts geht mehr.
Stillstand zur Rush-Hour in Tiflis: Deutsche Autos, gelbe Kleinbusse und nichts geht mehr. Bild © Marcus Pfeiffer

Schon gleich nach der Ankunft in der Hauptstadt Tiflis wird klar: In Georgien treffen die Einflüsse verschiedenster Regionen der Welt aufeinander. Kein Wunder. Das Land gilt traditionell als Schnittstelle zwischen den Kontinenten, Himmelsrichtungen und Hemisphären. Und als eine kaukasische "Insel". Es liegt mittendrin - zwischen West und Ost, Orient und Okzident sowie neuerdings wieder zwischen Fernost und Nahost.

Nicht nur über Handelsrouten, wie die alte Seidenstraße, kamen Menschen und Gebräuche nach Georgien. Sondern auch über die unterschiedlichen politischen Zugehörigkeiten des Landes. Ab 65 vor Christus war es Teil des Römischen Reiches. Im 7. Jahrhundert fielen die Araber ein. Immer wieder waren auch die Perser, Mongolen und Türken hier. Im Jahr 1793 wurde Georgien russisch - und blieb es bis zur Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991. All das hinterließ Spuren.

Tiflis ist quirlig. Und das nicht nur im Verkehr. In der größten Stadt Georgiens lebt knapp eine Million Menschen. Gut ein Viertel aller Georgier. Wenn sie sich unter der Woche nicht in den Staus der Rushhour anstellen, kommen die Einwohner gerne ins Stadtzentrum. Vor allem am Wochenende strömen sie in die historische Altstadt mit ihren engen Gassen und gut erhaltenen Baudenkmälern. Zum Bummeln, zum Anstoßen mit dem berühmten georgischem Wein oder sogar: zum Baden.

Im Bäderviertel von Tiflis gab es mal mehr als 60 Bäder. Heute sind es noch knapp zehn.
Im Bäderviertel von Tiflis gab es mal mehr als 60 Bäder. Heute sind es noch knapp zehn. Links liegt das Königsbad. Auf der rechten Seite das einzige oberirdische Bad, das im persischen Stil gehalten ist. Bild © Marcus Pfeiffer

Denn quirlig sind auch die heißen Bäder, denen die Stadt ihren Namen verdankt. Auf Georgisch heißt Tiflis nämlich so viel wie "warme Quellen". Der Legende nach soll der Stadtgründer, König Wachtang Gorgosali, im 5. Jahrhundert zufällig beim Jagen auf zahlreiche Schwefel-Quellen gestoßen sein. Angeblich fiel ein Fasan in eine dieser Quellen und wurde darin gekocht. Danach entschied der König, genau an dieser Stelle eine Stadt zu errichten: Tiflis.

Über viele Jahrhunderte hinweg waren später dann heiße Schwefelbäder nach persischem Vorbild der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Stadt. Im 13. Jahrhundert sollen es rund 65 Bäder gewesen sein. Hier wurden Freundschaften gepflegt, Neuigkeiten ausgetauscht und Geschäfte gemacht. Manchmal sogar den ganzen Tag lang. Ein Status, den die verbliebenen Bäder bis heute noch nicht ganz verloren haben.

Abanotubani heißt das schmucke Bäderviertel im Zentrum von Tiflis. Wer hier durchschlendert, sieht sie sofort: die bienenstockförmigen Kuppeln des Königsbades. Von frühmorgens bis spät in die Nacht können hier einzelne Bäderkabinen gemietet werden. Ein Bad in der Wanne mit dem kohlensäurehaltigen Wasser soll bei Osteoporose, neurologischen Störungen oder Hautproblemen wahre Wunder wirken.

