Die Kinobranche leidet unter der Corona-Krise.

Am Donnerstag öffnen viele hessische Kinos wieder. Doch sie blicken mit Sorge in die Zukunft. Die Lichtspielhäuser stehen vor zwei großen Problemen, wie die Erfahrungen derjenigen zeigen, die den Betrieb schon hochgefahren haben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hessens Kinostart mit Berlinale-Hit "Undine"

Paula Beer in "Bad Banks" als Jana Liekam.
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Wenn Burkhard Hofmann auf die Zeit der Kinoschließungen zurückblickt, ist er dankbar: "Es gab eine herausragende Solidarität der Kinofans hier", erzählt der Betreiber der Kasseler Bali-Kinos. "Sie haben uns mit Spenden unterstützt oder Gutscheine gekauft." Hinzu seien verschiedene Hilfsprogramme des Bundes und des Landes gekommen, so dass die Bali-Kinos die Schließungszeit recht gut verkraftet hätten.

Beim Blick in die Zukunft ist die Sorge jedoch groß: "Die schwierige Zeit beginnt jetzt", sagt Hofmann. Die Hilfsprogramme seien ausgelaufen, doch die Resonanz beim Publikum bislang "bescheiden". Hofmann gehörte zu den ersten, die schon vor zwei Wochen einen Teil seiner Kinos öffnete: Am 18. Juni nahmen die beiden Säle im Kulturbahnhof den Betrieb auf, dann folgten im Wochenabstand die beiden anderen Säle in der Stadt.

"Wahrscheinlich ist die Verunsicherung beim Publikum noch zu groß", vermutet er. Außerdem sei der Sommer traditionell schwierig für die Kinos - bei gutem Wetter locken eher Biergarten oder Eiscafé. Anderen hessischen Kinos geht es ähnlich: "Wir hoffen auf etwa 600 Zuschauer von donnerstags bis sonntags", sagt Steffen Presse vom preisgekrönten Lumos Kino in Nidda (Wetterau), das am Donnerstag den Betrieb startet. Das gäben die Buchungszahlen aber noch nicht her.

Blockbuster fehlen

Und er blickt in eine unsichere Zukunft: "Wir gehen mit einem guten Programm von 30, 40 Filmen in die nächsten Wochen", sagt er. "Dadurch, dass die Verleiher aber keine umsatzstarken Filme starten, wird es weiterhin schwierig sein." Der Start von Blockbustern sei verschoben oder ins Internet verlegt worden, erklärt Andreas Heidenreich, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands für Kommunale Filmarbeit mit Sitz in Frankfurt. Ob der Kinostart eines Blockbusters wie Christopher Nolans "Tenet" wie geplant im Herbst stattfinden könne, hänge auch vom Infektionsgeschehen in den USA ab. Und das gebe derzeit zusätzlich Grund zur Sorge.

Hinzu komme, dass jedes Bundesland eigene Termine und Hygienebestimmungen aufgestellt hätte, so dass ein einheitlicher Neustart unmöglich war. "Das hätte aber die Werbung leichter und planbarer gemacht", weiß Heidenreich. Wie hoch die Verluste der Kinos in diesem Jahr sind, sei noch nicht absehbar. "An diese Zahlen traut sich noch keiner heran", sagt er.

Fest steht: Die Kosten laufen weiter oder sind sogar gestiegen, wie der Kasseler Kino-Betreiber Burkhard Hofmann berichtet: "Wir haben unsere Mitarbeiter aus der Kurzarbeit geholt. Hinzu kommen die Ausgaben für die Hygienemaßnahmen, Handschuhe zum Beispiel oder Desinfektionsmittel." Nach jeder Vorstellung müsste der Saal desinfiziert werden.

Problem Abstandsregel

Überhaupt, ein großes Problem stelle die Abstandsregel dar, nach der die Kinos fünf Quadratmeter pro Gast veranschlagen müssen: "In unserem Gloria-Saal zum Beispiel können wir von 342 Plätzen nur 68 besetzen", berichtet Hofmann. Das mache ein wirtschaftliches Arbeiten unmöglich. Typisches Kinogefühl könne sich bei den Besuchern auch nicht einstellen. "Wenn Sie vier Gäste einlassen, müssen Sie 20 Plätze sperren", rechnet Lumos-Betreiber Steffen Presse vor.

Etwas optimistischer sind die Frankfurter Programmkinos, die jetzt den Betrieb wieder aufnehmen. Das Mal Seh'n etwa berichtet von einer guten Nachfrage. Auch Natascha Gikas, Leiterin des Kinos im Frankfurter Filmmuseum freut sich: "Unsere Probevorstellungen waren fast alle ausverkauft - wobei wir nur 24 Sitze besetzen konnten."

Programmkinos hätten den Vorteil, dass sie sowieso ein spezielles Publikum anziehen, sagt sie. "Außerdem sind wir nicht auf bundesweite Filmstarts angewiesen, sondern können auf unser Filmarchiv zurückgreifen." Doch auch sie hofft auf den Wegfall der Fünf-Quadratmeter-Regel.

"Die Uhr tickt"

"Uns ist klar, dass wir bei all den Problemen, die die Politik gerade zu bewältigen hat, nicht an erster Stelle stehen", sagt Andreas Heidenreich. Er sei aber optimistisch, dass die Regel, die ohnehin nur in Hessen gelte, demnächst falle, so dass die Kinos zumindest etwas wirtschaftlicher arbeiten könnten.

Laut Christian Bräuer vom Netzwerk AG Kino wäre ein Meter Abstand - wie in Österreich - eine Verbesserung, weil dann immerhin jede Reihe besetzt werden könnte. "Dann wäre ein Schachbrettsystem denkbar, bei dem zwar jede Reihe, die Plätze aber versetzt und nicht direkt hintereinander belegt werden."

Bis dahin hoffen die Betreiber, dass sie durchhalten - irgendwie: "Wir hoffen darauf, dass die Verleiher von weltweiten Starts abrücken und auf Märkten beginnen, die schon funktionieren", sagt Lumos-Betreiber Presse. Erste Schritte in diese Richtung gebe es schon. Der Kasseler Kino-Betreiber Hofmann ergänzt: "Die Uhr tickt."

Weitere Informationen

Gemeinsamer Start im Juli

Am 2. Juli öffnen in vielen Städten große Kinos, aber auch kleine Filmtheater ihre Säle. Einige Kinos wie das Lumos in Nidda oder die Filmkunsttheater in Frankfurt haben sich für Werbekampagnen zur Wiedereröffnung zusammengetan. Gezeigt werden Filme aus dem ersten Quartal oder Filme, deren Start damals verschoben wurde - "Undine" etwa des deutschen Regisseurs Christian Petzold mit "Bad Banks"-Star Paula Beer. Die ersten Blockbuster sollen im Herbst starten.

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Sendung: hr2, 30.06.2020, 7.15 Uhr