Lesende Menschen auf einem Teppich in Comic-Anmutung - darüber der Schriftzug Der Traum in uns - Frankfurter Buchmesse 2019 Ehrengast Norwegen

Ein One-Night-Stand mit Folgen, ein dunkles Familiengeheimnis in einem Hotel hoch in den Bergen und Dramen rund um Ehe und Familie. Literatur aus Norwegen ist mitreißend und manchmal rätselhaft bis skurril. Hier eine Auswahl zum Kennenlernen.

Monica Isakstuen "Elternteile"

Ulrich Sonnenschein (hr2-kultur): "Ich weiß, es ist kein Wettkampf. Aber ich will ihn gewinnen", denkt Karen, die sich nach drei Jahren Ehe von ihrem Mann scheiden lässt. Ab jetzt ist sie nur noch "Teilzeitmutter" für die dreijährige Tochter Anna. Sie sieht ihre Tochter nur noch jede zweite Woche und muss fortan an allen Fronten kämpfen: Gegen die Erwartungen der Gesellschaft, gegen Ratschläge, Vorwürfe und Schuldgefühle - doch vor allem kämpft sie gegen sich selbst. Karen ist es unmöglich zu trauern, weil sie diejenige war, die gegangen ist und jetzt die Trennung nicht als Verlust empfinden darf.

In diesem Zwiespalt denkt Karen über sich und ihr Leben nach. Sie schreibt eine Art Tagebuch, bestehend aus fragmentierten Reflexionen und Erinnerungen. In kurzen Episoden schreibt sie über die Erlebnisse und Gefühle, die die Trennung hervor rufen. Offen, sensibel und immer wieder komisch wird die innere Auseinandersetzung einer geschiedenen Mutter skizziert. Monica Isakstuen verzichtet dabei auf eine lineare Erzählweise und bietet dem Leser authentisch und einfühlsam die Gedankensplitter von Karen an. Der Grund für die Trennung bleibt dabei unerwähnt.

"Elternteile" hat den norwegischen Buchpreis für den besten Roman des Jahres erhalten. Der Trennungsroman hat auch eine autobiographische Ebene, erklärt Isakstuen: "Ich musste mich erst scheiden lassen, um dieses Buch schreiben zu können. Ich konnte die Gefühle abrufen, die Karen durchmacht, mit ihren Ängsten und den Schuldgefühlen." Elternteile ist ein Buch, das das Schweigen bricht, die Selbstverständlichkeit einer Trennung aufhebt und dabei immer wieder ganz nach innen schaut.

Lars Mytting "Die Glocke im See"

Ulrich Sonnenschein (hr2-kultur): "Die Glocke im See", das neue Buch von Lars Mytting, nimmt die Leser mit auf eine düstere Zeitreise ins Jahr 1880. In einem abgelegenen norwegischen Tal, hoch oben auf einem Hügel steht eine alte Stabkirche. Rund um die Kirche ranken sich Legenden, die für die Dorfbewohner blanke Wahrheiten sind. Vor jedem Unglück läuten in der Kirche die "Schwesternglocken", deren Herkunft auf einen alten Mythos zurückzuführen sind.

Innerhalb der Rahmenhandlung der Schwesternglocken gibt es eine weitere Geschichte mit zwei Polen: Die junge Astrid will mehr, als nur heiraten und Kinder kriegen - und verliebt sich in zwei Männer. Kai, der junge Pastor, will die alte Stabkirche abreißen und verkaufen, damit eine neue gebaut werden kann. Gerhard, der Architekturstudent, soll die Kirche nach Dresden überführen. Doch mit der Stabkirche würden auch die Glocken von Astrids Vorfahren verschwinden.

Autor Lars Mytting erklärt: "Die Liebesgeschichte der drei ist auch ein Bild für die Veränderungen in der norwegischen Gesellschaft. Die Charaktere verlassen die alte Welt, die praktisch seit dem Mittelalter unverändert existiert - doch während des Veränderungsprozesses geht viel verloren. Wir haben zum Beispiel fast alle unsere Stabkirchen verloren."

"Die Glocke im See" ist ein historischer Roman mit Fallstricken. So einfach durchschaut man die Analogien nicht. Doch man spürt, dass hier mehr erzählt wird, als nur eine düstere Familiengeschichte. Der Ton schwankt von hart, zu ganz einfühlsam, über witzig bis hin zu melancholisch. Wer am Ende des Buches angekommen ist, wird das zweite kaum erwarten können.

Per Petterson "Männer in meiner Lage"

Ulrich Sonnenschein (hr2-kultur): Zwei Jahre hat Petterson seinen Roman "Männer in meiner Lage" nicht angerührt. Nur wenige Kapitel schrieb er nieder, ohne eine konkrete Vorstellung zu haben, welche Richtung der Roman einschlagen soll. Entmutigt und planlos geschieht dann lange nichts, bis Petterson eine neue Lektorin bekommt. Durch diese ermutigt, schreibt er die Geschichte von Arvid Jansen weiter, eine schon aus vielen anderen Texten bekannte Alter-Ego Figur des Autors.

