Junge Frau steht im Lichtkegel, umgeben von dunklen Vitrinen

Heimatmuseen haben ein schlechtes Image: Verstaubt, veraltet, aus der Mode. Es gibt aber auch Museen in Hessen, die zeigen, wie es besser gehen kann – und die Heimat neu definieren.

Audiobeitrag

Audio

Heimatmuseen ade?

Plastik-Modell eines Procynosuchus
Ende des Audiobeitrags

Korbach hat einen sehr, sehr alten Einwohner. Er ist 250 Millionen Jahre alt, wird liebevoll "Korbacher Dackel" genannt und wohnt im Wolfgang-Bonhage-Museum. Der Korbacher Dackel ist in Wirklichkeit kein Dackel, sondern ein säugetierähnliches Reptil namens Procynosuchus und vielleicht einer unseren ältesten Vorfahren. Eigentlich findet man ihn sonst nur auf dem afrikanischen Kontinent – oder eben in der Fossillagerstätte Korbacher Spalte. Das lernen Besucherinnen und Besucher im Korbacher Museum. Sie würden wahrscheinlich nicht auf die Idee kommen, dass dieses Museum ursprünglich mal ein klassisches Heimatmuseum war, wie es viele in Hessen gab.

“Damals war man bestrebt, die gute alte Zeit zu konservieren und mit in die modernen Zeiten hinüberzutragen”, sagt Arnulf Scriba, Museumsleiter im Korbacher Museum. Alte Trachten und Handwerk in einer Vitrine seien aber nicht mehr zeitgemäß. Ein Museum müsse erfahrbar sein, alle Altersgruppen erreichen und vor allem: Eine Verbindung zum Jetzt aufbauen. In Korbach hatte man das schon in den 1990er Jahren verstanden. Aus dem verstaubten Heimatmuseum wurde unter der Ägide von Oberbürgermeister Wolfgang Bonhage ein ordentliches Stadtmuseum in einem architektonisch bemerkenswerten Mix aus Alt- und Neubau.  

Neue Themen müssen her 

Alter Kaufmannsladen mit den originalen Verpackungen

Aber nicht jedes Museum kann sich mit Fossilienfunden von überregionaler Bedeutung schmücken. Ein häufiges Problem sei, dass Ausstellungstücke in Heimatmuseen einfach nur alt sind, sagt Christina Reinsch, Vorsitzende des Hessischen Museumsverbandes. Damit gehe einher, dass sich junge Leute von ihnen nicht angesprochen fühlten, weil sie ihre Lebenswelt nicht wiederfinden. 

Sie nennt Beispiele, wie man diese Verbindung herstellen kann: Statt nur altes Werkzeug auszustellen könnten Museen zum Beispiel den Nachhaltigkeitsaspekt von Handwerk in den Vordergrund stellen. Ein anderes Beispiel: die klassischen Tante-Emma-Läden. "Heute haben wir wieder die Unverpackt-Läden in vielen Städten, wo ganz bewusst wieder darauf gesetzt wird, eben nicht verpackte Ware anzubieten“, schlägt Christina Reinsch vor. Auch Kooperationen mit Schulen können helfen junge Menschen ins Museum zu bringen. Zum Beispiel wenn - wie im Museum Heppenheim - Schulklassen eigene Ausstellungen mit eigenen Themen planen. 

Den Nerv treffen

Mehrere Frauen sitzen um einen großen Tisch im Museum

Genauso sieht das auch Katharina Weick-Joch, Museumsleiterin des Oberhessischen Museums in Gießen. Auch hier will man sich nicht Heimatmuseum nennen, sondern ein regional-geschichtliches Universalmuseum – es gehe nämlich um mehr als Heimat. "Als Ausstellungsmacher muss man sich die Frage stellen: Wie kriegt man den Bogen hin zu den Menschen, die man erreichen will?", sagt Katharina Weick-Joch.  

Audiobeitrag

Audio

Digge mal! Das Manische in Gießen

Grafiken von Sprechblasen
Ende des Audiobeitrags

Das Oberhessische Museum will das zum Beispiel über Sprache erreichen. In einer Ausstellung über die mittelalterliche Geheimsprache Manisch könne man viel über Stadtgeschichte lernen. Die Basketballmannschaft der Gießener trägt so einen manischen Namen: "Rackelos", das heißt so viel wie "Brüder". Es gehe in der Ausstellung um eine Sprache, die in die Popkultur eingeflossen sei, die aber auch sehr viel mit Ausgrenzung von Menschen zu tun habe. Die manisch sprechenden Menschen wurden außerhalb von Gießen angesiedelt. "Das hat einen Nerv getroffen", sagt die Museumsleiterin. 

Museen bringen Zusammenhalt 

Altes Hochrad im  Museum

Was Heimat bedeutet, ist also im Wandel. Ein Heimatmuseum kann helfen, das bewusst zu machen. Und gleichzeitig ein Ort zu sein, an dem Heimat neu definiert wird. Für Luisa Wipplinger, Museumsreferentin in Heppenheim, bedeutet das noch mehr. Für sie verbindet die Geschichte einer Stadt auch ihre Einwohner untereinander: "Ich denke, dass eine Gesellschaft oder einer Kultur auch von einem Zusammenhalt lebt. Das ist wichtig für die Entwicklung der Stadt, für die Gemeinde, die Gemeinschaft, für die kulturelle Szene". Ein Museum kann für sie identitätsstiftend sein, gleichzeitig aber auch ein Ort mehrerer Identitäten. Eben ein Ort, an dem Geschichte nicht nur ausgestellt wird, sondern sich auch verändert. 

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen