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Audioseite Staatstheater Kassel ist Teil des Projekts "Kein Schlussstrich!"

"NSU-Komplex auflösen" steht auch einem Karton, der inmitten das Blumenmeer an einem Gewdenkort gestellt wurde.

18 deutsche Kulturinstitutionen arbeiten die NSU-Morde künstlerisch auf. Mit dabei ist auch das Staatstheater Kassel. Im Interview spricht Intendant Florian Lutz über politisches Theater und seine Bedeutung nach dem Corona-Neustart.

Vor zehn Jahren flog der so genannte "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) auf, jene rechtsextreme Terrorzelle, die zwischen 2000 und 2007 insgesamt zehn Menschen ermordete, darunter den Kasseler Internetcafé-Besitzer Halit Yozgat. Die NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wurden am 4. November 2011 tot in einem ausgebrannten Wohnmobil gefunden. Das dritte Mitglied, Beate Zschäpe, wurde festgenommen und 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt.

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Die Orte von "Kein Schlussstrich!"

Am bundesweiten Festival "Kein Schlussstrich!" beteiligt sind Kulturinstitutionen aus Chemnitz, Dortmund, Eisenach, Hamburg, Heilbronn, Jena, Kassel, Köln, München, Nürnberg, Rostock, Rudolstadt, Weimar und Zwickau. Den Städten gemeinsam ist, dass sie entweder Schauplatz der NSU-Mordserie oder wichtige Aufenthaltsorte von NSU-Mitgliedern waren. Das Festival findet gleichzeitig in den Städten vom 21. Oktober bis 7. November statt.

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Jetzt haben sich Theater und Kulturinstitutionen aus 14 Städten zu "Kein Schlussstrich!" zusammengeschlossen, darunter das Staatstheater Kassel. Das Festival soll mit verschiedenen Projekten offene Fragen thematisieren. Florian Lutz, Intendant des Staatstheaters Kassel, sieht sein Haus dabei in einer besonderen Verantwortung, wie er im Interview sagt.

hessenschau.de: Herr Lutz, juristisch ist der NSU-Terror weitgehend aufgearbeitet. Warum braucht es das Festival "Kein Schlussstrich!"?

Florian Lutz: In vielen der Städte, in denen der so genannte NSU gemordet hat, sind viele Details weiterhin nicht aufgeklärt. Als ich vor eineinhalb Jahren nach Kassel kam, war ich überrascht, wie viele offene Fragen es noch zu dem Mord an Halit Yozgat gibt - die Rolle des V-Mannes Andreas Temme oder der Behörden etwa.

Florian Lutz

Das wurde mir unter anderem anhand eines Theaterbesuchs bei meinem Vorgänger-Intendanten Thomas Bockelmann klar, der mit "Der NSU-Prozess. Die Protokolle" ein für Kassel sehr wichtiges, quasi dokumentarisches Theaterstück dazu gemacht hat. Dort wurde beschrieben, was man weiß, aber auch, was man eben nicht weiß.

hessenschau.de: Und auf genau diese Wissenslücken soll das Projekt erneut aufmerksam machen?

Lutz: Ja, das Theater-Netzwerk "Kein Schlussstrich!" hat sich außerdem aus dem Bedürfnis heraus formiert, mit einer Art "Gegennetzwerk" das öffentliche Bewusstsein rund um diese Morde aufrechtzuerhalten.

hessenschau.de: Ein Netzwerk, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Lutz: Es ist ein bundesweites dezentrales Theaternetzwerk auf Initiative der beteiligten Kulturinstitutionen, das künstlerische Interventionen zum NSU-Komplex erarbeitet hat. Wir werden uns zunächst einmal über drei Wochen, vom 21. Oktober bis zum 7. November, mit unterschiedlichsten künstlerischen oder dokumentarischen Formaten dieses Themas annehmen. Natürlich auch in der Hoffnung, weit darüber hinaus verbunden zu bleiben.

Wir planen "Kein Schlussstrich!" seit über einem Jahr und schon auf den Pressekonferenzen war der Austausch der beteiligten Akteure unglaublich fruchtbar und auf Augenhöhe.

hessenschau.de: Was wird in Kassel der Festival-Schwerpunkt sein?

Lutz: Der Schwerpunkt hier in Kassel sowohl für das Rahmenprogramm als auch für das Stück, das wir dafür eigens in Auftrag gegeben haben, ist die weibliche Perspektive auf die Thematik. Es gibt unsere Schauspieluraufführung "mädchentreu" von Mirja Biel, die die Frauenbilder der Neuen Rechten und die Wirkung auf die künftige Generation ins Visier nimmt.

