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Ausstellung im Frankfurter Kunstverein befasst sich mit Attentat von Hanau

Noch vor ihrer Eröffnung hat die Ausstellung "Three Doors" im Frankfurter Kunstverein Wellen geschlagen: Sie zeigt neue Erkenntnisse zum rassistischen Attentat in Hanau und zu Ermittlungsfehlern der Polizei, gibt aber auch dem Leid der Angehörigen Raum.

Sie müssen es erneut durchmachen. Die schrecklichen Ereignisse vom 19. Februar 2020 in Hanau werden wach. Mehrere Angehörige der neun Opfer des rassistischen Attentats haben sich dem Rundgang durch die Ausstellung "Three Doors" im Frankfurter Kunstverein angeschlossen. "Ein Flashback", sagt Armin Kurtovic, Vater von Hamza Kurtovic, einem der Opfer der Tatnacht. "Es kommt alles wieder hoch."

Aber es ist nicht nur die Erinnerung, die ihn quält. "Wenn man sich das alles so anguckt, dann bekommt man Angst. Weil aus den Fehlern bis heute keine Lehren gezogen wurden."

Ermittlungen rund um drei Türen

Die Ausstellung will das ändern. Im Zentrum stehen - der Name verrät es bereits - drei Türen: der Notausgang der Arena-Bar in Hanau-Kesselstadt, in der auch Hamza Kurtovic getötet wurde. Außerdem die Tür zum Haus des Attentäters, nicht weit vom Tatort entfernt.

Die dritte Tür gehört zu einem länger zurückliegenden Fall. Sie führt in Zelle 5 des Polizeireviers Dessau in Sachsen-Anhalt, in der am 7. Januar 2005 der aus Afrika stammende Asylbewerber Oury Jalloh starb.

Die Türen stehen für drei neue Arbeiten des britischen Künstlerkollektivs Forensic Architecture und ihres Berliner Ablegers Forensis. Seit 2011 untersucht die Rechercheagentur rassistische Vorfälle. Dabei tragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern Material aus unterschiedlichen Quellen zusammen, etwa Bilder aus Überwachsungskameras, Zeugenaussagen oder Ermittlungsdokumente. Sie analysieren es, deuten es und ziehen daraus neues Wissen.

Bildschirme zeigen Videoarbeiten in der Ausstellung Three Doors im Kunstverein Frankfurt

Die Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, Franziska Nori, erklärt, warum die Forschungsagentur neue Erkenntnisse gewinnen konnte: Forensic Architecture besitze die Fähigkeiten, "bildwissenschaftlich zu untersuchen" - unterschiedliches Material aus unterschiedlichen Quellen. "Sie deuten dieses Material, rekonstruieren es, analysieren es und beziehen daraus neue Informationen und Wissen."

Auch im Fall des vom NSU ermordeten Kasselers Halit Yozgat hatte Forensic Architecture neue Erkenntnisse präsentiert: Auf der letzten documenta bauten die Forscher für ihre Aufarbeitung der Ereignisse das Internetcafé Yozgats komplett nach - und zeigten mit einem Digitalmodell, dass der hessische Ex-Verfassungsschützer Andreas Temme den Mord an Yozgat mitbekommen haben muss. Anders, als von den Ermittlungsbehörden zuvor behauptet.

Zeittafel zeigt Einsatzpannen

Grundlage für die neuen Arbeiten ist ein Auftrag der Initiative 19. Februar Hanau, die Forensic Architecture bei drei Fragen um Hilfe gebeten hatte: Hat der Vater des Attentäters Tobias R. bei seinen Aussagen gelogen? Wie lief der Polizeieinsatz ab? Und wie konnte die Polizei vor Ort die Schüsse im Haus von R. nicht gehört haben?

