Portraits von zwei jungen Comedians: links Parshad Esmaeili, rechts Bruno Banarby

Früher mussten Comedians erst mal durch die Provinz tingeln, um vielleicht irgendwann entdeckt zu werden. Heute ist das anders. Auf Social Media bauen sie sich eine Fangemeinde auf und wagen dann den Sprung auf die Bühne.

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zum Video Wie junge Comedians Social Media nutzen

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Eines Tages eine eigene Late-Night-Show zu haben - das ist das große Ziel von Parshad Esmaeili. Die 23-Jährige ist auf dem besten Weg dorthin. Seit zwei Jahren macht sie Comedy, vor ein paar Monaten hat sie dafür den deutschen Radiopreis bekommen. Im Oktober geht sie zum ersten Mal auf Tour. Die Tickets waren bereits nach wenigen Tagen ausverkauft.

Angefangen hat ihre Erfolgsgeschichte nicht auf den Stand-up-Bühnen dieses Landes, sondern mit Videos auf Instagram und TikTok. Nachdem ihre ersten Bühnenauftritte vor rund zwei Jahren nicht ganz nach Plan liefen, entschloss sich die Südhessin, voll auf Social Media zu setzen. Ihre Idee dahinter: Eine treue Fanbase aufbauen, die ihren Humor versteht und auch bei Live-Veranstaltungen im Publikum steht.

"Hey, was geht ab"

Der Plan geht auf: Inzwischen folgen ihr mehr als 200.000 Nutzerinnen und Nutzer auf Instagram, auf dem Videoportal TikTok sind es sogar mehr als eine halbe Million. Vor allem authentisch zu sein, ist ihr von Anfang an wichtig.

An eine Erfahrung kann sie sich bis heute noch erinnern: "Mein erstes Video begann ich mit den Worten 'Hey, ihr Lieben'." Danach habe es "Klick" bei ihr gemacht. Im nächsten Clip begrüßte Parshad Esmaeili ihre Follower so, wie sie auch mit ihren Freundinnen sprechen würde, indem sie sagte: "Hey, was geht ab."

Nutzer möchten sich identifizieren

Authentisch ist auch die Machart ihrer Videos. Oft werden die Clips mit dem Handy gedreht, ein Headset dient als Mikro und ein Zahnstocher im Mund kann schon mal ausreichen, um bildlich einen Mann zu imitieren. Dadurch spielt Parshad Esmaeili auch mit sozio-kulturellen Codes. Viele ihrer Stilmittel sprechen ganz explizit die junge Generation an, die einen anderen Humor hat, mit Social Media aufgewachsen ist und eine jugendliche Sprache spricht.

Parshad Esmaeili sitzt in einem Blumenfeld

Einen Slang zu benutzen und auch mal Wörter aus einer anderen Sprache in ihre Sätze einzubauen, sollten Ältere jedoch nicht dazu verleiten, Parshad Esmaeili und ihre Follower als ungebildet abzustempeln. "Dieser Jugendslang ist einfach unsere Alltagssprache", sagt die Entertainerin. Daraus solle man niemals schließen, dass Jugendliche aus sozial-schwachen Familien kommen würden oder gar schlecht integriert seien. "Ich bin ein ganz normales Mädchen, habe mein Abitur gemacht, versucht zu studieren und benutze einen Slang - fertig, aus."

Schnelle Videos, viele Effekte

Comedy auf Social Media zu machen, bedeutet für sie auch, schnell auf den Punkt zu kommen. Ihrer Meinung nach müsse man vor allem schnell schneiden, Effekte verwenden und dafür sorgen, dass den Usern niemals langweilig wird.

"Du hast meistens nur 30 Sekunden Zeit, um die Leute zum Lachen zu bringen. Dadurch wird auch der Humor immer schneller", sagt sie. Oft schneide sie ihre Clips sogar so, dass einzelne Wörter am Ende ihrer Videos nur noch halb zu hören sind. Ein Stilmittel, das vor allem auf TikTok inzwischen geläufig ist und zeigt, wie schwer es ist, Follower bei der Stange zu halten.

Stand-up-Comedy ebenfalls gefragt

Der Schauspieler und Comedian Bruno Banarby ist ebenfalls auf Social Media aktiv. Auch er möchte sich über die Plattformen eine Fangemeinschaft aufbauen, um eines Tages womöglich ausverkaufte Shows spielen zu können. Zwar hat der 26-Jährige mit mehr als 10.000 Followern auf Instagram bisher eine noch nicht allzu große Reichweite, dennoch ist er sich sicher: "Ich habe mir Supporter aufgebaut, die mir vertrauen, meinen Content mögen und mich authentisch finden." Neben Instagram und TikTok setzt der Student auch auf YouTube. Dort postet er bis zu 12-minütige Komödien, die er in Eigenregie produziert.

Auftritte auf Social Media sind das eine, Stand-up-Comedy auf der Bühne für Bruno Banarby eine andere Geschichte. Der Frankfurter betont, dass das Live-Performen noch mal sehr viel anspruchsvoller sei und auch den Zuschauern mehr biete. Um seine Follower von den Bildschirmen und der Couch hervorzulocken, hat er vor Corona mit einem Kollegen eine Veranstaltungsreihe für junge Comedians in Frankfurt gegründet. "Wir wollten den Leuten - speziell auch in Frankfurt - mal zeigen, dass es auch etwas anderes gibt als feiern gehen und Shisha-Bars."

Bruno Banarby bei einem Auftritt in einem Club

Das Projekt wird von seinen Followern angenommen, die ersten Shows waren vor Corona gut besucht. Trotzdem, oder gerade deshalb, sagt er: "Ich respektiere jeden Comedian, der sich seine Karriere ohne Social Media aufgebaut hat. Dennoch ist es ein Sprungbrett und ich würde es jedem raten, der mit Comedy anfangen möchte."

Auch gestandene Comedians vermehrt auf Social Media

Das sieht auch Stefan Leidner so, Redaktionsleiter in der Unterhaltung im Hessischen Rundfunk. Die Plattformen seien bereits auf Unterhaltung ausgerichtet, weshalb es jungen Comedians einfach falle, dort ihre ersten Schritte zu gehen. "Das führt dazu, dass es inzwischen schon fast ein Standard bei der jungen Generation ist, seine Karriere auf Social Media zu beginnen."

Auch die Pandemie habe dazu beigetragen, dass Comedy über Soziale Netzwerke noch stärker beansprucht wird, sagt Stefan Leidner. Nicht nur bei der jungen Generation, die Social Media ohnehin nutze. "Gestandene Comedians aus Hessen, wie Martin Schneider oder Badesalz, haben in der Zeit ebenfalls neue Wege eingeschlagen, weil es anders gar nicht ging."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 27.01.2021, 19.30 Uhr