Arvid Jansens Ehe ist gescheitert, seine Frau mit den drei Töchtern auf und davon um sich den "Farbenfrohen" anzuschließen. So nennt Arvid die Freunde seiner Frau. Aus seinem Leben ist damit alle Farbe gewichen. Trist und grau ist der Alltag des immer noch einigermaßen erfolgreichen Schriftstellers. Doch auch seine Kinder entgleiten ihm immer mehr und so flüchtet sich der geschiedene Mann in endlose nächtliche Autofahrten, Kneipenbesuche und Frauenbekanntschaften.

Arvids Weg führt steil nach unten, er scheitert als Mann, als Vater, bis er wieder zu sich kommt und seine Verantwortung für die Töchter erkennt. Per Petterson beschreibt die Konflikte und den existentiellen Schmerz eines Mannes, der in seiner Lage die eigene Einsamkeit nicht kommunizieren kann.

"Männer in meiner Lage" ist ein Buch, in dem man sich verlieren kann. Die tiefe Melancholie, die jede Seite durchzieht und die Trauer und die Verzweiflung am Leben werden durch die Sprache gebrochen. Immer wieder gibt es skurrile Szenen und humorvolle Momente und so schafft es der Roman - trotz fehlenden Plots - zu fesseln.

Geir Gulliksen "Geschichte einer Ehe"

Stefan Sprang (hr1): Diese im Buch beschriebene Ehe ist in dem Moment gescheitert, in dem wir das Buch aufgeschlagen. Wir blicken also mit dem Erzähler zurück. Jon ist Journalist und Autor, ein moderner Mann: Er ist mit im Haushalt dabei und kümmert sich um die Kinder, damit seine Frau Timmy Karriere machen kann. Sie ist Ärztin bei den Gesundheitsbehörden.

Cover Geir Gulliksen "Geschichte einer Ehe"

Das Problem: Timmy hat einen anderen Mann für sich entdeckt. Und das passiert, obwohl eine ganz große Liebe in diese Ehe geführt hat, die auf den ersten Blick sehr perfekt wirkt. Jon beschreibt sie als "ein langes Gespräch, das 20 Jahre angehalten hat."

Alles in allem ist der Roman eine Geschichte mit vielen Fragezeichen. Doch Gulliksen liefert keine Ratgeber-Antworten, er lässt viel vom Rätsel des Scheiterns. Als Leser kann jeder seine eigene Erfahrung mit einbringen. Zumal für die Fragen: Was ist Liebe eigentlich? Und was zerstört ihren Zauber?

Der Stil ist sehr nordisch, sehr klar. Durch Jons Gedanken, aber auch durch den Sound entwickelt der Roman Gier. Hier bleibt nur großer Schmerz und die Erinnerung an viele kleine Verletzungen.

Roy Jacobsen "Die Unsichtbaren"

Ulrich Sonnenschein (hr2-kultur): Die Trilogie "Die Unsichtbaren" erzählt die Lebensgeschichte von Ingrid. Sie lebt auf einer kleinen Insel, hoch im Norden Norwegens. Zwischen Küsten, Meer und Steinen wächst sie als einzige Tochter einer fünfköpfigen Familie heran. Das Leben auf den Insel ist karg; bestimmt von harten Wintern und kurzen Sommern, in denen der Vater zum Fischen fährt und wochenlang nicht zurück kommt. Es ist ein Ort der Einsamkeit, aber auch der Freiheit, fernab der übrigen Welt.

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Cover Roy Jacobsen Die Unsichtbaren
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Im Laufe der Erzählung ist Ingrid die einzige Bewohnerin dieser Insel. Die drei in einem Band erschienen Romane umfassen gut 40 Jahre und ein ganzes Leben. In dieser Zeit wird die Welt von zwei Kriegen erschüttert. Der Erste Weltkrieg geht fast spurlos an der kleinen Insel vorbei, der Zweite Weltkrieg wird zum lebensbestimmenden Moment, als ein junger russischer Soldat auf der Insel aufschlägt. Während es im ersten Teil noch um Ingrids Jugend geht, bildet im zweiten Teil die Liebesgeschichte in den rauen Zeiten den Kern der Geschichte.

Zusammen mit dem Krieg und dem Älterwerden von Ingrid werden der Ton und die Sprache rauer, analytischer und allgemeiner. Im dritten Teil zieht Ingrid mit ihrer kleinen Tochter durch Norwegen, immer auf der Suche nach ihrem verschwundenen Geliebten. Sie trifft viele Leute und bleibt doch alleine. Die Geschichte endet mit einer bitteren Gewissheit, ohne, dass sie wirklich zu Ende erzählt ist.

