Bildkombo: Särge aus Ghana, Nike-Sneaker, Fisch
Ob Nike-Sneaker oder Fisch - die Särge aus Ghana sind groß, bunt und nehmen auf den Verstorbenen Bezug. (Särge aus Südghana von Paa Joe, 1997-1999) Bild © Sepulkralmuseum

Bunte Holzsärge in Fantasieformen sind der letzte Schrei in Ghana. Dank einer Schenkung besitzt nun auch das Kasseler Sepulkralmuseum 28 dieser Kunstwerke, die für die Ewigkeit unter der Erde bestimmt sind.

Sie sind groß und bunt, stellen Tiere, Pflanzen oder auch einen Turnschuh dar: Die Rede ist von Särgen. Schwer vorstellbar, wenn man nur die Bestattungskultur in Deutschland kennt: Holzkiste, rechteckig, mal braun, mal schwarz, selten weiß, ein bisschen verziert und mit Samt oder Seide ausgeschlagen.

Im Bus auf die letzte Reise

Das Sepulkralmuseum in Kassel ist seit Dezember stolzer Besitzer von 28 Holzsärgen aus dem südlichen Ghana – eine Schenkung der Witwe eines niederländischen Kunsthändlers, der 2018 verstarb. In einem Teil des westafrikanischen Landes ist es schon seit den 1970er Jahren zum Trend geworden, Verstorbene in sehr aufwändigen und meterhohen oder -breiten künstlerisch gestalteten Holzsärgen beizusetzen. Regeln gibt es keine: Man kann bei den Sargschnitzern alles in Auftrag geben, was gefällt.

Bus-Sarg aus Ghana
Der Busfahrer fährt im Bus zur letzten Ruhe. Sarg aus Südghana von Paa Joe, 1997 Bild © Sepulkralmuseum Kassel

Häufig werden Motive bestellt, die im Zusammenhang mit dem Beruf des Verstorbenen stehen: Ein Fischer wird in einem Fisch zur letzten Ruhe gebettet, ein Gemüsebauer in einer Zwiebel. Der Busfahrer tritt im Bus seine letzte Reise an.

"Ziel ist es, den Toten eine gute Reise zu ermöglichen", sagt der Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur, Dirk Pörschmann. Dahinter stehe der Glaube, die Toten hätten einen erheblichen Einfluss auf die Lebenden. "Mit den besonderen Särgen wollen sich die Angehörigen also das Wohlwollen der Toten für die Zukunft einkaufen." Dafür greifen sie tief in die Tasche, gut 2.000 Dollar werden für einen individuell gestalteten Holzsarg fällig.

Sonderausstellung im Sommer

Nun stehen in Kassel 28 dieser großen, bunten Holzkunstwerke und warten auf ihren Einsatz. Zwei Sattelschlepper waren nötig, um die Stücke zu transportieren. "Wir haben glücklicherweise in unserem Depot ausreichend Platz für diese vielen Neuzugänge für unsere Sammlung“, sagt Pörschmann.

Er freut sich über das "große Weihnachtsgeschenk" für das Museum. Zunächst soll immer ein Sarg aus Ghana in der Dauerausstellung gezeigt werden, gewechselt wird alle drei Monate. "Das reicht dann sieben Jahre lang", rechnet Pörschmann. Im Sommer will das Museum zusätzlich alle Motivsärge in einer Sonderausstellung präsentieren.

Party in Ghana - triste Rituale in Deutschland

Die bunten Firgurensärge stünden auch für eine Lebenseinstellung, die in Ghana vorherrsche, in Deutschland aber immer mehr verloren gehe, sagt der Museumsleiter. "Der Tod wird in Ghana – wie in vielen noch sehr katholischen Weltgegenden – als Vollendung des weltlichen Lebens gesehen, also nicht so sehr als etwas Schlimmes." Darum könne man ihn auch feiern. In Ghana dauert eine Beerdigungsfeier oft tagelang, für die kunstvollen Särge, die Zeremonie und die Bewirtung der Gäste geben die Familien ein Vermögen aus, viele verschulden sich sogar dafür.

Zwiebel-Sarg aus Ghana
Eine Ehre für den Gemüsehändler: Er kommt in der Zwiebel unter die Erde. (Sarg aus Südghana von Paa Joe, 1997) Bild © Sepulkralmuseum

In Deutschland dagegen werde bei Beerdigungen hauptsächlich der Verlust thematisiert. "Entsprechend trist sind auch die Rituale", sagt Pörschmann. Hinzu komme, dass sich in Hessen etwa 70 Prozent der Verstorbenen einäschern lassen – Tendenz steigend. Alles soll schnell, sauber und mit möglichst wenig Aufwand für die Hinterbliebenen organisiert sein. "In diesem Sinne verarmt die Bestattungskultur hierzulande. Da geht etwas sehr Wichtiges verloren", findet der Museums-Chef.

Auch in Hessen könnte man sich im Hahn begraben lassen

Langweilig und traurig muss aber nicht sein. Auch in Hessen sind bei Bestattungen bunte Särge in Übergrößen und Fantasieformen möglich. Nachfragen bei den zuständigen Ämtern etwa in Kassel und Frankfurt ergaben ein einheitliches Bild: In der Regel sind die Särge zwar alle gleich groß. Aber der Trend gehe auch in Deutschland zu immer größeren Särgen, einfach weil die Menschen selbst immer häufiger "ein XXL-Format" haben. In Kassel wurde an einem der Öfen im Krematorium unlängst die Tür um zehn Zentimeter verbreitert, damit auch größere Särge eingeäschert werden können.

Hahn-Sarg aus Ghana
Auch in Hessen erlaubt: Sarg in Form eines Hahnes. (Sarg aus Südghana von Paa Joe, 1997) Bild © Sepulkralmuseum

Auf jedem Friedhof können individuelle Absprachen getroffen werden. "Im Prinzip machen wir alles, was irgendwie geht", sagt der Abteilungsleiter des zuständigen Grünflächenamtes in Frankfurt. Gesetzlich spreche nichts dagegen, letztlich sei die Bestattung in einem riesigen Sarg in welcher Form auch immer eine Kostenfrage. Wer es sich also leisten mag und mit der jeweiligen Stadt einig wird, der kann auch in Hessen im Hahn, Fisch oder im Reisebus begraben werden.