Musikvideos von Jeremy Shaw im Frankfurter Kunstverein

Wegen Corona liegt die Clubszene am Boden. Wer den Rausch der Musik sucht und seinen Körper in Tänzen am Rand der Erschöpfung spüren will, findet dieses Gefühl nun im Frankfurter Kunstverein.

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Jeremy Shaw "Phase Shifting Index" im Kunstverein Frankfurt
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Die Clubszene liegt wegen Corona am Boden. Doch wie versetzt man sich außerhalb dieser geschützen Räume in eine Ekstase? Und was passiert da im Gehirn? Das interessiert den kanadischen Künstler Jeremy Shaw. Im Frankfurter Kunstverein präsentiert er im Rahmenprogramm der Buchmesse seine Antworten. Gleich im Foyer des Gebäudes wird der Besucher mit einem Film konfrontiert, in dem in bunten Farben und mit viel Bewegung Ausschnitte aus Hollywoodfilmen zusammengeschnitten sind. Auf einem überdimensionalen Bildschirm zeigt Shaw, wie berühmte Regisseure Ekstasen darstellen - oder traumartige Sequenzen filmen. Zu sehen sind zum Beispiel Clips aus dem ikonischen Film "2001 - Odyssee im Weltraum" aus dem Jahr 1968, in dem Regisseur Stanley Kubricks einen Rausch als schnelle Kamerafahrt durch einen Tunnel darstellt.

Die Lust des Menschen an ekstatischer Auflösung

Jeremy Shaw ist Kanadier, lebt aber seit Jahren in Berlin. Dort hat er lange in der Club- und Techno-Szene als DJ gearbeitet und sich so manche Nacht um die Ohren geschlagen. Er konnte beobachten, wie junge Menschen im Drogen- und Musikrausch tanzend in Verzückung gerieten. Das war der Startpunkt für sein künstlerisches Interesse, erklärt Franziska Nori, Direktorin des Frankfurter Kunstvereins: "Wir suchen nach kollektiven Erlebnissen, mit denen wir Verbundenheit spüren, die eine starke Ergriffenheit schaffen." In Zeiten von Corona seien wir nun gezwungen, Abstände einzuhalten und auf kollektive Erfahrungen zu verzichten. "Wir spüren nun, wie sehr uns diese Erlebnisse fehlen", so Nori.

Welche Bilder beschreiben eine spirituelle Erfahrung?

Jeremy Shaw stellte diese Erlebnisse filmisch nach. Auf riesigen Bildschirmen im Frankfurter Kunstverein flackern Bilder von tanzenden Menschen, die sich in eine Trance begeben. Im Rhythmus lauter, dröhnender Musik, die den Körper durchdringt. Wer sich vor den Bildschirmen auf den mit gemütlichem Teppich ausgelegten Boden setzt, kann sich 35 Minuten berieseln lassen. Mit tranceartiger Musik, die an Berliner Clubs erinnert - damals, als man noch in Clubs gehen konnte und es keine Corona-Abstandsregeln gab.

Weitere Informationen

Jeremy Shaw – Phase Shifting Index
25.09.2020 — 24.01.2021
Frankfurter Kunstverein

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Die tanzenden Menschen scheinen sich in ihren Bewegungen zu verlieren, die sie an den Rand einer körperlichen Erschöpfung führen. Höhepunkt ist der Übergang in eine andere Realität. Ein spiritueller, ekstatischer Zustand, den Jeremy Shaw versucht visuell darzustellen, denn "es gibt keine Worte für das rauschhafte Erleben von Ekstase und Selbstvergessenheit", so Jeremy Shaw: "Deswegen arbeite ich mit Bildern."

Ekstase im Museum

Vier Wochen lang ließ Direktorin Franziska Nori den Frankfurter Kunstverein umbauen, um die Arbeiten von Jeremy Shaw zu präsentieren. Viele Kabel wurden verlegt, damit die Sieben-Kanal-Videoinstallation mit ihrem Sound einen körperlichen Sog erzeugt, dem man sich nur schwer entziehen kann. "Phase Shifting Index", so der Name der Installation, erzeugt eine Sehnsucht nach gemeinschaftlicher Grenzerfahrung und erinnert uns daran, wie sehr uns spirituelle und rauschhafte Begegnungen in Zeiten von Corona fehlen. Im Frankfurter Kunstverein kommen wir dem Gefühl nun endlich wieder ein kleines Stück näher.

Sendung: hr2-kultur, 25.09.2020, 13.21 Uhr