Leere Stühle in der Festhalle

Die persönliche Begegnungen fehlen sehr: Für Autoren, Macher und Redner ist die digitale Frankfurter Buchmesse ziemlich gewöhnungsbedürftig. Da fallen Worte wie "gespenstisch, surreal oder traurig". Etwas Positives können sie dem Ganzen aber doch abgewinnen.

Videobeitrag

Video

zum Video Digitale Buchmesse gestartet

hessenschau 19:30 Uhr vom 13.10.2020 Thumbnails
Ende des Videobeitrags

Die Hallen leer, die Gänge frei, die Türen versperrt. In der Festhalle befindet sich die ARD-Buchmessenbühne, davor leere Stühle, Kameras übertragen die Lesungen, Diskussionen und Interviews ins Internet. Die Frankfurter Buchmesse ist umgezogen: von der realen Welt in die digitale. Das tut vielen weh. Das sagen Macher und Autoren zu der außergewöhnlichsten Buchmesse, die es je gab:

Schmidt-Friderichs: "Ich bin traurig"

"Gespenstisch" findet die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, das verwaiste Gelände. Am Eröffnungsabend machte sie aus ihren Gefühlen keinen Hehl: "Ich glaube, dass es vielen Menschen heute so geht wie mir, wenn ich sage: 'Ich bin traurig'", so Schmidt-Friderichs.

"Denn heute wird mir klar, was mir in dieser Woche alles fehlen wird. An Begegnungen, die mein Verlegerinnen-Leben nicht nur schöner machen, sondern es beflügeln, ja, es ausmachen. Und nicht alles davon lässt sich in gleicher Qualität ins Netz verlegen."

Grütters: "Eine Buchmesse im Risikogebiet"

Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) fühlte sich beim Eröffnungsfestakt ohne Publikum gleich als wäre sie in einen dystopischen Roman von Margaret Atwood geraten: "Eine Buchmesse im Risikogebiet." Die diesjährige Messe war noch keine halbe Stunde alt, da sagte Grütters, sie freue sich schon jetzt auf die Buchmesse 2021 - mit Messeständen und Gastland-Pavillon, mit Empfängen und Gedränge, mit Lesungen und Diskussionen live vor großem Publikum. Auch Hessens stellvertretender Ministerpräsident Tarek Al-Wazir (Grüne) sprach von einer "surrealen" Atmosphäre in der Festhalle.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von YouTube (Video) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von YouTube (Video). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Moderator Kühn: "Irgendwo im Nirgendwo"

Als am Mittwochmorgen der erste Livestream von Frankfurt in die Welt gesendet wurde, begrüßte Moderator Ulrich Kühn "alle, die uns jetzt irgendwo im Nirgendwo zuschauen". Wie viele Menschen eine solche Buchmesse erreicht und welchen Nutzen sie für den Literaturbetrieb hat - das ist die Preisfrage des Jahres.

Boos: "Treffen, Party, kreatives Chaos fehlen"

Buchmessen-Chef Juergen Boos kann mit stattlichen Zahlen aufwarten: 4.400 digitale Aussteller aus 110 Ländern haben sich für diese "Sonderausgabe" der Buchmesse angemeldet. Aber auch er gibt zu: "Die digitale Messe ersetzt nicht die reale Begegnung." Zur Buchmesse gehörten zufällige Treffen, sich treiben lassen, Teil einer Gruppe sein, Party, kreatives Chaos in den Hallen und in der Stadt - all das fällt dieses Jahr wegen der Corona-Krise aus. Boos gibt zu, "enttäuscht" zu sein, dass am Ende von der realen Buchmesse fast nichts übrig blieb.

Auf der Haben-Seite führt er an, dass die Online-Messe mehr Menschen in aller Welt erreichen kann. Das gilt vor allem für die Fachkonferenzen. 800 Teilnehmer haben sich laut Buchmesse zum Eröffnungspanel zugeschaltet, mehr als jemals physisch in Frankfurt gleichzeitig in einem Raum saßen.

Mangold: "Situation wirkt wie ein Katalysator"

Die aktuelle Situation - also die Entwicklung hin zum Digitalen - wirke wie ein Katalysator, sagt Kritiker und Autor Ijoma Mangold als erster Gast auf der ARD-Buchmessenbühne. "Alles, was vorher in der Luft lag, wird plötzlich umgesetzt." Normalerweise könne man das Gras nicht wachsen hören, weil es so langsam wachse. Die Corona-Pandemie sei jedoch wie ein Regenguss, der das Gras in die Höhe schnellen lasse.

Videobeitrag

Video

zum Video Gesprächsrunde mit Ijoma Mangold und Verena Keßler

Thumbnail Ijoma Mangold und Verena Keßler
Ende des Videobeitrags

Nur, auf die virtuelle Vermarktung von Büchern hat die Buchmesse kein Monopol. Viele Verlage betreiben selbst Plattformen im Internet, auf denen sie bei Gesprächen oder Lesungen die Bücher ihres Hauses vorstellen.

Literaturkritiker Scheck: "Reiches Literaturjahr"

Literaturkritiker Denis Scheck spricht aus, was wohl die meisten Menschen angesichts der Corona-Krise denken: "Es ist ein verrücktes Jahr", meint Scheck, der von der menschenleeren ARD-Buchmessenbühne aus ein "Best of" seiner TV-Sendung "druckfrisch" sendet. Er fügt hinzu: "Aber es ist ein überaus reiches Literaturjahr."

Videobeitrag

Video

zum Video "druckfrisch" mit Denis Scheck

Thumbnail Denis Scheck
Ende des Videobeitrags

Viele Verlage haben Titel vom Frühjahr in den Herbst und nun wieder vom Herbst ins Frühjahr verschoben. Die Leser sind da: "Seit Ende des Lockdowns verzeichnen die Buchhändler in vielen Ländern eine deutlich gestiegene Nachfrage und können so die Minuswerte aus dem Frühjahr reduzieren", berichtet GfK Entertainment zum Buchmessenstart.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von YouTube (Video) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von YouTube (Video). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Von der sogenannten Sonderausgabe der Buchmesse soll vor allem ein Signal der Hoffnung ausgehen. Bei der Eröffnungsfeier blinkte im Hintergrund ein Flaggen-Alphabet "signals of hope" in die Welt. Der Chor des Carlsen-Verlags steuert die passende Hymne bei: "All together now" singen Mitarbeiter in den Kacheln eines Youtube-Videos.