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"Stimme der Straße" ist ganz nah an Frankfurter Obdachlosen und Süchtigen

Das Frankfurter Bahnhofsviertel – ein Ort für Prostituierte, Drogenabhängige und Obdachlose. Das Video-Projekt "Stimme der Straße" lässt sie ihre Lebensgeschichten erzählen.

Alicia ist 41 Jahre alt, sieht aber mindestens 20 Jahre älter aus. Eingefallene Wangen, Narben im Gesicht. Sie erzählt vom Leben mit ihrer drogenabhängigen Mutter, die sich selbst prostituierte und die Tochter auf den Baby-Strich schickte: "Mein erster Druck Heroin war mit elf Jahren."

Es sind solche Geschichten von Obdachlosen, Süchtigen oder Prostituierten aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel, die im YouTube-Channel "Stimme der Straße" zu sehen sind. Immer erzählen die Protagonisten selbst ihre Geschichte, ihr Leben. Unverblümt, ohne Filter und Drehbuch.  

Manchmal wird schnell klar: Dieser Mensch hatte nie eine Chance auf ein anderes, besseres Leben. Aber es gibt auch die Geschichten von der Ärztin, vom Schüler aus gutem Hause, vom Studenten. Auch sie sind durch Drogen auf die schiefe Bahn geraten.  

Plattform für Menschen, die sonst übersehen werden 

Die "Stimmen der Straße" sammelt Youssuf. Er ist 26 Jahre alt, seinen Nachnamen will er nicht verraten und auch sonst will er im Hintergrund bleiben: "Mir war von Anfang an wichtig, dass ich hinter der Kamera bin und nicht vor der Kamera." Er wolle den Menschen eine Stimme, eine komplette Plattform bieten, die sonst eher übersehen werden, bewusst oder unbewusst.  

Mann mit Mütze von hinten, im Hintergrund das Bahnhofsviertel

Über 100 Videos hat Youssuf schon auf YouTube und Instagram veröffentlicht. Sie erreichen hunderttausende Abrufe, allein sein YouTube-Kanal hat über 40.000 Abonnenten. Die vorgeschaltete Werbung unterstützt die Arbeit des kleinen Teams, das ansonsten aber ehrenamtlich arbeitet. 

Porträts ohne Hintergedanken 

Die Filme faszinieren durch ihre Authentizität. Youssuf lässt sich Zeit, nimmt die Gesprächspartner ernst. Gerade Menschen auf der Straße kennen es oft nicht, dass sich jemand wirklich für sie interessiert. Ohne Hintergedanken, ohne Druck und vor allem, ohne ihnen vorschreiben zu wollen, was sie verändern sollen.  

Auch bei Reduan ist Youssuf so vorgegangen. Irgendwann wollte der 41-Jährige, dass vor allem junge Menschen von seinem Abrutschen und seiner Heroinsucht erfahren: "Es sollte Leuten zeigen: Am Anfang macht es Spaß, aber dann, wenn man da drin ist… Die Straße ist hart. Es ist schwer. Es hat mich 24 Jahre meines Lebens gekostet."  

Mittlerweile gibt es mehrere Videos mit Reduan. "Die haben viele Klicks", verkündet er stolz, denkt kurz nach und meint dann: "Was ich geredet habe, ist angekommen. Ich habe Leute animiert, dass sie gar nicht in Versuchung kommen."

Nicht alle wollen ihr Gesicht zeigen 

Natürlich sind nicht alle Obdachlosen und Drogenabhängigen bereit, ihre Geschichte in einem YouTube-Video zu verbreiten. Eine Süchtige auf der Kaiserstraße kennt das Format zwar, will aber ihr Gesicht und ihre Geschichte nicht im Internet zeigen. Sie wolle ihre Familie schützen, vor allem ihre Tochter, damit sie sich nicht vor ihren Freunden wegen der Mutter schämen müsse.  

Trotzdem finde sie die Videos gut, "weil wir Junkies sonst immer alle in einen Topf geschmissen werden." Es sei deshalb gut, diesen Teil der Gesellschaft auch mal kennenzulernen.  

Gut bekannt im Viertel 

Seit 2020 gibt es den YouTube-Kanal "Stimme der Straße". Mittlerweile kennt man Youssuf im Bahnhofsviertel. Ständig wird er angesprochen, umarmt, er selbst erkundigt sich mal nach einem verletzten Fuß oder der Familiensituation.  

Es scheint fast, als sei Youssuf selbst ein Teil dieses Viertels, habe selbst das Elend hier erfahren. Aber darüber schweigt der junge Mann. Er verrät nur so viel: "Ich habe sehr, sehr viele Freunde, die in relativ jungem Alter angefangen haben, Drogen zu konsumieren und die sich dann schnell darin verloren haben."

Respektvoller Umgang ist lebenswichtig 

Dagegen wolle er mit seinen Videos ankämpfen. Youssuf sagt das sehr bestimmt, fast inbrünstig. Man nimmt ihm ab, dass er helfen will. Wobei es ihm auch besonders wichtig sei, dass jeder und jede seiner Protagonisten authentisch und respektvoll rüberkomme, betont er.  

"Das Bahnhofsviertel ist kein Spielplatz und es ist kein ungefährlicher Ort." Wer sich hier nicht benehme, Menschen vorführe oder schade, der würde das schnell zu spüren bekommen, sagt er. Dass er in zweieinhalb Jahren nie Probleme wegen seiner Videos gehabt habe, sei für ihn der Beweis, "dass die Videos auf eine respektvolle Art und Weise gemacht werden und dass die Menschen auch damit einverstanden sind."

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