Friedenspreisträger Jan und Aleida Assmann
Friedenspreisträger Jan und Aleida Assmann Bild © picture-alliance/dpa

Sie forschen über die Vergangenheit und bereichern damit die Gegenwart: Das Ehepaar Aleida und Jan Assmann hat in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Das Preisgeld wollen die beiden verschenken.

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Sichtlich gerührt nahm das Ehepaar Aleida und Jan Assmann in der Frankfurter Paulskirche am Sonntag den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen. Das Preisgeld wollen die Forscher an drei Initiativen verschenken, die sich auf unterschiedliche Weise um Integration bemühen.

Börsenverein-Chef Heinrich Riethmüller (r) zeichnet das Forscherpaar Aleida und Jan Assmann mit dem Friedenspreis aus.
Börsenverein-Chef Riethmüller (r) zeichnete das Forscherpaar Aleida und Jan Assmann mit dem Friedenspreis aus. Bild © picture-alliance/dpa

"Dieser Preis war für uns eine überwältigende Überraschung - seit vielen Jahren verfolgen wir die Zeremonie und nie hätten wir uns diesen Seitenwechsel vom Publikum auf das Podium träumen lassen", sagte der Ägyptologe Jan Assmann vor den geladenen Gästen bei der Preisverleihung. "Wir empfinden große Dankbarkeit". Die Dankesrede des Ehepaars Assmann können Sie hier nachlesen.

Aleida Assmann: "Nicht jede Gegenstimme verdient Respekt"

Seine Frau Aleida Assmann, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, betonte in der gemeinsamen Dankesrede, dass Demokratien durch Streit und Debatten gestärkt würden. "Doch nicht jede Gegenstimme verdient Respekt", sagte sie. Es müsse einen unstrittigen Grundkonsens geben, wie Verfassung, Gewaltenteilung und die Unabhängigkeit des Rechts und der Medien. Die Demokratie lebe nicht vom Streit, sondern vom Argument.

Der Prozess des Erinnerns sei wichtiger und anspruchsvoller zugleich geworden. "Die Nation ist kein heiliger Gral, der vor Befleckung zu retten ist - Stichwort 'Vogelschiss', sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden."

"Identität entsteht nicht durch Leugnen und Vergessen"

Beschämend sei dabei allein die Geschichte, nicht aber die befreiende Erinnerung an sie, die wir mit den Opfern teilten, betonte Aleida Assmann. "Deshalb entsteht Identität nicht durch Leugnen und Vergessen."

Die Laudatio hielt der Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht, ein persönlicher Freund der Assmanns. Er stellte die "zweistimmige Lebensleistung" der Preisträger heraus und ihre unterschiedlichen Talente.

Bei dem Ehepaar sei die Leidenschaft füreinander nicht zu routinierter Partnerschaft oder Arbeitsteilung verkommen, hob er hervor. "Sie lieben sich, weil sie - auch in ihren intellektuellen Stärken und Gesten - so sehr verschieden sind, und dieses Ganz-Anders-Sein ist für sie auch im Alter ein Feuer geblieben, das dem Denken zweifache Energie gibt."

Riethmüller: "Wachhalten von Geschichte ist wichtig"

Zuvor sagte Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, dass die Assmanns wie viele Friedenspreisträger zuvor zeigten, wie wichtig die Erinnerung und das Wachhalten von Geschichte sei. Eine lebendige Erinnerungskultur schließe auch immer die Zukunft mit ein und warne die Lebenden vor Wiederholungen in der Geschichte.

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Aleida und Jan Assmann

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Für Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) könnte die Entscheidung für das Ehepaar Assmann "wichtiger nicht sein." Es sei "eine Entscheidung für klare Gedanken und eine klare Entscheidung gegen Geschichtsvergessenheit."

Ehrung für Forschungen zur Erinnerungskultur

Die beiden 71 und 80 Jahre alten Wissenschaftler wurden für ihre Forschungen zur Erinnerungskultur von Gesellschaften ausgezeichnet - vom alten Ägypten bis zur Gegenwart. Die Werke des Ehepaars seien für aktuelle Debatten "von großer Bedeutung", hieß es in der Begründung der Jury.

Friedenspreis wird seit 1950 vergeben

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Mit der renommierten Auszeichnung werden seit 1950 Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland geehrt. Im vergangenen Jahr erhielt die kanadische Autorin Margaret Atwood den Friedenspreis.

Auf dem Messegelände geht am Sonntag die 70. Frankfurter Buchmesse nach fünf Tagen zu Ende. Am zweiten und letzten Publikumstag der weltgrößten Bücherschau werden nochmals Zehntausende von Besuchern erwartet.