Außerdem haben wir zwei Gesprächsformate im Programm, die die Erinnerungskultur eher aus weiblicher Perspektive aufgreifen - mit "Kein Schlussstrich! Die Reise" ein weiblich besetztes Podium, bei dem wir der Frage nach einer städtischen Erinnerungskultur in Kassel nachgehen. Dann "Kein Schlussstrich! Ein Gespräch" mit Elif und Gamze Kubasik, Witwe und Tochter des ermordeten Mehmet Kubasik, im Gespräch mit Ayşe Güleç (Kasseler Sozialpädagogin und documenta-Kuratorin, Anm. d. Red.).

Es gibt einen politischen Stadtrundgang, mit dem wir uns gemeinsam mit dem Verein "Die Kopiloten" auf Spurensuche begeben und ein Konzert der Rapperin Ebow, die Sexismus, Rassismus und Homofeindlichkeit anprangert. Zudem gibt es die Ausstellung "Offener Prozess" und die Musikperformance "Manifesto", die hier in der Martinskirche in Zusammenhang mit den Kasseler Musiktagen zu sehen und zu hören sein wird.

hessenschau.de: Wen hoffen Sie zu erreichen?

Lutz: Es ist einerseits spannend, weil wir natürlich als Kernbestandteil des Festivals - mit dem Stück "mädchentreu" - erst einmal das normale Theaterpublikum erreichen wollen. Hier wollen wir die Aufmerksamkeit auf das Thema, aber auch auf die nicht-theatralischen Präsentationsformen lenken. Es soll mit dem Publikum ein starker inhaltlicher Diskurs stattfinden, der über das Theater hinausgeht.

Noch spannender ist es für uns aber, zum Beispiel über Theaterpädagogik auch mit anderen Akteuren in der Stadt ins Gespräch zu kommen, die vielleicht nicht so regelmäßig ins Theater gehen. Ihnen wollen wir deutlich machen, dass das Theater inhaltlich Relevantes beizutragen hat.

hessenschau.de: Also das politische Theater weiter stärken?

Lutz: Wir sind in der Tat nicht die ersten und einzigen, die auf die Idee zu politischem Theater gekommen sind. Auch in den Jahren zuvor hat sich das Staatstheater Kassel punktuell auf relevante politische Themen der Gegenwart fokussiert. Generell ist politisches Theater aus der Theatergeschichte ja nicht wegzudenken.

Es geht aber auch darum, dass wir nach dem Corona-Neustart den Aspekt des gemeinschaftlichen Kulturmachens und -erlebens in einem gemeinsamen - auch physischen - Raum wieder stärken wollen. Es geht um unseren Bildungs-Kulturauftrag: Dass wir Menschen in einem Raum versammeln und mit ihnen auf dem Weg der künstlerischen Darbietung und des Gedankenaustauschs eine gemeinschaftliche Auseinandersetzung mit einem Thema stiften können. Das kann Theater wie kaum eine andere Kunstform - Menschen zusammenbringen und gemeinschaftlich Themen diskutieren.

hessenschau.de: Auch weil - um zum Anfang des Gesprächs zurückzukommen - das Thema Rechtsextremismus eben nicht aufgearbeitet ist.

Lutz: Ja, wir haben beim Podiumsgespräch "Kein Schlussstrich! Die Reise" die Kabarettistin und Schauspielerin İdil Baydar zu Gast, die eine brisante Geschichte hat. Nachdem bekannt wurde, dass sie am 17. November 2019 die zentrale Rede zum Gedenken an den rassistischen Brandanschlag von Mölln halten solle, erhielt sie Morddrohungen - unterschrieben mit "NSU 2.0". Zuvor waren von hessischen Polizeicomputern ihre personenbezogenen Daten abgerufen worden.

İdil Baydar hat - wie sie sagt - bis 2020 achtmal Anzeige erstattet, achtmal wurde das Verfahren eingestellt. Das bedeutet, die Inhalte des Festivals sind mitunter so aufgeladen, dass wir bei Teilen der Veranstaltung mit den Behörden zusammenarbeiten und schauen, wie wir für unsere Gäste die entsprechende Sicherheit garantieren.

Also: Zu der Frage, warum nimmt sich das Theater eines solchen Themas an, kann man nur sagen: Weil diese Themen nach wie vor unglaublich drängend sind und uns beschäftigen sollten. Und bei der Frage, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen, hat eine öffentlich geförderte Institution wie das Staatstheater Kassel eine besondere Verantwortung.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.

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