Über 50 Jahre hat es gedauert, bis Roy Jacobsen die Trilogie beendet hat. Der Roman-Schauplatz ist für ihn ein besonderer: Seine Mutter stammt von solch einer kleinen Insel und auch er selbst hat das rustikale und abgeschiedene Inselleben kennen gelernt. So beschreibt er eindrucksvoll und detailliert, ohne Euphemismen und Beschönigungen und lässt die Figuren über sich selbst hinauswachsen.

Erik Fosnes Hansen "Ein Hummerleben"

Christoph Scheffer (hr-iNFO): Ein großes Hotel hoch oben in den Bergen - das klingt nach Thomas Manns "Zauberberg" und seiner mondän-dekadenten Gesellschaft. Das Hotel in Erik Fosnes Hansens Roman jedoch hat die besten Zeiten längst hinter sich. Ab und zu verirren sich noch eine Hochzeitsgesellschaft oder ein paar Ausflügler in die Herberge, ansonsten sind die Rezeptionistin und der treue Koch Jim immer öfter alleine mit dem betagten Betreiberehepaar - und mit Sedd. Das ist der jugendliche Ich-Erzähler, der hier bei seinen Großeltern aufwächst. Sedd, der das Hotel eines Tages erben soll, macht sich klaglos als Laufbursche, Küchenjunge und Fremdenführer nützlich und verinnerlicht die strengen Regeln seines Großvaters, des Hoteldirektors.

Ebenso rätselhaft wie Sedds Name ist seine Herkunft. Seine Mutter ist verschollen, über den Vater weiß er fast gar nichts. Sedd versucht das Geheimnis seiner Eltern zu ergründen, das hinter der Tür eines stets verschlossenen Hotelzimmers verborgen scheint. Doch viel bedrohlicher als die ungeklärte Herkunft ist für den Jungen der Niedergang des Hotels, dessen wahres Ausmaß der Großvater vor Familie, Mitarbeitern und Geschäftspartnern verbirgt. Da wird die Beziehung zur Familie des neuen Bankdirektors am Ort immer wichtiger, deren Tochter wiederum ein Auge auf Sedd geworfen hat.

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Cover Ein Hummerleben von Erik Fosnes Hansen
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Erik Fosnes Hansens Drama um das Hotel in den Bergen nimmt langsam Fahrt auf. Erst nach einem Ausflug Sedds mit seinem Großvater nach Oslo bekommt die Fassade Risse, immer beklemmender wird das Netz der Lügen, in das der Großvater sich verstrickt. Am Ende mag man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Erik Fosnes Hansen ist einem internationalen Publikum schon durch seinen Titanic-Roman "Choral am Ende der Reise" bekannt. Während der Frankfurter Buchmesse wird der 54-Jährige, der in Stuttgart studiert hat, für seine Verdienste um das Verhältnis zwischen Deutschland und Norwegen mit dem Willy-Brandt-Preis ausgezeichnet.

Lotta Elstad "Mittwoch also"

Christoph Scheffer (hr-iNFO): Hedda lebt in Oslo, ist 33, Journalistin - und schwanger. Doch das passt jetzt gar nicht. Denn Hedda ist in der Krise. Gerade erst hat sie ihren Job und ihre große Liebe verloren. Hedda flüchtet sich in eine Reise kreuz und quer durch Europa mit Beinahe-Absturz ihres Flugzeugs bei Sarajevo und One-Night-Stand mit einem gewissen Milo in dessen Wohnmobil in Berlin. Das Ergebnis ist die ungewollte Schwangerschaft, die Hedda - zurück in Oslo - möglichst schnell beenden will. Doch das norwegische Gesundheitswesen verlangt von ihr eine Bedenkzeit von mindestens drei ganzen Werktagen. Sie kommt ins Grübeln.

Cover Mittwoch also von Lotta Elstad

Die Geschichte von Heddas Ringen um Selbstbestimmung erzählt Lotta Elstad mit viel Tempo und Witz. Dabei ist der Roman ohne Online-Plattformen und Social Media nicht denkbar. Beziehungen werden bei Tinder geknüpft und per WhatsApp beendet. Wohnungen werden per AirBnB vermietet. Zwischendurch sortiert die Protagonistin ihre Freundschaften bei Facebook neu, schreibt Mail-Entwürfe und löscht sie gleich wieder. Wichtiger als Dialoge sind SMS-Wechsel. Die Fragen rund um die geplante Abtreibung geraten dabei in den Hintergrund. Dennoch entfaltet der Roman einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann.

Lotta Elstad, Jahrgang 1982, ist Autorin, Journalistin, Historikerin und Lektorin. "Mittwoch also" ist ihr erstes Buch, das in deutscher Übersetzung erscheint.