No Angels Nadja Benaissa, Lucy Diakovska, Sandy Mölling, Jessica Wahls (von links)

Die No Angels sind zurück. 20 Jahre nach ihrer Casting-Geburt erscheint das neue Album der einstigen Girlgroup. Im Interview erzählt die Frankfurterin Nadja Benaissa vom Zauber der Vergangenheit und den Folgen einer Whatsapp-Gruppe.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Neues Album der No Angels

Sängerin Nadja Benaissa - im Selfie-Modus
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Deutschlands erfolgreichste Girlgroup ist zurück: die No Angels. Vor 20 Jahren, als noch niemand so recht wusste, was eine Casting-Show überhaupt ist, stürmten fünf junge Frauen als Gewinnerinnen der Ur-Mutter aller Casting-Formate - "Popstars" - die Charts. Eine von ihnen stieg dann aus, die Band trennte sich und raufte sich wieder zusammen, bevor 2014 das vorläufige Ende der Gruppe kam.

Zum 20. Geburtstag feiert die Band nun ihr Comeback, das aber gar kein Comeback sein soll, wie Sängerin Nadja Benaissa im Interview betont. Die gebürtige Frankfurterin ist glücklich über die erneute Zusammenarbeit mit ihrer "zweiten Familie".

hessenschau.de: Wie kam es zu dem Revival?

Nadja Benaissa: Wir wohnen ja überall verteilt, Sandy in Los Angeles, Lucy in Bulgarien, Jessica und ich sind Deutschland treu geblieben. Wir hatten immer Kontakt und haben vor zwei Jahren eine Whatsapp-Gruppe aufgemacht. Zum 20. Bandjubiläum hatten wir nichts Konkretes geplant. Just for fun hatten wir überlegt, ein Video zu "Daylight" (ihrem ersten Hit, Anm. d. Red.) aufzunehmen.

Als unser Katalog von der Plattenfirma BMG aufgekauft worden war, gab es endlich die Möglichkeit, die alten Alben, die noch nicht auf Streaming-Portalen verfügbar waren, dort zu veröffentlichen. Plötzlich gab es einen Social-Media-Hype um "Daylight", und das hat uns dazu gebracht zu sagen: Komm, wir machen jetzt was zum 20-Jährigen.

hessenschau.de: Sie waren damals 18 Jahre alt. Wie beurteilen Sie im Rückblick die Zeit?

Benaissa: Vor einem Jahr habe ich mir unseren ersten großen Auftritt bei "The Dome" angeschaut, und ich war wirklich gerührt, denn ich habe diese ganz jungen Frauen gesehen. Dieses Glitzern und Funkeln in den Augen, diese Euphorie. Ich bin superdankbar für all diese Erfahrungen, das war alles außergewöhnlich und superspannend. Aber es war nicht leicht und eine riesige Herausforderung. Ich war auch sehr oft überfordert, weil ich natürlich sehr jung war und keine Erfahrung hatte.

Die Musikbranche hat seit damals viele Wandlungen durchlebt, die ganze Digitalisierung und natürlich die Bedeutung von Social Media heute. Das ist für uns auch alles nicht so easy, wir müssen einen richtigen Crashkurs machen.

hessenschau.de: No Angels sind bis heute die erfolgreichste Girlgroup Deutschlands. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg? Welchen Nerv hat die Band damals getroffen?

Benaissa: Ich denke, dass wir großes Glück hatten. Die Zusammenstellung unserer Band, unsere Charaktere, unsere verschiedenen Typen - das ist so ein bisschen wie bei den Spice Girls. Man hat diese Diversität und unterschiedliche Identifikationsfiguren. Das ist spannend. Und dann war da unsere Natürlichkeit. Wir waren die Mädels von nebenan. Es war das erste Castingformat im Fernsehen, und niemand von uns wusste, was auf uns zukommt. Wenn ich mir heute angucke, was wir damals erzählt haben, das war auch sehr naiv - und das ist unser Zauber gewesen. Das und dass die Menschen das alles mitverfolgen und mitfiebern konnten.

hessenschau.de: Hatten Sie damals manchmal das Gefühl, auch fremdbestimmt und in Schubladen gesteckt worden zu sein? Etwas performen zu müssen, was Sie gar nicht sind?

Benaissa: Damals war Diversität kein Thema, das öffentlich viel diskutiert worden wäre oder das im Bewusstsein der Menschen gewesen wäre. Aktuell sind Themen wie Diversität und Rassismus sehr in der Öffentlichkeit, was sehr gut ist. Ich engagiere mich schon sehr lange gegen Rassismus. Denn wir haben in Deutschland ein Rassismusproblem. Der erste Schritt ist, das erst einmal anzuerkennen und sich nicht dagegen zu wehren. Wenn man das anerkennt, dann kann man auch Lösungen finden.

hessenschau.de: Ein Blick auf das neue Album. Wie zufrieden sind Sie damit?

Cover des No Angels Albums 20

Benaissa: Wir sind total happy. Wir haben unsere großen Hits neu eingespielt und dazu unsere Lieblings-Album-Tracks und vier neue Songs aufgenommen. Der einzige Wermutstropfen ist, dass wir nicht gemeinsam aufnehmen konnten. Jede musste einzeln ins Studio gehen. Das hat aber erstaunlich gut geklappt. Umso schöner ist es, dass wir jetzt zusammen sind, für ein Streamingkonzert proben und gemeinsam singen. Das war das erste Mal, dass wir seit zehn Jahren wieder mit einer Band gespielt haben. Da fühlt man sich zu Hause - so soll es sein.

hessenschau.de: Ein Gefühl also wie vor 20 Jahren?

Benaissa: Also, es ist einerseits so wie früher - nicht wie vor 20 Jahren - eher so wie vor zehn Jahren, bevor wir uns dann trennten. Wir haben immer noch diese ganz starke Verbundenheit. Zickenterror hatten wir nie. Wir haben so viel miteinander erlebt, so viele Höhen und Tiefen, das hat uns total zusammengeschweißt. Geändert hat sich unsere Arbeitsweise. Wir arbeiten nicht mehr 360 Tage im Jahr durch, aus der Erfahrung haben wir gelernt. Wir machen Blöcke, in denen wir voll durchpowern, legen dann aber Pausen ein, in denen wir regenerieren können.

hessenschau.de: Nie Zickenkrieg, sondern immer geballte Frauenpower?

Benaissa: Ich bin wirklich gesegnet, dass ich gezwungenermaßen immer mit so vielen Frauen gearbeitet habe. Es ist sehr wichtig, dass Frauen das genießen, mit Frauen zu arbeiten und sich gegenseitig zu unterstützen. Ich habe auch in Bands gesungen, in denen ich die einzige Frau war. Das war auch cool. Aber es macht schon einen Unterschied, ob man mit gut duftenden Frauen in einem Tourbus sitzt oder im Sommer mit vier schwitzenden Männern. Es ist ein feiner Unterschied!

hessenschau.de: Und das ist jetzt der Beginn von etwas Neuem?

Benaissa: Wir haben tatsächlich kein Comeback geplant, wir wollten nur das Jubiläumsjahr feiern mit diesem Album. Unser erstes Live-Konzert spielen wir im Juni 2022 in Berlin auf der Parkbühne Wuhlheide - das ist unser Riesenprojekt für die Zukunft.

Das Gespräch führte Jan Tussing.

Sendung: hr-iNFO, 04.06.2021, 16.15 Uhr