Blick auf den Berg mit der Festung Narikala.
Blick auf den Berg mit der Festung Narikala. Hoch kommt man am besten per pedes oder mit der Seilbahn. Bild © Marcus Pfeiffer

Beim weiteren Erkunden der Innenstadt zeigt sich: Auch die Kirchen künden von den verschiedenen Einflüssen in Georgien. Zum Beispiel die georgisch-orthodoxe Antschischati Basilika, die älteste Kirche der Stadt. Sie stammt aus dem 6. Jahrhundert. Ihr Torbogen ist im arabischen Stil gebaut. Und die Zionskirche, heute Hauptsitz des georgischen Patriarchen, wurde damals nach dem Einfall der Perser für begrenzte Zeit in eine Moschee umgewidmet.

Viele Touristen und Einheimische sind sich einig: Eine der besten Aussichten auf die Altstadt hat man von der mittelalterlichen Festung Narikala. Sie thront auf einem Bergrücken hoch über der Stadt. Wer mag, kann die Steigung dorthin zu Fuß bewältigen. Beim Marsch durch die engen Gassen und über die steilen Treppen lässt sich die quirlige Atmosphäre von Tiflis bei jedem Schritt aufsaugen. Einfacher und schneller geht es seit 2012 mit der Seilbahn.

Blick vom Berg auf die Stadt
Blick vom Berg auf die Stadt: Klar zu sehen sind die unterschiedlichen Bauepochen. Von den Altbauten über Plattenbauten bis hin zu den Hinterlassenschaften Sakaschwilis. Bild © Marcus Pfeiffer

Beim Blick von oben künden aber nicht nur die Gebäude der Altstadt und die Plattenbauten rundherum von der bewegten Historie Georgiens. Mehrere moderne Bauten lassen tief in die jüngere Geschichte blicken. Der frühere Präsident Micheil Saakaschwili hat sich mit mehreren markanten Gebäuden verewigt.

Es sei so viel gebaut worden wie in acht Jahrhunderten nicht, sagt Saakaschwili gerne selbst über seine architektonischen Hinterlassenschaften von 2004 bis 2013. Zum Beispiel der Präsidentenpalast, der mit seiner markanten Kuppel aus Glas und Stahl an den Reichstag in Berlin erinnert.

Blick durch die engen Gassen von Tiflis auf den Präsidentenpalast, der irgendwie mit seiner Kuppel ein wenig an den Reichstag in Berlin erinnert.
Blick durch die engen Gassen von Tiflis auf den Präsidentenpalast, der mit seiner Kuppel ein wenig an den Reichstag in Berlin erinnert. Bild © Marcus Pfeiffer

Oder die futuristische "Brücke des Friedens", die sich 150 Meter weit über den Fluss Kura spannt und nachts von 30.000 LED-Lampen beleuchtet wird. Bauten wie diese sollen nicht nur ein Symbol für das moderne Georgien sein. Sie stehen vor allem für die Öffnung nach Westen und den Wunsch nach einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union.

Die futuristische Friedensbrücke ermöglicht Fußgängern den Weg über den Fluss Kura.
Die futuristische Friedensbrücke ermöglicht Fußgängern den Weg über den Fluss Kura. Bild © Marcus Pfeiffer

Genauso wie die vielen Europa-Flaggen, die sich selbst bei der Fahrt aufs Land vor jeder Polizeistation am Fahnenmast beobachten lassen. Mit jedem Kilometer Fahrt aus der Stadt heraus wird der Verkehr angenehmer. Hier draußen sind die Straßen gut ausgebaut und befestigt. Die Straßenschilder sind zweisprachig. Einmal stehen da die Ortsnamen in lateinischen Buchstaben. Und einmal in der georgischen Schrift. Die erinnert mit ihren Schnörkeln leicht an das Kyrillische.

Wer Tiflis nach Norden verlässt, nutzt die Georgische Heerstraße, eine alte Militärroute. Nur wenige Kilometer außerhalb von Tiflis liegt die Stadt Mzcheta. Deren Geschichte reicht mehr als 6.000 Jahre zurück. Im 6. Jahrhundert war sie sogar Hauptstadt. Besonders sehenswert ist die wuchtige Swetizchoweli-Kathedrale. Sie wurde im 11. Jahrhundert erbaut und war Krönungs- und Grabeskirche für die Könige.

