Georgische Bücher - eine Frau sortiert Titel in einem Regal
Für den Ehrengast-Auftritt bei der Buchmesse wurden viele Titel erstmals ins Deutsche übersetzt. Bild © picture-alliance/dpa

Haben Sie Lust auf eine verrückte Geisterbeschwörung oder darf es eine Reise in die Literatenhölle sein? Georgien hat einige außergewöhnliche Titel im Gepäck. Hier eine kleine Auswahl.

Audiobeitrag
Halle Forum auf der Frankfurter Buchmesse

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Diese Literatur hat Georgien im Gepäck

Ende des Audiobeitrags

Zaza Burchuladze "Der aufblasbare Engel"

Cover Zaza Burchuladze Der aufblasbare Engel
Bild © Aufbau Verlag

Caroline Wornath (hessenschau.de): Wer normalerweise einige Seiten braucht, um in eine Geschichte rein zu kommen, sollte sich bei Zaza Burchuladzes "Der aufblasbare Engel" gleich mal gut anschnallen. Das junge georgische Paar Nino und Niko Gorosia hat ein bisschen Langeweile und zum Zeitvertreib startet es am heimischen Küchentisch eine Geisterbeschwörung. Eigentlich glauben die beiden nicht an Geister, aber einen Versuch ist es wert, denken sie. Und weil ihre Überlegungen immerhin so weit gehen, dass sie sich im Falle des Erscheinens ja auch mit dem Wesen unterhalten wollen, soll es ein Georgier sein.

Der einzige, der ihnen einfällt, ist der griechisch-armenische Esoteriker Georges Gurdjieff - den sie für einen Georgier halten.  Das ist dann auch schon die Stelle im Buch, an der die meisten der hiesigen Leserinnen und Leser ein Onlinelexikon bemühen werden, um herauszufinden, was es mit dem Herrn genauer auf sich hat. Wie dem auch sei, es tut einen Schlag und besagter Gurdjieff steht im Flur der Gorosias - direkt aus dem Reich der Toten. Dass das tatsächlich passiert, verwundert weiter auch niemanden. Foucault, der Hund der Gorosias freundet sich rasch mit dem etwas streng riechenden Unbekannten an und so gehen die Dinge ihren Lauf.

Entgegen der Vermutung, dass eine Geisterbeschwörung ein zeitlich begrenztes Event ist, bleibt der Untote und richtet sich bei dem Paar gemütlich ein. Doch wie das in einer WG ist, wer da wohnt, muss auch was zum Unterhalt beitragen. Gurdjieffs Idee hierzu ist leider kriminell und führt zu einer Menge Ärger. Merke: Wenn das Geld lockt, sind Menschen nur allzu leicht zu verführen, dazu reicht selbst die Kraft eines Toten noch aus. Das ist alles herrlich schräg, phasenweise aber so sprunghaft erzählt, dass es einen aus der Story rausschießt. 

Der Roman, der im Grunde eher eine wilde Ansammlung phantastischer Episoden ist, gespickt mit Kritik an dem korrupten System von Staat und Kirche, erschien 2011 im Original und sorgte in Georgien für Furore. Burchuladzes Arbeiten wurden von religiösen Fanatikern verbrannt, vom damaligen Präsidenten Saakaschwili angeprangert. Nachdem Unbekannte Zaza Burchuladze angriffen, verließen er uns seine Familie die Heimat und leben seither in Berlin. Für seinen 2017 erschienenen Flucht- und Heimatroman "Touristenfrühstück" hat Burchuladze gerade den mit 20.000 Euro dotierten "Brücke Berlin" Literatur- und Übersetzerpreis erhalten.

Ekaterine Doreulli "Geschichten aus der Erstaufnahme"

Cover Ekaterine Doreulli Geschichten aus der Erstaufnahme
Bild © Ruhland-Verlag

Sophia Averesch (hessenschau.de): Aus Sorge um ihren todkranken Neffen machte sich Ekaterine Doreulli 2015 auf nach Deutschland. In ihrer Heimat hatten die Ärzte den sieben Monate alten Jungen bereits aufgegeben. Die medizinische Versorgung in Georgien hatte versagt, doch die Ärzte gaben den beiden Frauen einen Lichtblick: In Deutschland sollte das herz- und lungenkranke Kind eine Chance haben.

Gegen eine hohe Summe - etwa das vierfache des monatlichen Durchschnittseinkommens in Georgien - organisierte ihr Kinderarzt die Einreise nach Deutschland. Während die Mutter dann im Klinikum Frankfurt um das Überleben ihres Babys fieberte, kam die Tante in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen unter. Mehrere Monate wartete die Autorin dort – wie viele andere Flüchtlinge: Sie auf die Rettung ihres Neffen, die anderen auf ein neues Leben ohne Krieg und Armut.

