Kann ein Kriegstrauma vom Großvater auf den Enkel vererbt werden? Der Kasseler Regisseur Sebastian Heinzel fing eines Tages an, vom Zweiten Weltkrieg zu träumen. Daraus hat er einen Film gemacht. Ein Interview.

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zum hr-fernsehen.de Video Der Dokumentarfilm "Der Krieg in mir" reist an die Orte unserer Großväter

Mann in Unform sitzt auf Bett
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Panzer, Schlachten, Uniformen - immer wieder träumte der Kasseler Regisseur Sebastian Heinzel vom Zweiten Weltkrieg. Dabei war der 40-Jährige nie im Krieg. Sein Großvater allerdings schon. Kann es sein, dass dessen Erlebnisse plötzlich in den Albträumen des Enkels weiterleben?

In seinem Dokumentarfilm "Der Krieg in mir", der beim Kasseler Dokfest am Samstag, 16.11.2019, 10 Uhr, gezeigt wird, will der 40 Jahre alte Heinzel diese Frage klären und begibt sich auf Spurensuche nach Weißrussland. Dort musste sein Großvater Hans als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg kämpfen. Wie ihn die Erlebnisse seines Großvaters bis heute prägen, erklärt Heinzel im Gespräch mit dem hr.

hessenschau.de: Herr Heinzel, in Ihrem Dokumentarfilm "Der Krieg in mir" geht es um vererbte Kriegstraumata. Wie haben sich die Kriegserlebnisse Ihres Großvaters bei Ihnen bemerkbar gemacht?  

Sebastian Heinzel: Ich hatte jahrelang Alpträume. Es gibt Träume, da sitze ich auf einem Panzer und schieße um mich, werde getroffen oder töte andere Menschen. Ich bin im Krieg. Es sind Träume, die mich nachts stark beunruhigt haben.

hessenschau.de: Nachdem Sie herausgefunden haben, dass Ihr Großvater als junger Soldat in Weißrussland kämpfen musste, sind Sie für Ihre Doku dorthin gereist. Erstaunlicherweise hatten Sie aber schon vorher ein Faible für das Land.

Heinzel: Ja, ich fahre schon seit über 15 Jahren nach Weißrussland, um dort Filme zu drehen. Als ich dann bei meinem Besuch im Militärarchiv herausgefunden habe, dass mein Großvater und ich dort genau an den gleichen Orten waren, habe ich mich schon gefragt: Kann das ein Zufall sein oder wandle ich schon seit längerem unbewusst auf den Spuren meines Großvaters?

hessenschau.de: Sie haben für Ihren Film mit einer Genetikerin über die Vererbung von Traumata gesprochen. Wie funktioniert das genau?

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Vom Großvater zum Enkel – Wie Kriegstraumata vererbt werden

Symbolbild Kulturlust
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Heinzel: Die Epigenetik-Forscher erklären es so: Jemand erlebt eine traumatische Erfahrung und diese aktiviert dann gewisse Bereiche auf der DNA. Diese Markierungen werden weitervererbt und prägen das Verhalten der nächsten Generation. Das kann sich dann auch über mehrere Generationen fortsetzen, obwohl man diese Erfahrung selbst gar nicht gemacht hat.

Der Einfluss der Vorfahren macht sich zum Beispiel beim Thema Heimat bemerkbar. Ich selbst bin oft umgezogen in meinem Leben, meine Eltern ebenfalls. Bei der Frage, wie man seinen eigenen Platz finden kann, könnten Flucht-Biographien eine Rolle spielen. Auch bei Menschen, die an einer gewissen Orientierungslosigkeit leiden, lohnt es sich, die Familiengeschichte genauer anzuschauen.

Es geht aber nicht nur um negative Einflüsse: Wir haben ja auch gute Qualitäten und Ressourcen von unseren Vorfahren geerbt, wie zum Beispiel Widerstandskraft.

hessenschau.de: Wissen Sie denn, was Ihr Großvater im Krieg erlebte?

Heinzel: Wir wussten, dass mein Opa in einem Dorf in Weißrussland mit einem Jeep über eine Mine gefahren ist. Dabei sind ihm beide Trommelfelle geplatzt. Sonst hat er eigentlich nichts über seine Erfahrungen in Weißrussland erzählt, denn meine Großmutter hat oft gesagt: 'Hör auf mit deinen alten Geschichten vom Krieg.' In der Familie meines Vaters war das also ein Tabu-Thema. Auch mein Vater hat sich nicht mit der Frage auseinandergesetzt, wie ihn diese Zeit geprägt hat.

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Kasseler Dokfest

Das Kasseler Dokfest findet noch bis zum 17. November statt. Es werden mehr als 230 internationale Filme und Videos gezeigt. Der Fokus des Festivals liegt auf aktuellen Dokumentarfilmen sowie experimentellen und künstlerischen Arbeiten.

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Gemeinsam mit meinem Vater habe ich mich für den Film auf die Suche nach dem Dorf in Weißrussland gemacht, wo mein Opa verwundet wurde. Wir wollten dort Menschen finden, die den Krieg noch als Kinder erlebt haben – oder die darüber berichten konnten, was in dieser Zeit geschehen war. Wir hatten spannende Begegnungen und konnten uns dem Dorf annähern. Finden konnten wir den Ort am Ende allerdings nicht, weil es ihn gar nicht mehr gibt.

hessenschau.de: In Ihrer Doku berichtet ein Zeuge von damals, dass die Wehrmacht Säuglinge lebendig in Gruben geworfen hat. Ganze Dörfer wurden zerstört und Ihr Großvater war vermutlich mitten drin. Wie haben Sie darauf reagiert?

Heinzel: Das macht einen natürlich erstmal sprachlos. Und es hat mich sehr betroffen gemacht. Inwieweit mein Großvater direkt an Kriegsverbrechen beteiligt war, ist nicht klar und liegt nach den Recherchen, die wir im Archiv gemacht haben, auch nicht nahe. Denn er war bei einer Einheit der Flak, die für die Luftabwehr zuständig war. Aber er war natürlich mitten drin in diesem menschenverachtenden Feldzug.

Es geht mir in der Dokumentation aber nicht vorwiegend um die Frage der Schuld, sondern vielmehr darum, ein Bewusstsein zu schaffen, wie langwierig die Folgen von Kriegserlebnissen und traumatischen Erfahrungen sind.

Klaus Heinzel und Sebastian Heinzel (re.)

hessenschau.de: Sie wollten dem Krieg in Ihnen selbst auf die Spur kommen. Verstärken solche Berichte das übernommene Kriegstrauma nicht noch mehr?

Heinzel: Ich denke, es war gut, dass ich mich damit konfrontiert habe – eben weil darüber in unserer Familie früher eher geschwiegen wurde. Alles was ans Licht kommt, tut allen in der Familie gut.  

Ich halte es für wichtig, sich mit dem Thema auf eine andere Weise zu beschäftigen, als wir das bislang getan haben. Deshalb plädiere ich dafür, eine verbindende, mitfühlende Perspektive einzunehmen: Wir Menschen hier im Westen und die Menschen im Osten haben auf beiden Seiten sehr viel Leid erlebt. In Zeiten, wo es wieder vermehrt politische Spannungen gibt, geht es darum, wieder das Verbindende zu sehen.

Das Gespräch führten Christian Sprenger / Susanne Mayer.