Wenige Kilometer außerhalb von Tiflis liegt die Stadt Mzcheta. Die Swetizchoweli-Kathedrale war Krönungs- und Grabeskirche.
Wenige Kilometer außerhalb von Tiflis liegt die Stadt Mzcheta. Die Swetizchoweli-Kathedrale war Krönungs- und Grabeskirche. Bild © Marcus Pfeiffer

Weiter in Richtung Norden sind die Reisemöglichkeiten begrenzt. Von Reisen nach Südossetien und Abchasien wird abgeraten. Der schon 1992/1993 mit Unterstützung Russlands ausgetragene Konflikt um die Unabhängigkeit dieser Regionen eskalierte 2008 erneut. Seitdem sind die abtrünnigen Gebiete für den Verkehr gesperrt. Und so wird es wohl bis auf weiteres bleiben. Denn Russland verstärkt durch Militärpräsenz und Wirtschaftshilfe die Abkoppelung dieser geostrategisch interessanten Gebiete von Georgien.

Wegweiser in lateinischen und georgischen Buchstaben: Baku und Jerewan sind nicht mehr weit.
Wegweiser in lateinischen und georgischen Buchstaben: Baku und Jerewan sind nicht mehr weit. Bild © Marcus Pfeiffer

Auf dem Weg nach Süden künden Wegweiser nach Ankara und Jerewan davon, dass Europa hier am unteren Rand Georgiens ziemlich weit weg ist. Je näher die Grenze kommt, desto weniger besiedelt sind die Dörfer. Durch diese Region verläuft die alte Seidenstraße. Auf ihr wurden einst Güter vom alten China bis zum Mittelmeer transportiert. Eine glanzvolle Epoche, der man sich in der Grenzregion immer noch gerne erinnert und auf Schildern darauf hinweist.

Am armenischen Grenzort erinnert ein Schild an die glanzvolle Zeit der alten Seidenstraße.
Am armenischen Grenzort erinnert ein Schild an die glanzvolle Zeit der alten Seidenstraße. Bild © Marcus Pfeiffer

Auch das heutige China hat die Region wieder für sich entdeckt. Im Rahmen seiner "Neuen Seidenstraße"-Initiative. Georgien soll Teil des neuen Wirtschafskorridors werden, der China mit Europa verbinden soll. Zu Beginn des Jahres 2018 startete bereits ein Freihandelsabkommen. Große Infrastrukturprojekte sollen folgen. Wie zum Beispiel das nagelneue Fünf-Sterne-Hotel einer chinesischen Kette direkt am Tifliser See.

Hypermodern ist die Bauweise. Mit seiner Fassade aus Glas und Stahl hebt es sich deutlich von den umliegenden Plattenbauten aus Beton ab. Die Zimmer sind luxuriös und lichtdurchflutet. Natürlich gibt es ein chinesisches Restaurant. Aber auch einen riesigen Speisesaal, wie man das noch aus Sowjetzeiten kennt. Hier treffen sie wieder aufeinander: die verschiedenen Kontinente, Hemisphären und Himmelsrichtungen, die Georgien wohl auch in Zukunft weiter beeinflussen werden.

Die neue Seidenstraße kommt. Dieses Hotel einer chinesischen Kette ist bereits ein erster Vorbote.
Die neue Seidenstraße kommt. Dieses Hotel einer chinesischen Kette ist bereits ein erster Vorbote. Bild © Marcus Pfeiffer

Hier im Hotel geht es genauso quirlig zu wie im Autoverkehr von Tiflis: In Massen strömen chinesische Gruppen mit ihren Fotoapparaten aus den großen Reisebussen, um direkt nach einer Übernachtung weiter durch Europa zu ziehen. Russische Großunternehmen schicken ihre Mitarbeiter, die hier mehrere Tage lang ihre Kongresse abhalten. Und deutsche Touristen dinieren direkt neben Arabern in ihren langen und eleganten Gewändern.

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