Im Raum 211 – ein Mehrbettzimmer für acht Personen – begegnet sie beeindruckenden Frauen, teils alleinstehend, teils mit drei Kindern. In einzelnen Kapiteln zeichnet die Autorin die vielen Begegnungen nach und schafft es, eine emotionale Nähe zu den ständig wechselnden Mitbewohnerinnen aufzubauen. Verschiedene Nationalitäten, Religionen, Kulturen, Altersgruppen und Sprachen treffen im Zimmer aufeinander – und doch haben die Frauen etwas gemeinsam. Sie teilen die Sorgen um die Verwandten und ihre Heimat, die traumatisierenden Erinnerungen an die Flucht und die ständig über ihnen schwebende Angst, abgelehnt zu werden. Die Fluchtgeschichte scheint die verschiedenen Frauen zu verbinden.

Doreullis "Geschichten aus der Erstaufnahme“ geben eine andere Perspektive auf die Geschehnisse aus dem Jahr 2015 – und zwar die von innen. Während die Flüchtlinge in der Erstunterkunft auf die Erfüllung ihres "German Dream“ warten, steht ihnen die deutsche Bürokratie entgegen – und der langwierige Prozess bis zum Asyl. "Geschichten aus der Erstaufnahme" ist definitiv ein "Buch gegen den Strich", wie es der Verlag formuliert, mit leichtem Tagebuch-Charakter. 

Beka Adamaschwili "Bestseller"

Cover Beka Adamaschwili "Bestseller"
Bild © Voland & Quist

Sonja Süß (hessenschau.de): Der erst 23 Jahre alte Autor Pierre Sonnage springt von einem Wolkenkratzer, weil er ewig sein möchte. Weil er bisher keinen Ruhm hat, glaubt er der selbstgewählte Tod würde die Ernsthaftigkeit seines Schreibens unterstreichen. Er knallt auf den Beton und landet ohne Umwege in der Literatenhölle, unter all den großen Namen, die ebenfalls tot sind und sich dort tummeln.

Beka Adamaschwili beginnt nach nur wenigen Seiten ein Verwirrspiel mit dem Leser, voller Rätsel und berühmten Zitaten der europäischen Literatur. Er verstrickt dabei so viele Ebenen, in denen Pierre wandelt, dass der Leser früh aufgeben muss, überhaupt noch nach Logik und Sinn zu fragen. Lässt er sich darauf ein, beginnt die Reise durch die Literatenhölle - mit dem Kleinen Prinzen, Dante, Hemingway, Agatha Christie ...

Dabei lässt Adamaschwili den Lesern überhaupt nur zwei Optionen: Man findet das Buch amüsant, oder überhaupt nicht komisch. Gehört man zu Letzteren, wird die Lektüre schwer. Die Überzogenheit, die überhaupt nicht subtile Ironie, die bisweilen noch mit einer Fußnote versehen ist, in der der Autor, immer bezeichnet als "der Autor" in Klammern darauf hinweist, dass es sich um Ironie handelt oder der gemachte Witz wird nochmal erklärt und auch das soll wieder selbstironisch sein.

Oder die ständigen Referenzen zu berühmten Schriftstellern, die dem Leser stets mit voller Wucht aufs Auge gedrückt werden. Kurz, wer sich nicht von Beginn an auf den Humor und die gewollte Absurdität einlassen kann, ist schon nach wenigen Seiten verloren. Die anderen sind womöglich gut unterhalten.

Goderdsi Tschocheli "Der scharlachrote Wolf"

Cover Goderdsi Tschocheli "Der scharlachrote Wolf"
Bild © Frankfurter Verlagsanstalt

Lisa Landau (hessenschau.de): Menschen, die sich in Wölfe verwandeln. Sterbende, aus denen Blumen wachsen. Und Schutzgeister, die Orte bewachen. All das taucht im Roman "Der scharlachrote Wolf" auf. Doch was ist real? Was eine Sage?

Luka, ein junger Schauspieler, kehrt der Stadt Tiflis den Rücken und möchte wieder in seinem Heimatdorf in den Bergen im Großen Kaukasus leben. Als er sich auf dem Weg dorthin durch den Wald schlägt, begegnet er Tevdore, der ihm in seiner Hütte Zuflucht gewährt. Er erzählt Luka, dass er wie viele andere Menschen eine Zeit lang als Wolf gelebt hat. Die Wölfe sind bösartig, hinterlistig, voller Missgunst und verbergen sich oft hinter einer Menschengestalt. 