Zentrale Ergebnisse der Untersuchungen sind in eine Zeittafel geflossen, die sich fast über die gesamte Länge eines Ausstellungsraums erstreckt. Sie bildet den genauen Ablauf des Tatabends vom 19. Februar ab. Auf klar nachvollziehbaren Handlungsstreifen lässt sich ablesen, zu welcher Uhrzeit und an welchen Orten der Attentäter auf seine Opfer traf. Wen er tötete und wer überlebte. Wie lange Verletzte nicht versorgt wurden, obwohl die Polizei längst vor Ort war.

Hier ist auch zu sehen, wie Vili-Viorel Păun den Attentäter verfolgte, wann und wie oft er vergeblich den Notruf der Hanauer Polizei anwählte und wie er schließlich vom Attentäter erschossen wurde.

Polizei weist Vorwürfe zurück

Außerdem zeigt die Tafel die Aktionen von Polizei und Spezialeinsatzkommando (SEK). Die eingezeichneten Zeiten und Bewegungen legen offen, dass das Haus des Attentäters über mehrere Stunden nicht überwacht war. Der Täter hätte problemlos fliehen und weiter morden können. Auch, weil der Polizeihubschrauber ziellos über dem Gebiet kreiste - der Pilot kannte die richtige Adresse nicht, wie die Untersuchungen von Forensic Architecture belegen.

Das zuständige Polizeipräsidium Südosthessen wies die Vorwürfe des Recherchekollektivs teilweise zurück. Ein Sprecher teilte dem hr mit, sie habe das Auto des Attentäters innerhalb kürzester Zeit festgestellt und sein Haus gesichert, bis das SEK eintraf. Wegen umfangreicher Aufklärungsmaßnahmen sei es aber erst mehrere Stunden später gestürmt worden. Warum der Polizeihubschrauber in der Nacht keinen Funkkontakt hatte, erklärte der Sprecher allerdings nicht.

Angehörige fordern weitere Ermittlungen

Die Zeittafel zeigt auch, wann der Attentäter in der Arena-Bar auf Hamza Kurtovic und mehrere seiner Freunde traf. "Es ist ein Trauerspiel", sagt sein Vater Armin Kurtovic. "Aber die Menschen sollen es sehen."

Armin Kurtovic, Vater des getöteten Hamza Kurtovic, steht in der Ausstellung Three Doors im Kunstverein Frankfurt vor einer Zeittafel. Er trägt ein weißes Hemd und blickt in die Kamera.

Im Frankfurter Kunstverein können sie das. Sie können Skizzen ansehen, die zeigen, wo Hamza und seine Freunde standen. Sie können nachvollziehen, dass sie gar nicht erst versucht hatten, durch den Notausgang zu fliehen - weil der üblicherweise verschlossen war.

Schon lange dringen Hamzas Vater und andere Angehörige darauf, zu klären, warum das so war. Sie haben den Verdacht, dass die Polizei den Barbesitzer dazu angehalten hatte, damit bei Razzien niemand entkommen kann.

Armin Kurtovic will, dass die Ermittlungen dazu wieder aufgenommen werden. Für ihn liefert die Ausstellung weitere Beweise für ein Versagen von Behörden und Polizei, von strukturellem Rassismus. Er möchte, dass dieses Versagen eingestanden wird und es eine Entschuldigung gibt. Und vor allem möchte er, dass daraus Schlüsse gezogen werden, damit sich das Geschehen von Hanau nicht mehr wiederholen kann.

Die dritte Tür führt nach Dessau

Die verschlossenen Türen von Hanau sind in der Ausstellung umschrieben. Die dritte Tür steht als Nachbau in der Ausstellung. Die Besucher können durch sie die Zelle 5 im Polizeipräsidium Dessau betreten. Hier verbrannte Oury Jalloh am Morgen des 7. Januar 2005. Er soll, obwohl er an Händen und Füßen gefesselt war und auf einer feuerfesten Matratze lag, selbst das Feuer entfacht haben, durch das er ums Leben kam.

