Bild zur Ausstellung "Einfach grün"

In dichtbesiedelten Innenstädten ist der Sommer oft kaum erträglich: Die heiße Luft flirrt zwischen den Häuserzeilen, die Feinstaubbelastung steigt. Eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum zeigt Lösungsansätze - auch im Kampf gegen den Klimawandel.

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Bürgerhospital Frankfurt Dachgarten
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Hängende Gärten statt Betonwüste: Eine neue Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt gibt Anregungen für ungewöhnliche, verblüffende und pragmatische Möglichkeiten, die Städte grüner zu gestalten. Im Interview erklärt Co-Kurator und Begrünungs-Experte Rudi Scheuermann, warum das so wichtig ist.

hessenschau.de: In den Städten wird ständig nachverdichtet, weil immer mehr Menschen zuziehen, Grünanlagen, Gärten und Blumenwiesen müssen da oft weichen. Warum kann das zum Problem werden?

Rudi Scheuermann: Wir kriegen Sonneneinstrahlung tagsüber, die Wärme wird in der thermischen Masse, den Häusern, Wänden und asphaltierten Wegen absorbiert und nachts wieder abgegeben. Dadurch heizt sich die Stadt ständig auf und eine Abkühlung in der Nacht ist kaum mehr möglich.  Das bedeutet, dass wir nicht nur am Boden, sondern auch in jeder Etage unserer Häuser, also über Millionen von Quadratmetern, klimatisieren müssen. Klimaanlagen brauchen aber Strom, der in der Regel aus fossilen Rohstoffen gewonnen wird. Eine Bepflanzung dagegen hilft uns bei dem Management von Luftfeuchtigkeit und Aufheizung in der Stadt. Mit Begrünung von Dächern und Fassaden können wir also der Aufheizung der Städte, entgegenwirken.

hessenschau.de: Und was für Möglichkeiten gibt es, Städte zu begrünen?

Bild zur Ausstellung "Einfach grün"

Scheuermann: Zunächst einmal möchte ich sagen: Jede Pflanze zählt. Es ist wichtig, so viele Pflanzen wie möglich in die Stadt zu bringen, weil jede Pflanze das Kleinklima verbessert. Also sollten wir alle Flächen nutzen. Wenn die Flächen auf dem Boden nicht mehr vorhanden sind, dann können wir auch die Gebäudehülle nutzen. Die Dachbegrünung kennt man ja schon länger und die ist auch wahnsinnig sinnvoll.

Aber es ist ganz wichtig, dass wir auch an vertikale Flächen denken in der Stadt, das heißt, dass wir Gebäudefassaden, Brandwände und so weiter auch heranziehen, um Pflanzen wachsen zu lassen. Das können Kletterpflanzen sein, die sich hochranken, aber es gibt auch immer mehr Trägersysteme für vertikale Gärten, die dann an Fassaden wachsen. Damit bekommt man viel mehr Grün in die Stadt und das hat dann gleich mehrere Vorteile: Durch Pflanzen wird die Luft gereinigt, wir kriegen durch die Verdunstung der Bepflanzung mehr Abkühlung, der Lärm wird auch gedämpft und das baut zusätzlich noch Stress ab.

hessenschau.de: Und wo werden diese vertikalen Gärten, diese Fassadenbegrünung schon eingesetzt?

Scheuermann: Es gibt sehr verschiedene Systeme mit ausgeklügelter Bewässerung und Düngung. Leider sind die oft relativ teuer und im Unterhalt aufwendig. Deshalb werden diese Systeme im Moment häufig als Prestigeobjekt von großen Firmen und Konzernen betrieben. Das wirkt dann schon toll, manche Begrünung erinnert da schon fast an ein dreidimensionales Gemälde. Mir ist es aber wichtig, dass wir das nicht als Dekoration begreifen, sondern als infrastrukturelle Maßnahme, mit der wir die Stadt verbessern können. 

hessenschau.de: Gibt es denn auch Möglichkeiten, wie Privatpersonen bei der Begrünung von Städten mithelfen können?

Scheuermann: In der Ausstellung "Einfach grün" im DAM zeigen wir auch einfachere Lösungen: Zum Beispiel gibt es Säcke aus Recyclingmaterial, die sind mit Granulat befüllt und vorbesamt. Die werden statt dem Kies auf Flachdächer gepackt, aufgeschnitten und der Witterung ausgesetzt. Nach kurzer Zeit keimt das dann und man hat statt einem Kies-, ein Gründach.  Das ist einfach, kostengünstig und man braucht nicht mal eine Genehmigung. Und genau solche Lösungen brauchen wir für Städte, denn es reicht nicht, nur Neubauten zu begrünen, wenn wir den Klimawandel bremsen wollen, das muss in jedem Stadtteil passieren.

Bild zur Ausstellung "Einfach grün" - Wettbewerb

Wir haben auch einen Wettbewerb ausgerufen, wo Privatpersonen uns ihre Begrünungsprojekte zeigen. Das kann eine ausgeklügelt bepflanzte Dachterrasse sein, die zum Bienen- und Schmetterlingsparadies geworden ist, oder ein umgebauter Ziegenstall, der komplett begrünt und mit einer Hängematte zum öffentlichen Raum der Stille geworden ist.

hessenschau.de: Welche Fehler sollte man vermeiden?

Scheuermann: Natürlich muss man aufpassen, dass man nicht irgendwas an ohne entsprechende Beratung eine Fassade schraubt. Wenn es nicht richtig befestigt ist, kann es abfallen. Außerdem könnten sich durch Windsog oder Starkregen Behälter, Substrat oder Erde so stark vollsaugen, dass enorme Gewichte entstehen, also sollte man auch auf die Statik achten. Und dann gibt es noch zulässige Abstandsflächen, die man einhalten muss. Wenn man nur ein Efeu hochwachsen lässt, dann ist das Bepflanzung und kein Problem, aber in dem Moment, wo man Systeme auf die Wandfläche aufbringt sind, muss man den Abstand zum Nachbarn zumindest prüfen lassen.

hessenschau.de: Gibt es Förderung und Unterstützung, wenn Privatleute zum Beispiel einen vertikalen Garten für ihre Hausfassade anlegen wollen?

Scheuermann: Die Stadt Frankfurt und auch viele anderen Städte haben Programme, bei denen man Tipps bekommt oder Zuschüsse beantragen kann. Da bekommt man zum Beispiel einen Teil der Bepflanzung bezahlt, weil die Stadt dadurch einen großen Vorteil für das Kleinklima in der Stadt hat. Es ist allerdings leider nicht bundeslandweit organisiert, sondern man muss sich von Stadt zu Stadt durchfragen. Wichtig ist auf jeden Fall: Wir können nicht zu viel Grün in eine Stadt bringen, jede Pflanze zählt.

Weitere Informationen

Wann? Wo?

Die Ausstellung "Einfach grün" im Frankfurter Architekturmuseum läuft - coronabedingt zunächst nur online - vom 23. Januar bis 20. Juni 2021. Ein Wettbewerb, bei dem Privatleute ihre Begrünungsideen einreichen können, läuft noch bis Juni. Die eingereichten Beiträge werden von einer Jury bewertet und die Preisträger in der Ausstellung im DAM präsentiert. Weitere Informationen und Projekteinreichung unter: einfach-gruen.jetzt

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Das Gespräch führte Yvonne Koch.