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Kulturszene im Bahnhofsviertel: Aufgeben oder aushalten?

Das Frankfurter Bahnhofsviertel galt zuletzt als hippe Anlaufstelle für Gastronomie und Kultur. In der Pandemie hat sich die Situation vor Ort verschlechtert. Die Kulturszene geht ganz unterschiedlich damit um.

Wer ahnungslos in die Frankfurter Niddastraße stolpert, dürfte überrumpelt sein von dem Bild, das sich bietet. Gerade jetzt, im Sommer, ist die Drogenszene auf der Straße präsent. Es wird konsumiert, gedealt, auch mal gestritten. Überall Menschen, überall Müll. Es stinkt.

So schlimm war es im Bahnhofsviertel noch nie, hört man aktuell vor Ort. Frankfurts neuer Polizeipräsident sieht "akuten Handlungsbedarf".

Die anfängliche Hoffnung ist verflogen

"Es ist das pure Elend, was da auf der Straße stattfindet", sagt auch Daniel Schierke. Seit 2015 verkauft er in seiner Galerie Rundgaenger in der Niddastraße junge Kunst - 150 Meter entfernt von einem Konsumraum. "Wenn ich nachmittags in der Galerie bin und sehe, was da draußen passiert, macht es eigentlich kaum noch Freude, dort eine Galerie zu führen."

Dabei hatten Schierke und sein Geschäftspartner Ralf Seinecke einst große Hoffnung in das Bahnhofsviertel gesetzt. "Als wir damals hierher gegangen sind, gab es einen ziemlichen Hype in der Stadt" erinnert sich Schierke. "Es sind ein paar coole Bars und Restaurants eröffnet worden - und eine Galerie hat eigentlich noch gefehlt."

Daniel Schierke und Ralf Seinecke von der Galerie "Rundgaenger"

Deswegen haben Seinecke und er Geld ins Viertel investiert und 2018 neben Rundgaenger sogar noch einen zweiten Ausstellungsraum eröffnet, SchierkeSeinecke. Der Optimismus von einst ist verflogen. "Vielleicht haben wir uns auch alle ein bisschen was vorgemacht und die Problematik unterschätzt", sagt Schierke.

Ist der Hype ums Viertel schuld?

Nur ein paar Häuser weiter organisiert Naomi Rado mit dem Kollektiv Synnika ebenfalls Ausstellungen. Sie glaubt: Der Hype ums Bahnhofsviertel als Szene-Ort für Gastro und Kultur hat die Debatte um die Situation auf der Straße zusätzlich verschärft.

"Es ist ja nicht so, als wären die Drogen-Konsumierenden nicht schon immer hier gewesen", sagt sie. Indem man das Viertel so rasant aufgewertet habe, sei ein enormer Interessenkonflikt heraufbeschworen worden - "nämlich zwischen denjenigen, die im Bahnhofsviertel ihren Lebensalltag auf der Straße bestreiten und denjenigen, die profitorientiert ihre Unternehmen hier sesshaft machen."

Miteinander in der Niddastraße als Chance

Den Raum Synnika gibt es seit 2019. Er ist nicht kommerziell, sondern wird unter anderem von der Stadt und aus Mitteln des Bundes gefördert. Rado muss sich also keine Sorgen machen, dass ihr ob des Standorts ein Geschäft entgeht. Im Gegenteil, sie sieht den Standort Niddastraße als Chance.

"Viele Personen sind schon irritiert, in welchem Zustand sie die räumliche Situation vorfinden, wenn sie bei uns ankommen, um die Ausstellung zu sehen", sagt Rado. Darin liege aber "ein enormes Potenzial zur Sensibilisierung". Synnika wolle gegenseitige Rücksichtnahme vorleben, statt Ängste vor randalierenden Junkies zu schüren. Wer zu dem Kollektiv kommt, soll sehen, wie ganz unterschiedliche Menschen einen Ort gemeinsam nutzen.

Außenansicht der Ausstellung Soil Strings von Blockadia*Tiefsee im Synnika, hier Ausschnitt des Videoberichts „Kritik an der konzentrierten Aktion im frankfurter Bahnhofsviertel" vom Medienkollektiv Frankfurt, 18.2.-30.5.2021 im Synnika

So ist Synnika etwa Ausgabestelle der Straßenzeitung "Arts of the Working Class". "Wir sind in direktem Austausch mit dem Milieu", erklärt Rado. "Es kommen Personen zu uns, die sich diese Zeitung abholen und damit ihren Lebensunterhalt aufbessern können."

Im Bahnhofsviertel wird die soziale Schere deutlich

Rado blickt kritisch auf diejenigen, die ins Bahnhofsviertel gezogen sind und sich mit dem verruchten Image schmücken. "Als hätte man Street Credibility einfach nur, weil man im Viertel wohnt." Sie wünscht sich mehr Hilfsangebote wie Beratungsstellen oder Schlafplätze - aber auch mehr Solidarität seitens der Stadtgesellschaft.

Ein "man gewöhnt sich daran" lässt Rado nicht gelten. Im Bahnhofsviertel sehe man "permanent, wie die soziale Schere Ausdruck findet", sagt sie. "Zwischen Menschen, die am Existenzminimum oder weit darunter leben und denen in den hochwertig sanierten Altbauwohnungen."

Videobeitrag

Video

Reportage – die Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel

hessenschau vom 01.08.2022
Ende des Videobeitrags

Natürlich sei auch sie manchmal genervt, wenn sie den Raum aufschließen wolle und es säße jemand direkt im Eingang, gibt Rado zu. "Aber erfahrungsgemäß kann man den Leuten einfach sagen: Könnt ihr euch bitte woanders hinsetzen? Und dann räumen die auch ihr Hab und Gut auf und setzen sich an eine andere Stelle."

Galerist: Standort wirkt sich negativ aufs Geschäft aus

Für Galerist Schierke ist das nicht genug. "Ich sehe uns nicht mehr lange im Bahnhofsviertel", sagt er. Die Situation auf der Straße sei geschäftsschädigend. Von vielen Leuten höre er, sie kämen wegen des Standorts nicht in die Galerie. "Das kann so nicht weitergehen."

Schierke versteht Drogen, Müll und Kriminalität als Symptom der Gesellschaft. Er gibt nicht den Konsumierenden die Schuld, sucht im eigenen Umfeld das Gespräch, wenn Menschen Unbehagen äußern. "Ich sage dann: Ihr könnt das nicht nur ekelhaft finden. Es ist nun mal da!"

Diese Diskussionen könne er aber nur so lange führen, wie er seine Galerie finanzieren könne. "In dem Moment, wo ich das nicht mehr kann, kann ich zumachen oder das Viertel verlassen - und bevor ich zumache, verlass ich’s lieber."

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