Eine nachgebaute Tür zur Zelle Oury Jallohs in der Ausstellung Three Doors im Frankfurter Kunstverein

Forensic Architecture hat die Zellentür und ihr Umfeld digital und physisch nachgebaut und darauf die Spuren projiziert, die das Feuer an den Wänden der Zelle hinterlassen hat - der sogenannte Rauchhorizont. Die Ausstellung zeigt, dass er an der Innenseite der Zellentür fast identisch ist wie im Flur vor der Zelle.

Das Recherchekollektiv schließt daraus: Die Zellentür muss während des Feuers offen gewesen sein. "Die Tür erzählt eine andere Geschichte als die Polizei", sagt Eyal Weizman, Leiter von Forensic Architecture.

"Wir leben in einem Land, das Leute umbringt"

Davon ist auch Mouctar Bah überzeugt, ein Freund von Oury Jalloh. Er kämpft seit dessen Tod um Aufklärung. Angehörige und Freunde vermuteten von Anfang an, dass der Sierra-Leoner in Polizeigewahrsam ermordet wurde. Sie haben Untersuchungen des Leichnams finanziert, bei denen sich herausstellte, dass das Nasenbein von Oury Jalloh und andere Knochen gebrochen waren.

Der Nachbau des vermeintlichen Tatorts hinterlässt seinen Freund Mouctar Bah sichtlich bewegt. "Wir leben in einem Land, das so viele Verbrechen begangen hat und immer noch Leute umbringt."

Drei Männer stehen vor einer Wand mit der Aufschrift "Zelle 5, Polizeirevier Dessau".

Die Ausstellung zeigt auch das Leid der Angehörigen

Auch die Angehörigen in Hanau kämpfen inzwischen seit mehr als zwei Jahren. Ihre Versuche, mehr Aufklärung einzufordern und dabei selbst für Aufklärung sorgen zu müssen, sind in der Ausstellung auf einer weiteren Zeittafel festgehalten. Im gleichen Raum sind ihre Aussagen vor dem Wiesbadener Untersuchungsausschuss in Videoaufnahmen dokumentiert, damit sie nicht in den Akten des Landtags verschwinden. Damit sie Gehör finden und das Leid der Angehörigen geteilt werden kann.

Leid, das nicht nur durch den Attentäter, sondern auch durch das Agieren von Polizei und Behörden erzeugt wurde. Zum Beispiel das von Niculescu Păun und seiner Frau Iulia, das im Frankfurter Kunstverein in einer Videoarbeit von Grimme-Preisträger Marcin Wierzchowski und Pola Sell gezeigt wird.

Kuratorin Franziska Nori steht mit Angehörigen der Opfer von Hanau und Oury Jalloh sowie Mitarbeitenden von Forensic Architecture im Foyer des Frankfurter Kunstvereins.

Sie dokumentiert, dass die Eltern lange nicht informiert waren, dass ihr Sohn Vili-Viorel unter den Opfern ist. Dass sich ihnen nur nach und nach erschloss, dass ihr Sohn versucht hatte, den Attentäter zu stoppen. Dass er noch leben könnte, wenn der Polizeinotruf funktioniert hätte. Und dass auf dem Obduktionsbericht Name und Geburtsdatum von Vater Niculescu eingetragen waren, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre.

Er sagt über die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein: "Die Wahrheit ist in diesem Raum."

Weitere Informationen

Three Doors im Frankfurter Kunstverein

Die Ausstellung ist ein Zusammenschluss des Künstlerkollektivs Forensic Architecture und seiner Schwesteragentur Forensis Berlin, der Initiative 19. Februar Hanau, der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh, Journalisten sowie des Frankfurter Kunstvereins. Sie zeigt bis zum 11. September drei neue Arbeiten von Forensic Architecture/Forensis, die rassistisch motivierte Vorfälle in Deutschland untersuchen. In jedem der drei Fälle wird eine Tür zu einem Sinnbild für die anhaltende und alarmierende Verwicklung staatlicher Behörden in rassistische Gewalt.

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