Der Roman besteht hauptsächlich aus Erzählungen und Erinnerungen von Luka und Tevdore. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Sagen, Mystik und Realität. Es ist spannend zu lesen, wie es Goderdsi Tschocheli (1954–2007) gelingt, durch den Wolfsmenschen-Vergleich unterschwellig die sowjetische Gesellschaft und ihre Moral zu kritisieren. Denn als er den Roman 1983 schrieb, bestrafte das Sowjetregime jeden, der Kritik am Regime äußerte.

Abgesehen davon besticht der Roman durch großartige Schilderungen der Natur, der rauen Berge und des harten Winters im Großen Kaukasus. Denn Tschocheli weiß genau, wovon er schreibt: Er selbst stammt aus dem gleichen, kleinen Dorf in den Bergen wie seine Hauptfigur Luka. 

Nino Haratischwili "Die Katze und der General"

Cover Nino Haratischwili "Die Katze und der General"
Bild © Frankfurter Verlagsanstalt

Stephan Loichinger (hessenschau.de): Wer 750 Seiten füllt, sollte besser etwas zu erzählen haben. Die georgische Erfolgsautorin Nino Haratischwili, Eröffnungsrednerin bei der diesjährigen Buchmesse und mit ihrem auf Deutsch verfassten neuen Roman im Finale um den deutschen Buchpreis, schöpft aus dem Vollen: In "Die Katze und der General" bringt sie das tschetschenische Teenager-Mädchen Nura, korrupte russische Soldaten, einen russischen Oligarchen und dessen bezaubernde Tochter, einen ehrgeizigen deutschen Journalisten und eine georgische Schauspielerin auf Sinnsuche unter.

Immer enger strickt sie die Maschen, die die Hauptfiguren aneinanderbinden, als walte hier das Schicksal. Dabei ist es natürlich in erster Linie der Konstruktionswille der Autorin. Dass er sich im Lauf der Handlung zunehmend zeigt, trübt den Lesespaß ebenso wie der Hang Haratischwilis zum Psychologisieren: Ständig spüren die Figuren sofort und erahnen schon aus den Augenwinkeln, was in ihrem Gegenüber vor sich geht und was sie geformt hat.

Audiobeitrag
Autorin Nino Haratischwili

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Am Tisch mit Nino Haratischwili

Ende des Audiobeitrags

Die Tochter des Oligarchen ist rein wie ein Engel und in ihrem unschuldigen Streben nach Wahrheit kompromisslos. Der Oligarch Alexander Orlow selbst ist ein Mann, der kein Nein duldet, alles bekommt, was er will, schlau ist wie die Raben und unbezwingbar wie ein Bär - selbstverständlich hat er sich sozusagen selbst neu erfunden, in nur einer Nacht, zugegebenermaßen einer Nacht mit dramatischem und traumatischem Verlauf. Auf die Dauer - 750 Seiten! - wirkt das recht hölzern und zu sehr in Schablonen gepresst.

Dass Haratischwili ihre Romanhandlung in der Nach-Perestroika-Zeit und Zeit des ersten Tschetschenienkriegs Mitte der 1990er beginnen lässt und nach Art einer griechischen Tragödie (wie nebenbei zitiert sie Sophokles) 20 Jahre später in einem Tribunal enden lässt, um alle historische Schuld zu sühnen, überlädt die Konstruktion ein klitzeklein wenig. Sicher, Orlow will, dass der Tod seiner Tochter nicht umsonst war und dass die Gruppenvergewaltigung des tschetschenischen Mädchens unter seiner Beteiligung vergolten wird. Gut möglich, dass durch die Ähnlichkeit der Schauspielerin mit Nura bei Orlow die Vergangenheit unwiderstehlich die Gegenwart überlagert. Aber muss die Schauspielerin dann gleich von jetzt auf gleich vollends in ihrer Rolle als Nura-Double aufgehen, obwohl ihr das durchaus gefährlich werden kann, Sinnsuche hin oder her?

Am anschaulichsten und berührendsten gelingen Haratischwili das erste Kapitel, in dem sie Nura einführt, und die Schilderung der brutalen Vergewaltigung sowie ihrer Vorgeschichte. Interessanterweise kommt dort - in dem tschetschenischen Tal, wo alles beginnt und endet - die Erzählung am freiesten und weitesten zur Geltung. Aber das mag genau das Paradox sein, um das es diesem Roman unterschwellig geht.

Sie interessieren sich für weitere Bücher aus dem Ehrengastland Georgien? Dann gibt es hier weitere Lesetipps. Tipps zu Kinder- und Jugendbüchern aus Georgien finden Sie hier.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, Mo bis Fr, 6.05 bis 9.30 Uhr