Julia Ebner auf der ARD Bühne

Wie gelingt es Extremisten, immer neue Anhänger zu rekrutieren? Welche Rolle spielt das Internet dabei? Julia Ebner hat dazu zwei Jahre undercover in verschiedensten radikalen Gruppierungen recherchiert. Das Ergebnis: Egal ob rechtsextrem oder islamistisch - alle arbeiten mit ähnlichen Mitteln.

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Fünf falsche Identitäten hat sich Julia Ebner für ihre gewagte Recherche aufgebaut. Sie hat extremistische Fragebögen ausgefüllt und sich per Voice-Chat zu radikalen Thesen bekannt. So gelang es ihr, sich in ein Dutzend radikale Gruppierungen einzuschleusen - von Dschihadisten über Nationalisten bis hin zu Verschwörungstheoretikern. Zwei Jahre lang hat sich die Extremismusforscherin in deren Foren und Chat-Gruppen bewegt und analysiert, was dort vor sich geht.

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Julia Ebner

Julia Ebner wurde 1991 in Österreich geboren. Sie forscht am Institute for Strategic Dialogue in London. Außerdem berät sie die UN, die NATO und die Weltbank zum Thema Online-Extremismus.

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"Mir war es persönlich wichtig zu verstehen, was auf menschlicher Ebene passiert. Die sozialen Dynamiken spielen da eine wahnsinnig große Rolle", erklärte Julia Ebner am Mittwoch im Gespräch mit Thomas Ranft (hr) auf der ARD Bühne.

Ihre Erfahrungen hat sie in ihrem Buch "Radikalisierungsmaschinen - Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren" festgehalten.

Das Netz als Beschleuniger und Verstärker

"Ich habe versucht, das gesamte ideologische Spektrum abzudecken", erklärte die Autorin. Die Gruppen, denen sie sich anschloss, sind auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Die interne Funktionsweise sei allerdings sehr ähnlich, sagt Ebner: "All diese Gruppierungen und Netzwerke versuchen Ideen der Vergangenheit mit Techniken der Moderne zu verbreiten." Auch der Prozess, wie die Extremisten neue Anhänger an sich binden, sei ähnlich: Rekrutierung, Sozialisierung, Kommunikation, Mobilisierung, Angriff.

Das Internet habe dabei für eine neue Dynamik gesorgt, so Ebner. "Das Netz ist ein großer Beschleuniger und Verstärker dieser extremistischen Bewegungen." Denn Extremisten, so ihre Erfahrung, arbeiten oft mit innovativen Mitteln, können sich gut koordinieren und ihre Themen gerade über die sozialen Medien effektiv verbreiten.

"Gefühl der Kameradschaft"

Zudem seien Extremisten talentiert darin, eine enge Gemeinschaft aufzubauen. "Es hat mich erstaunt, was für einen großen Teil der Freizeit sehr viele Mitglieder in diesen Foren und Chats verbringen. Es bildet sich sehr schnell ein Gefühl der Kameradschaft oder auch Freundschaft."

Sie habe in den Foren und Gruppen Menschen aus unterschiedlichsten Altersgruppen und Bildungsschichten angetroffen. Bei vielen sei eine gewisse Art der Identitätskrise oder eine temporäre Angst deutlich geworden. Ein richtiges Profil derjenigen, die Gefahr laufen, in die Fänge von Extremisten zu geraten, gibt es laut Ebner aber nicht. Auch sie selbst sei an einen Punkt gekommen, an dem sie sich anfällig gefühlt habe. "Wir sind alle potentiell anfällig dafür."

Wege zur Deradikalisierung

Menschen wieder aus dieser in sich geschlossenen Filterblase zurückzuholen, sei schwierig. "Wir haben schon viele Deradikalisierungsinitiativen in Deutschland im Offline-Bereich", sagte Ebner. Im Online-Bereich fehlten solche Angebote aber noch. Kurz- und mittelfristig brauche es einen größeren politischen Druck, um bei den Plattformen anzusetzen und bei deren Algorithmen. Denn die priorisieren laut Ebner extreme Inhalte und schlagen diese auch den Nutzern vor, die nicht gezielt danach suchen.

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Das Buch

"Radikalisierungsmaschinen - Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren", Suhrkamp-Verlag, 334 Seiten, 18 Euro

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Entsprechende Foren oder deren Inhalte komplett zu entfernen, ist Ebners Meinung nach langfristig keine Lösung. "Extremisten finden sehr schnell neue Wege und bauen sich teilweise ihre eigenen Plattformen." Wichtig sei, bei der Bildung anzusetzen und ein Bewusstsein zu schaffen. "Es ist höchste Zeit, dass wir an den Ursprüngen ansetzen und nicht nur die Symptome bekämpfen."

Drohungen nach Recherche

Ihre Undercover-Recherchen und deren Veröffentlichung hat auch Ebner in den Fokus einiger Extremisten gerückt, die Forscherin wurde beschimpft und bedroht. Einschüchtern lassen will sie sich davon aber nicht. "Ich denke, es wäre fatal zu sagen, dass ich mich dadurch von meiner Arbeit abhalten lasse. Ich habe auch noch das Vertrauen in die Meschlichkeit – auch in die Menschlichkeit der Extremisten."