Jan und Aleida Assmann
Bild © picture-alliance/dpa

Nicht im Traum hätte das Forscher-Ehepaar Aleida und Jan Assmann daran geglaubt, mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt zu werden. Ihre Botschaft ist wichtiger denn je: In der Vergangenheit liegt der Schlüssel zu einem friedlichen Miteinander.

Audiobeitrag
Jan und Aleida Assmann

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das zeichnet die Assmans aus

Ende des Audiobeitrags

Aleida und Jan Assmann scheinen den Trubel um ihre Personen noch immer nicht ganz zu begreifen. Seit das Forscher-Ehepaar erfahren hat, dass es mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, hätten sich viele Dinge in ihrem Leben verändert, weiß Aleida Assmann zu berichten. "Im ersten Moment ist mir erst einmal die Spucke weggeblieben."

Bis zur offiziellen Bekanntgabe Anfang Juni mussten die Assmanns die Nachricht für sich behalten, nicht einmal ihren fünf Kindern hatten sie etwas verraten. "Erst dann wurde uns klar, dass sich in unserem Leben etwas grundsätzlich geändert hat." Plötzlich war da eine Öffentlichkeit, die die beiden so nicht kannten.

Weitere Informationen

Preisverleihung

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird am Sonntag, 14. Oktober, um 10.45 Uhr in der Frankfurter Paulskirche verliehen und wird live in der ARD übertragen. Die Laudatio hält der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Ende der weiteren Informationen

Das ist auch nicht weiter verwunderlich, weil viele Forscher, gerade in den Geisteswissenschaften, eher im Verborgenen wirken. Doch was zeichnet die Arbeit der Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und des Ägyptologen aus, dass sie nun mit dem Friedenspreis geehrt werden? Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, spricht von einer "sehr politischen und aktuellen Entscheidung" der Jury.

"Aleida und Jan Assmann arbeiten sehr stark über das Thema Vergangenheit, Erinnerungskultur und kollektives Gedächtnis. Und wir leben ja gerade in einer Zeit, die immer mehr geprägt wird von Extremisten, von Populismus und Antisemitismus." Nur wer sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetze, könne auch die Zukunft begreifen und gestalten.

Nationalismus jahrelang nur stillgestellt

Die 71 Jahre alte Aleida Assmann ist angesichts des wachsenden Nationalismus in Europa "sehr alarmiert". Während in den osteuropäischen Staaten aufgrund deren jahrzehntelanger Einbindung in den Ostblock noch sehr viel "Nachholbedarf" bestehe, sei sie aber wenig erstaunt über die Situation in Deutschland. "Der Nationalismus war hierzulande schon immer in Nischen vorhanden und nur stillgestellt."

Bildergalerie

Bildergalerie

zur Bildergalerie Die Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels

Ende der Bildergalerie

Insgesamt könne Deutschland aber zufrieden sein mit der Aufarbeitung seiner NS-Geschichte. Dafür ernte das Land international große Anerkennung. Ein ehrlicher und offener Umgang mit der Vergangenheit sei die grundlegende Bedingung für ein friedliches Miteinander.

Bei der Erinnerung an die deutsche Vergangenheit darf es nach Meinung der Wissenschaftler auch für künftige Generationen keinen Schlussstrich geben. Jeder könne über die Geschichte seiner Familie auch heute noch etwa mit Hilfe von Briefen persönlich recherchieren.

Deutschland braucht Migrationsmuseum

Deutschland müsse sein kulturelles Gedächtnis jedoch erweitern. Es sei "erschütternd", dass es hierzulande noch kein wirkliches Migrationsmuseum gebe, sagt Aleida Assmann. "Deutschland muss sich als Einwanderungsland neu erfinden."

Über die Rede, die Aleida und Jan Assmann am Sonntag halten werden, verrieten die beiden erst einmal nichts. "In unseren Augen ist der Friedenspreis eigentlich das bedeutendste kulturelle Ereignis in Deutschland." Alljährlich verfolgten sie die Preisverleihung im Fernsehen oder am Radio. "Wir haben uns allerdings nie in der Rolle derer imaginiert, die wir da bewundern."

Eine praktische Frage am Rande: Wenn zwei Personen einen Preis bekommen, wer hält dann die Rede? Am Samstag will sich das Ehepaar erst einmal einen "Einblick in die Location" verschaffen und die Platzverhältnisse unter die Lupe nehmen. "Und dann überlegen wir uns, wie wir diese Rede halten und was wir für eine Rede halten", sagt Jan Assmann und lacht verschmitzt.