Autor und Comedian Tim Boltz

Kalter Krieg, Eiserner Vorhang: Im Ernstfall hätten Angriffe im "Fulda Gap" begonnen - im Grenzgebiet zwischen Ost und West. Tim Boltz nimmt uns in "Zonenrandkind" mit in eine Jugend zwischen atomarer Bedrohung und Pubertätsproblemen. Witzig, skurril und nachdenklich.

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zum hr-fernsehen.de Video "Zonenrandkind" von Bestsellerautor Tim Boltz - Eine Provinzjugend in Osthessen

Hauptsache Kultur
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Tim Boltz liebt das Spiel mit Worten, den Irrwitz im Alltäglichen. Beides vereint er als Autor und Literatur-Comedian. Mit seinem Bühnenprogramm ist er im deutschen Sprachraum unterwegs. Komik findet er auch in ernsten Themen. Ausgerechnet über den Ort, der täglich an die deutsche Teilung erinnert, hat Boltz ein Buch geschrieben.

Zitat
„Wir hatten damals ja nichts - nicht einmal einen richtigen Krieg.“ Zitat von Franky Breuning, "Zonenrandkind"
Zitat Ende

Der Held seines Romans "Zonenrandkind" ist Franky Breuning. Der ist gerade mitten in der Pubertät und verloren in einem 672-Seelen-Dorf zwischen Fulda und der Grenze. Kein Fast-Food-Restaurant, kein Kabelnetz, dafür viel Achselbehaarung und verrauchte Dorfkneipen. Es ist die Geschichte über das Pubertieren eines Provinzjungen samt erster Schwärmerei - und die der Wiedervereinigung, des Mauerfalls.

Wo der Warschauer Pakt am weitesten in den Westen ragt

Tim Boltz wächst - wie Romanfigur Franky - im Zonenrandgebiet auf. Und so manches war in Osthessen anders als im Rest des Landes. Wie Franky muss auch Tim Boltz die Regeln des dörflichen Alltags lernen: "Jeden Samstag wurde ich rausgeklopft, die Jalousien nach oben gezogen und dann wurde gekehrt. Das war so der Standard: Straße kehren und dabei gesehen werden - das war mindestens genau so wichtig." Alle, die vorbei kamen, mussten artig mit "Ei Gude!" begrüßt werden.

So ganz normal war es im Zonenrandgebiet dann aber doch nicht, denn: Gullydeckel waren nicht immer Gullydeckel. Manchmal versteckte sich darunter ein Sprengschacht mit Sprengladungen, um für alle Fälle die Rote Armee aufhalten zu können. Ein schnelles Zünden sollte ein mögliches Vorrücken von Truppen verhindern. Für Tim Boltz gehörte dieses Wissen zu seinem Alltag.

Cover Tim Boltz Zonenrandkind - Eine Jugend zwischen Eisernem Vorhang und eisernen Jungfrauen

Man nahm so manches hin im Zonenrandgebiet. Tim Boltz erinnert sich zurück an die 80er Jahre. Seine Geschichten sind grotesk und doch real. Schonungslos und ehrlich beschreibt er die Dorfkneipe, in der die immer gleichen Gestalten sitzen. Die Menschen und die Landschaft gleichen sich: sie sind rau und herb.

Im "Fulda-Gap" wäre es im Ernstfall losgegangen. Tim Boltz erinnert sich an die in Fulda stationierten amerikanischen Truppen und an die Russen in Thüringen. Viele brenzlige Situationen sind ihm im Gedächtnis geblieben und er ist dankbar, dass es nie zu einem Schusswechsel gekommen ist.

Familienausflüge an die Grenze

Als Jugendlicher war er allerdings eher mit seinem eigenem Leben beschäftigt. Die Fünf im Zeugnis, die Dorfdisco - darum kreisten die Gedanken. Seine Welt war nur in eine Richtung ausgerichtet und endete an der Grenze. Von der Westseite konnte man nah an die Grenze heran und so war ein typischer Sonntag ein Familienausflug zum Eisernen Vorhang. Dort beobachtet er die Grenzsoldaten mit ihren Waffen, die Hunde, die Zäune - Point Alpha als Erlebnispark.

Am Ende wird sein Roman für ihn zu einer Art Seelenreinigung. Denn die Angst eines pubertierenden Jungen aus dem Zonenrandgebiet ist nicht immer greifbar. Man hat seine eigenen Probleme, man lebt in seiner eigenen Gedankenwelt. "Was ist schon eine imaginäre atomare Bedrohung gegen das reale Gefühl, das erste Mal verliebt zu sein?"

Als die Mauer fällt, ist Tim Boltz 14 Jahre alt. Die Grenzübergange werden geöffnet, die Straßen sind voll mit Trabbies und winkenden Menschen. Diese Momente sind im Zonenrandgebiet besonders intensiv. Viele der Bewohner fühlten sich damals wie Hybrid-Bürger: noch nicht der Osten, aber auch nicht mehr wirklich der Westen. "Man will die Grenze nicht mehr zurückhaben", sagt Tim Boltz, "aber wir bleiben Zonenrandkinder."

Sendung: hr-fernsehen, hauptsache kultur, 12.09.2019, 22:45 Uhr