Porträt
Volker Reiche vor seinem Bauzaun-Comic "Manu und Saul" Bild © hessenschau.de/Nicole Bothof

Volker Reiche hat schon viele Comics gezeichnet: Donald Duck, den Mecki in der Hörzu, den Strizz in der FAZ. Sein sprichwörtlich größtes Werk aber war sein Comic am Bauzaun des Frankfurter Jüdischen Museums. Den hat er jetzt als Buch herausgebracht.

Besuch bei Volker Reiche in Königstein. Die Wände seines Ateliers sind mit Zeichnungen und privaten Fotos zugehängt: Donald Duck als Weihnachtsmann, Strizz bequem im Sessel lümmelnd, ein Porträt von Anne Frank, Arbeiten seines Kollegen Bernd Pfarr und viele private Bilder geben eine kunterbunte Mischung ab.

Buchcover
Bild © Verlag Kult Comics

Gerade arbeitet Volker Reiche an einer neuen Ausgabe seines Kultcomics "Strizz", der jahrelang täglich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das aktuelle Zeitgeschehen kommentierte. Protagonisten sind der nicht besonders arbeitsfreudige Büroangestellte und spätere Firmenchef Strizz und seine Entourage. Seit September 2018 erscheint der Comic, zur Freude seiner Fans, wieder in der Frankfurter Allgemeinen Woche.

Anzug, Schlips versus Parka und Jeans

Geboren wurde Reiche 1944 in der Mark Brandenburg. Die Flucht vor der russischen Armee brachte die Familie über Bayern nach Königstein in den Taunus. Als es an die Berufswahl ging, suchte Reiche sich zunächst was Bodenständiges:  Er studierte in Frankfurt Jura und begann nach dem Staatsexamen sein Referendariat als "korrekt gekleideter juristischer Student, mit dunklem Anzug, Schlips und Nyltesthemd." Das war Ende der 60er Jahre.

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Fernab des Berufs war Reiche anders gekleidet: "Ich war schon einer dieser Leute mit verschlissenem Parka und Jeans", erinnert er sich schmunzelnd. "Ich habe viele Demos mitgemacht, aber nicht so richtig mittendrin, also irgendwelche K-Gruppen mit Ho Tschi Minh oder Mao-Bibel im Hintergrund, das war mir immer suspekt. Ich war eher auf der Sponti-Ebene."

Besonders beeindruckte ihn ein Erlebnis in der Frankfurter Uni-Mensa: "Da kam die Kommune 1 zu Besuch, Langhans und Teufel und so, die liefen da rum mit Ketten und solchen Haaren, da hat man wirklich nur gestaunt, das war sehr, sehr fremd und sehr neu." Reiche fand das sehr viel spannender als Jura, zudem es für ihn "mit der Zeit komplizierter wurde, diese Gesetztestreue und staatliche Haltung einzunehmen". Allerdings: Alles, was mit der RAF zu tun hatte, das fand er sehr gruselig.

Liebe, Sex und Frauenbewegung

Den Anreiz zu zeichnen, lieferten die ersten Underground Comics, die damals nach Deutschland kamen: Robert Crumb oder Gilbert Shelton mit den Freak Brothers. Daraus entwickelt er die Idee für sein erstes Comic-Buch: "Es ging um Liebe, Sex, aber es ging auch schon um die Frauenbewegung, die in Frankfurt eine große Rolle spielte." Das Buch floppte. Aber Reiche hatte seine zukünftige Beschäftigung gefunden.

Mit "Mecki" zum Generalsgehalt

Er zeichnete sechs Donald-Duck-Geschichten für den niederländischen Oberon-Verlag. Doch die Zusammenarbeit mit dem Verlag war schleppend. "Die haben mich am langen Arm verhungern lassen", erinnert er sich.

Ganz anders lief es dann mit dem Igel "Mecki", den er ab 1985 über 20 Jahre lang für die Zeitschrift "Hörzu" zeichnete. Den "Mecki" hatte er schon als Kind aus der Zeitschrift immer herausgeschnitten. "Das war mit Sicherheit der bestbezahlte Comiczeichner-Job in Deutschland", sagte er. Spasseshalber habe er mal recherchiert, welchem Beamtenjob das Gehalt entspräche. Es war der eines Generals. In Zahlen: Für 12 bis 14 Tage Arbeit im Monat 11.000 Mark.

Damit war sein Lebensunterhalt mehr als gesichert. Und Reiche hatte noch Zeit für seine Malerei, für andere Geschichten, für Bücher. Und später auch für den "Strizz", seine erste eigene Comicserie, für die er sowohl alle Figuren als auch alle Geschichten erfand. Über 2.000 Fortsetzungen kamen dabei heraus.

Mutter Gauleiterin, Vater Dichter des Führers

2013 erschien bei Suhrkamp Reiches Autobiografie "Kiesgrubennacht" als Graphic Novel. Er habe ein sehr wirres und erstaunliches Familienleben gehabt: "Meine Mutter war eine Mitläufer-Nazifrau. Sie war Gauleiterin des Bund Deutscher Mädel in Sachsen. Und sie fand das alles richtig, Familie, Kinderkriegen und so. Selbst nach dem Krieg rief sie immer noch: Kinder, nur keine jüdische Hast! Aus purer Gewohnheit - und Dummheit, muss man sagen."

Sein Vater, sagt er, sei ein anderes Nazikaliber gewesen, "obwohl er nie so richtig hochkam, wie er es gerne wollte". Er war Jurist, aber auch Künstler und Dichter und wollte so etwas wie der offizielle Dichter des Führers werden. "Er hat wirklich wüste Gedichte geschrieben", sagt Volker Reiche.

Später, in seiner Zeit als Kriegsberichterstatter, 1944/45, habe er angeblich nur fotografiert. Das Angebot eines Soldaten, bei einem Erschießungskommando auch mal abzudrücken, habe er mit "Nein, Danke" abgelehnt. Ob das wirklich so stimmt, weiß Reiche nicht.

Mädchen mit Smartphone und Hund mit Kippa

Buchcover
Bild © Verlag Kult Comics

Reiches bislang letztes große Projekt war auch sein größtes: Das Jüdische Museum in Frankfurt bat den Zeichner, den Bauzaun um den Erweiterungsbau mit einem Comic zu verkleiden. Zwei Jahre lang war das Werk in Frankfurt zu sehen. Heraus kam ein Comic mit 52 Folgen im Riesenformat mit dem Titel "Manu und Saul", den Reiche an die Zaunlatten tackerte, alle zwei Wochen neu: Über die Titelfiguren Manu, die immer im Smartphone recherchiert und den kleinen ahnungslosen Hund Saul, der seinen Fellfleck im Hinterkopf als Kippa interpretiert, erzählt Reiche die Geschichte der Juden in Frankfurt.

"Da ist sehr viel Gruseliges und Grauenhaftes passiert und dennoch nehme ich ein Tierchen und ein Mädchen." Das Projekt sei für ihn als Schreiber und Zeichner eine Herausforderung gewesen.

Reiche hat den Balanceakt zwischen Spaß und Ernsthaftigkeit, zwischen erdachter Story und grausiger Realität hinbekommen - und das obwohl er für jede Episode nur zwölf Sprechblasen mit nur ganz wenigen Worten zur Verfügung hatte. Für alle, die die Geschichten noch einmal nachlesen wollen: Reiche hat den Comic jetzt auch als Buch veröffentlicht.