Sen bekommt Friedenspreis

Video-Chat, kaum Publikum und eine Quarantäne: Bei der Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche ist einiges anders gelaufen als geplant. Der indische Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen freute sich trotzdem sehr über die Auszeichnung.

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Amartya Sen saß mit Anzug und orangefarbener Krawatte vor seiner Videokamera in den USA und lächelte. "Ich kann gar nicht angemessen beschreiben, wie sehr ich mich durch die Geste des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels geehrt fühle, mir diese wunderbare Auszeichnung zu verleihen", sagte der 86 Jahre alte Wirtschaftswissenschaftler am Sonntag per Live-Zuschaltung in der Frankfurter Paulskirche. Er konnte wegen der Corona-Krise nicht persönlich anwesend sein.

Mit dem Friedenspreis, der ihm vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gerade verliehen wurde, ist der recht bescheiden wirkende Sen nun um einen weiteren Preis reicher: Der Friedenspreis sei eng verbunden mit dem Lesen und dem Schreiben, was den Preis für ihn besonders attraktiv mache, so der indische Wirtschaftswissenschaftler. Sein Leben wäre viel ärmer gewesen, wäre seine Leidenschaft für das Lesen durch eine andere Tätigkeit verdrängt worden, so Sen. "Ich bin sehr glücklich, dass meine Gastgeber in der weiten Welt der Bücher eine kleine Ecke für mich gefunden haben."

Friedenspreis-Urkunde für Amartya Sen

Sen: "Es gibt erhebliche Einschränkungen der Meinungsfreiheit"

Bücher könnten unterhalten, aufregen und das Interesse für alle möglichen Dinge wecken, sagte der Wirtschaftswissenschaftler weiter. "Bücher helfen uns auch, miteinander zu streiten. Und nichts ist meiner Meinung nach so wichtig wie die Möglichkeit, über Dinge zu streiten, bei denen wir möglicherweise uneins sind." Wenn die Redefreiheit beschnitten werde, "können wir in dem Leben, das wir führen, schweren Schaden erleiden."

"Leider gehört die erhebliche Einschränkung der Meinungsfreiheit nicht der Vergangenheit an, und es gibt immer mehr Länder, in denen autoritäre Entwicklungen die Freiheit zu widersprechen schwieriger – oft viel schwieriger – machen als früher", so Sen. Die repressiven Tendenzen in vielen Ländern der heutigen Welt – insbesondere in Asien, in Europa, in Lateinamerika und innerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika – geben laut Sen Anlass zur Sorge. "Mein eigenes Land, Indien, gehört ebenfalls in diesen beklagenswerten Korb." Sen warnte angesichts der Corona-Pandemie auch vor einer Pandemie der Repression und des Nationalismus.

Schauspieler Klaußner vertritt Laudator Steinmeier

Die Laudatio für Sen hielt der Schauspieler Burghart Klaußner für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der sich in Corona-Quarantäne befindet. "Amartya Sen ist durch und durch Akademiker, aber sein Werk bleibt nicht akademisch", zitierte Klaußner aus Steinmeiers Rede. Der Wirtschaftsphilosoph wollte schon immer verstanden werden.

"Wir ehren einen Weltbürger", hieß es in der Rede weiter. Sen sei eine moralische Instanz. Es sei die Frage aufgekommen, ob ein Nobelpreisträger überhaupt noch einen Friedenspreis brauche. Die Antwort sei jedoch klar: "Der Friedenspreis ist die Bürgerkrone der Menschlichkeit", zitierte Klaußner. Und diese habe Sen verdient. "Sen schreibt an gegen die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten dieser Welt. Sein Human Development Index betrachtet nicht nur das Bruttoinlandsprodukt, er schaut auf das Wohlergehen der Menschen."

Friedenspreis-Verleihung in der Frankfurter Paulskirche

Steinmeier: "Demokratie ist eine weltweite Sehnsucht"

Sen setze sich für Demokratie, Gerechtigkeit und den universellen Anspruch auf Menschenrechte ein. Demokratie sei eine weltweite Sehnsucht, kein Luxus reicher Länder. Es gehe Sen ganz pragmatisch darum, konkrete und offensichtliche Ungerechtigkeiten im Hier und Jetzt zu beseitigen. "Seine Schriften haben auch meinen Blick auf die Ökonomie erweitert", heißt es in der Laudatio weiter.

An Sen gerichtet sagte Klaußner in der Paulskirche: "Sie sind uns fern und doch so nah. Ihre Ideen und Visionen überwinden jede Distanz." Amartya bedeute sinngemäß "der Unsterbliche". Und die Visionen von Amartya Sen seien unsterblich.

Schmidt-Friderichs: "Polarstern für eine gerechte Gesellschaft"

Übergeben wurde der Friedenspreis in der recht leeren Paulskirche von Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. "Je tiefer ich – von Zeile zu Zeile, von Buch zu Buch – in sein Werk eintauchte, desto sicherer wusste ich: Wir hatten nicht nach dem Preisträger des Corona-Jahres gesucht, wir hatten ihn einfach gefunden. Denn was Sen über Identität und Gerechtigkeit schreibt, schien und scheint mir ein geeignetes Fundament zu sein für den Aufbau einer besseren Welt nach Corona", sagte sie.

Sen denke als Wirtschaftsphilosoph auf der Metaebene. Aber er scheue sich nicht, das Konkrete anzusprechen: Die ungerechte Verteilung von Impfstoffen, das Erbe des Kolonialismus, ein eurozentristisches Weltbild, das die Weisheit der Welt in Teilen einfach nicht erkenne. "Sen zu lesen wurde für mich zum Radar und Resonanzraum für mein Denken und Handeln in diesem Jahr, das von Unsicherheit und Nichtwissen geprägt war", sagte Schmidt-Friderichs. "Die Lektüre von Amartya Sen kann so etwas sein wie der Polarstern für eine weltoffene, gerechte Gesellschaft."

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Sen wurde 1933 in der indischen Region Westbengalen geboren. Er forscht seit Jahrzehnten über die Folgen der Globalisierung und die Ursachen von Armut und Hunger. Für seine Theorien zur Wohlfahrtsökonomik in Entwicklungsländern erhielt er 1998 den Wirtschaftsnobelpreis.

Der Friedenspreis wird traditionell zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse verliehen. Er wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. Im vergangenen Jahr erhielt der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado den Preis.

Sendung: Das Erste, 18.10.2020, 10.45 Uhr