Amartya Sen

Amartya Sen wird am Sonntag mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. Dafür muss er zu ungewohnter Stunde fit sein. Vor dem Festakt kritisiert der 86-Jährige den nationalen Weg vieler Länder – und lobt die Politik von Angela Merkel.

Der Friedenspreisträger wird am Sonntag nicht persönlich in Frankfurt erscheinen und die Auszeichnung entgegennehmen. Wegen Corona wird Sen am Sonntagvormittag trotz der Zeitverschiebung live aus den USA zugeschaltet. Der 86 Jahre alte indische Wirtschaftsphilosoph müsse "irrsinnig früh aufstehen", sagte Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Der Preisträger selbst nimmt das frühe Aufstehen natürlich gerne in Kauf – der Wecker klingelt zu echt ungewohnter Stunde. "Ich arbeite hauptsächlich in der Nacht. Normalerweise gehe ich um vier Uhr morgens ins Bett", sagte Sen mit Blick auf Sonntag. Stattdessen müsse er dann um vier Uhr aufstehen. "Das wird eine ziemliche Herausforderung."

Festakt in Paulskirche mit Bundespräsident

Die Laudatio in der Frankfurter Paulskirche hält Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Der Friedenspreis ist mit 25.000 Euro dotiert. Die ARD übertragt den Festakt am Sonntag ab 10.45 Uhr live. Sen, der 1998 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, wird als Vordenker gewürdigt, der sich seit Jahrzehnten mit Fragen der globalen Gerechtigkeit auseinandersetze. Seine Arbeiten zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit in Bezug auf Bildung und Gesundheit seien heute so relevant wie nie zuvor, heißt es in der Begründung der Jury.

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Auf einer digitalen Pressekonferenz kritisierte Sen am Donnerstagabend das egoistische Verhalten vieler Länder. Großbritannien spalte sich mit dem Brexit ab, die USA bauten eine Mauer, um Zuwanderung zu verhindern – und auch Länder wie Ungarn und Indien agierten zunehmend nationalistisch, sagte der 86-Jährige. Man sehe immer wieder Trennung und die globale Idee gehe verloren, dabei könnten die Länder voneinander lernen. "Der richtige Rahmen, um über Gerechtigkeit nachzudenken, ist global und nicht national."

Lob für deutsche Zuwanderer-Politik

Stattdessen werde versucht, Zuwanderer aus dem Land zu halten. "Deutschland hat als sehr gutes Beispiel gezeigt, besonders unter der Führung von Angela Merkel, dass es sich selbst als einen Teil der Welt sieht und die Frage stellt, was kann Deutschland tun, um anderen Ländern zu helfen."

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Pressekonferenz mit Amartya Sen (auf Englisch)
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Ob er glaube, dass die Corona-Krise die Schere zwischen Arm und Reich vergrößere? "Teilweise kann das den Effekt haben", sagte der in den USA lebende indische Wirtschaftsnobelpreisträger. Denn oft würden die Armen sehr viel häufiger unter der Pandemie leiden als die Reichen.

Wichtig sei, wie der Staat mit solchen Krisen umgehe; das habe sich auch schon in der Vergangenheit gezeigt. Beispielsweise sei die Unterernährung in Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg fast komplett verschwunden. Denn durch die Rationierung der Lebensmittel wurde jedem Essen garantiert.

Erinnerungen an Deutschland-Reise

Mit Blick auf die US-Wahl und die Politik von Präsident Donald Trump ("Make America Great Again"), sagte der in Boston lebende Sen: "Amerika nur groß zu machen, ist nicht die Lösung. Die Welt zu einer besseren zu machen, muss die Lösung sein." Er sei froh über die Kandidatur von Kamala Harris als demokratische Vizepräsidentin. Während seiner Zeit als Professor an der kalifornischen Berkeley-Universität in den 1960er Jahren habe er Harris' Eltern kennengelernt, diese hätten gute Ansichten gehabt.

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Sen erinnerte sich in dem Pressegespräch auch an eine Reise nach Deutschland in den 50er Jahren, wo er mit ein paar englischen Studenten auf einem Fest in Rüdesheim (Rheingau-Taunus) gelandet sei. Er sei bis um 4 Uhr aufgeblieben, habe viel Bier getrunken und schon damals leidenschaftlich über den Zustand der Welt diskutiert. An diesem Sonntag wird er um 4 Uhr aufstehen und den Friedenspreis digital entgegennehmen – von Müdigkeit keine Spur: "Ich freue mich drauf."

Sendung: Das Erste, 18.10.2020, 10.45 Uhr