Bücherstapel

Sie wollen mehr über die Titel wissen, die es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019 geschafft haben? Hier finden Sie ausgewählte Buchbesprechungen und Autoren-Interviews - zum Reinlesen und Reinhören.

Raphaela Edelbauer "Das flüssige Land"

Cover Raphaela Edelbauer, Das flüssige Land

Wer Kafka mag, dem sei das Debüt der Österreicherin Raphaela Edelbauer empfohlen. Eine theoretische Physikerin reist nach dem Unfalltod ihrer Eltern in deren Heimatort irgendwo in den Bergen. Dort sind Raum- und Zeitverhältnisse auf ganz merkwürdige Weise verzerrt, denn diese Stadt ist von einem gigantischen, sich fortwährend ausbreitenden Abgrund unterwandert. In dieser Stadt gerät also ständig alles ins Rutschen.

Mit diesen permanenten Veränderungen geraten auch die psychischen Verhältnisse der etwas labilen Erzählerin durcheinander. Die Stadt wird von einem Schloss aus von einer Gräfin kontrolliert - ein Entkommen scheint unmöglich. Ein beeindruckendes Debüt einer Autorin, die mit ihrer Geschichte und Erzählweise etwas wagt. (Alf Mentzer, hr2-kultur)

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zum hr2.de Audio Literarische Entdeckungen von Alf Mentzer

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Miku Sophie Kühmel "Kintsugi"

Cover Miku Sophie Kühmel, Kintsugi

"Kintsugi" ist eine Art Kammerspiel um vier Berliner Bohemiens - ein schwules Ehepaar, ihr bisexueller Freund und dessen Tochter fahren in ein Wochenendhaus in der Uckermark. Das komplizierte Beziehungsgeflecht der vier Protagonisten aus Attraktion, Liebe und Zurückgewiesenheit zerbricht - und wird wieder zusammengesteckt. Und hier kommt "Kintsugi" ins Spiel - ein japanisches Handwerk, zerbrochenes Porzellan mit Gold wieder zu reparieren.

Exakt das passiert in dem Roman - es wird Porzellan zerschlagen, doch auf wundervolle Art wieder zusammengesetzt. Auch wenn die Spuren noch vorhanden sind, entsteht etwas Neues. In dem Roman passiert gar nicht so viel, doch man hat das Gefühl, jedes Wort stimmt und jede Atmosphäre ist ganz wunderbar getroffen. (Alf Mentzer, hr2-kultur)

Emanuel Maeß "Gelenke des Lichts"

Cover Emanuel Maeß, Gelenke des Licht

"Gelenke des Lichts" ist eine klassisch-romantische Bildungsreise eines jungen Mannes, der im Werratal aufbricht und über Meiningen nach Berlin und Oxford geht, um Künstler zu werden und seine literarische Identität zu finden. Maeß beschreibt das im Stil von Eichendorff über Jean Paul, im Wagnerstil wenn er in Berlin ist und in Oxford wird es rilkeartig. Das ist eine tolle, selbstironische und unzeitgemäße Schreibweise. Das muss man sich als Autor erst einmal trauen - mit großem Erfolg. (Alf Mentzer, hr2-kultur)

Norbert Scheuer "Winterbienen"

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Norbert Scheuer "Winterbienen"

Cover Norbert Scheuer, Winterbienen
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Eva Schmidt "Die untalentierte Lügnerin"

Eva Schmidt schreibt nicht sehr oft Bücher, aber wenn sie schreibt, ist das Ergebnis preiswürdig. In "Die untalentierte Lügnerin" kehrt Maren in ihr altes Elternhaus zurück. Sie ist in München an der Schauspielschule gescheitert, hatte einen Zusammenbruch, einen längeren Aufenthalt in der Klinik und steht nun ohne Perspektive da. In dem gut-bürgerlichen Haus der Mutter und des Stiefvaters kommt sie unter und lebt erstmal in den Tag hinein. Dort lebt Karen ein Leben, das nicht ganz in der Spur verläuft: Die Beziehung zur Mutter ist unterkühlt und als sie dann von der Affäre ihres Stiefvaters erfährt, wird der Zwang zu lügen immer größer.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Eva Schmidt "Die untalentierte Lügnerin"

Cover Eva Schmidt "Die untalentierte Lügnerin"
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Die großen Stärken des Romans liegen im Ungesagten. Mal wird kurz das Thema Missbrauch angerissen, nur, um dann nicht weiter zu thematisiert und erklärt zu werden. Der Leser darf sich seine eigenen Gedanken machen. So entfalten sich erst nach und nach die Familiendynamiken und die Lebenslinien der einzelnen Charaktere. Und auch das Lügen spielt eine große Rolle im Roman. Denn: Wer nicht lügt, fliegt aus dem gut gebauten Familienkonstrukt raus, das von außen so perfekt scheint. Letztendlich ist "Die untalentierte Lügnerin" eine Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau, die weg von Lügen und zu einer Form von Freiheit hinstrebt. (Christoph Schmidt, hr2-kultur)

Saša Stanišić "Herkunft"

In "Herkunft" darf der Leser selbst entscheiden, wie der Roman endet. Zwischen multiplen Enden kann der Leser die Geschichte von Saša Stanišić abschließen oder umlenken. In der fiktionalen Autobiographie muss der 14-jährige Stanišić vor dem Balkankrieg aus Bosnien fliehen. Er strandet in einem Vorort von Heidelberg und wird mit einer anderen Sprache und einer fremden Kultur konfrontiert. Der Autor beschreibt emotional und nahbar seine Eindrücke und Erlebnisse von der Integration in einem neuen Land und der drohenden Angst vor der Abschiebung.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Saša Stanišić "Herkunft"

Cover Sasa Stanisic Herkunft
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Auf der Suche nach seiner Herkunft führt der Weg in die Vergangenheit. Stanišić stellt sich immer wieder existenzielle Fragen über sein Dasein und erschließt sich seinen Herkunftskosmos über verschiedene Wege. Einer führt zu den Traditionen seiner Vorfahren in die Heimat. Dabei spielt besonders die Beziehung zu seiner Großmutter eine essentielle Rolle. Ein anderer Weg führt über seinen neuen Lebensmittelpunkt in Heidelberg. Spielerisch werden Fakten, Fiktion und Fantastisches miteinander verbunden - und so entsteht aus einem autobiographischen Ansatz ein Roman. Ein Highlight in diesem Bücherjahr. (Frank Statzner, hr-iNFO)

Ulrich Woelk "Der Sommer meiner Mutter"

Es ist der Sommer in 1969: In einem Kölner Vorort wohnt ein ganz normales Ehepaar mit seinem elfjährigen Sohn. Die Mutter Eva ist Hausfrau, der Vater Ingenieur, alles ist ganz bürgerlich. Bis sich Eva von ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau emanzipiert und plötzlich Jeans tragen will. Dem Sohn Tobias wird seine eigene Mutter zunehmend fremd. Und auch Deutschland ist gerade im Umbruch; es ist das Jahr der Mondlandung, der Emanzipation und des Aufbruchs.

Und die gewohnten Familienverhältnisse ändern sich schlagartig noch mehr, als neben den konservativen Kleinbürgern kommunistische Nachbarn einziehen. Der Vater ist Philosophieprofessor und sehr links, die Mutter bunt und flippig. Beide gehen oft auf Demonstrationen. Für deren Tochter Rosa - natürlich benannt nach Rosa Luxemburg - fängt Tobias sofort an zu schwärmen. Und trotz der Unterschiede freunden sich die beiden Familien schließlich an.

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zum hr2.de Audio Leselust - mit Dirk Holm aus der Jügesheimer Bücherstube in Rodgau

Dirk Holm - Bücher am Gänseeck - Rödermark
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Parallel entwickeln sich die Ereignisse der Mondlandung und der Emanzipation der Mutter. Es fängt mit einem Testflug an und schließlich spitzt sich die Handlung immer mehr zu; als die Rakete im Juli auf dem Mond landet, hat sich auch die Mutter von der Familie wegbewegt. Sie fängt an zu arbeiten, fährt ein eigenes Auto und besucht eine Vietnam-Demonstration. Der Roman schafft es, ein akkurates Sittengemälde Deutschlands von vor 50 Jahren zu zeigen und überzeugt mit einem guten Stil und viel Authentizität, der die Mentalität des Jahres 1969 einfängt. (Dirk Holm, Bücherstube Jügesheim)

Norbert Zähringer "Wo wir waren"

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Norbert Zähringer im hr2-Kulturcafé

Norbert Zähringer
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